Predigt
(Pastor Gert Kelter am 18. Sonntag nach Trinitatis 2001)
Heilsame Grenzen.
Und Gott redete alle diese Worte:
Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.
Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist:
Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen,
aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.
Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.
Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest.
Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun.
Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt.
Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.
Du sollst nicht töten.
Du sollst nicht ehebrechen.
Du sollst nicht stehlen.
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat. (2 Mose 20, 1-17)
Liebe Schwestern und Brüder,
der amerikanische Erzähler T. C. Boyle beschreibt in seiner Kurzgeschichte „Ende der Nahrungskette" auf skurrile Weise, wie amerikanische Entwicklungshelfer auf Borneo - sicherlich in der besten Absicht zu helfen- in das Gleichgewicht der Natur eingreifen und schließlich eine Hungerskatastrophe auslösen. Am Anfang stand die Idee, Moskitos, die Krankheiten übertragen können, durch das chemische Präparat DDT zu vernichten. Dabei wurden aber auch winzig kleine Wespen dezimiert, die sich von Raupen ernährten, sodass zwar die Moskitos weniger wurden, dafür aber eine Raupenplage ausbrach. Die Raupen fraßen alles, was grün war, unter anderem auch die palmwedelgedeckten Dächer der Hütten. Im tropischen Borneo, wo es das ganze Jahr über stark regnet, beginnt alles regendurchnässt zu faulen, sodass sich die Fliegen mit rasender Geschwindigkeit vermehren und einen erneuten DDT-Einsatz erfordern. Die Milliarden vergifteter Fliegen werden zum gefundenen Fressen der Geckos, kleiner harmloser Eidechsen, die man auch aus dem Urlaub in Südeuropa kennt. Die hohe DDT-Konzentration der Fliegen führt nun zu einem enormen Geckosterben, sodass die Katzen Borneos, die die schnellen Geckos sonst kaum erwischen, sich die Bäuche mit den taumelnden, sterbenskrank kriechenden Geckos vollschlagen und ebenfalls daran massenweise zugrunde gehen. Da keine Katzen mehr da sind, die sich um die Ratten kümmern, kommt es zu einer Rattenplage und in der Folge zum Ausbruch der Beulenpest. Gegen die Ratten werden nun Hundehrtausende australischer Katzen importiert, die allerdings weniger Lust auf die aggressiven Ratten als auf kleine einheimische Nager haben, die sich von Insekten ernähren, die sich wiederum hauptsächlich von Rüsselkäfern und anderen Getreideschädlingen ernährten. Am Ende vermehren sich die Schädlinge so stark, dass die Ernte fast vollständig vernichtet wird und eine katastrophale Hungersnot ausbricht. Ursprünglich wollte man nur den Bestand an Moskitos etwas reduzieren, am Ende lag ein Volk im Sterben, das jahrtausendelang mit den Moskitos - aufs Ganze gesehen- durchaus ganz gut zurecht kam.
Diese makabre Geschichte, die nur teilweise erfunden ist, zeigt, was es heißt, an einer scheinbar harmlosen Stelle in ein zusammengehöriges, aufeinander abgestimmtes Ganzes einzugreifen. Der Mensch, der meint, Gott, dem Schöpfer auf die Sprünge helfen zu müssen, der selbst Gott spielt, wird zum Zerstörer der Schöpfung.
Gott hat die Welt wohlgeordnet. Von Anfang an. Er hat Strukturen geschaffen, in denen es sich gut leben lässt. Dazu gehört die Naturordnung mit dem Wechsel von Sommer und Winter, Frost und Hitze, Tag und Nacht genauso wie die Ordnungen des menschlichen Zusammenlebens und die Ordnung, die das Verhältnis zwischen Gott und Menschen regelt. Gott ist kein Gott der Unordnung, heißt es im 1. Korintherbrief, sondern des Friedens. Das ist deshalb bedeutsam, weil es hier eben nicht heißt: Der Ordnung, wie die meisten wahrscheinlich automatisch den Satz vervollständigt hätten: Nicht der Ordnung, sondern des Friedens". Das Gegenteil der Unordnung ist also keine tote Ordnung, in die man sich sklavisch zu fügen hätte, sondern das Gegenteil der Unordnung, die der Mensch in Gottes Ordnungen bringt, ist der Frieden. Und diesen Frieden, der höher ist, als alle unsere ordnende und reglementierende Vernunft, diesen Frieden will Gott für seine Schöpfung. Das ist das friedliche Gleichgewicht der Natur, das friedliche Zusammenleben der Menschen untereinander und vor allem der Frieden zwischen Gott und den Menschen.
Um dieses göttlichen Friedens willen, nicht im Sinne eines einengenden Gesetzes, hat Gott auch die Zehn Gebote erlassen und sie den Menschen geschenkt.
Das zu erkennen setzt Vertrauen voraus. Vertrauen darauf, dass Gott es gut mit uns Menschen meint, dass er uns Lebensraum, Raum zum Atmen, zur Entfaltung schenken will und diesen Lebensraum durch seine Gebote nicht einengen und begrenzen, sondern schützen und sichern möchte.
Es ist nicht ganz zufällig ein Satz aus dem Neuen Testament, der uns Gott als Gott des Friedens offenbart, als Gott, dessen Ordnungen nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Frieden sind. Nicht, dass dieser Gesichtspunkt im Alten Testament gar nicht zu finden wäre. „Gedenke des Sabbats, dass Du ihn heiligst" lautet das 3. Gebot noch im Wortlaut der Zehn Gebote kurz und knapp. Im Laufe der Zeit hatten die Rabbinen aus den 39 Arbeiten zum Bau der Stiftshütte über 900 Einzelregeln entwickelt, die festlegten, welche Arbeiten am Sabbat erlaubt und welche verboten sind. Der eigentliche Sinn des 3. Gebotes, nämlich an der Ruhe Gottes teilzuhaben, Zeit der Ruhe für Körper und Seele zu finden und Zeit zum Gespräch mit dem Ursprung und der Quelle des Lebens zu haben, dieser Sinn wurde dadurch völlig verschüttet. Die Sabbatgesetze waren zum Joch, zum Korsett geworden und es ist Jesus Christus, der den Menschen dieses Gebot wieder neu zurückgibt, als Kraftquelle und Gottesgeschenk neu erschließt.
Und Jesus Christus macht auch deutlich, dass wir Menschen immer dann, wenn wir das Ganze der Ordnungen Gottes aus dem Blick verlieren, zuletzt den Frieden verlieren, den uns die Ordnungen Gottes eigentlich schenken wollen. Denn aus der Flut von Gesetzen und Vorschriften erwuchs zugleich die Meinung, sich Gottes Wohlgefallen durch die Befolgung dieser Gesetze selbst verdienen zu können. Und im Gefolge dieser Vorstellung befanden sich sehr schnell Heuchelei, fromme Fassaden vor schwarzen Seelen, üble Nachrede, geringschätziges Urteilen, Selbstüberhebung und Gottvergessenheit. Aus Mangel an Vertrauen auf Gottes gute, einfache und heilsame Friedensordnungen, denen man nicht zutraute, dass sie in ihrer Schlichtheit perfekt und vollkommen waren, erwächst eine Kettenreaktion an Gebotsübertretungen, die alles in Unordnung bringen und tiefen Unfrieden hinterlassen.
Überprüfen wir doch einmal vor dem Hintergrund dieser Gedanken unsere heutigen Gesellschaftsordnungen:
Heiligung des Feiertags: Der Wechsel von Ruhe und Arbeit, von Werktag und Gottesdiensttag ist weitgehend aufgehoben. Respekt vor Eltern, Vorgesetzten, Übergeordneten: Unter dem Deckmantel von Demokratie, Gleichberechtigung und Selbstverwirklichung hat sich unsere Welt zu einer Kampfgesellschaft der Eigeninteressen entwickelt, in der niemandem noch etwas heilig ist, wo traditionelle Gefüge aufgebrochen wurden und ein natürliches Achten des anderen, der mir etwas voraus hat, durch das Recht des Stärkeren abgelöst wurde.
Ehrfurcht vor dem Leben: Schlagworte wie Abtreibung, Euthanasie, Präimplantationsdiagnostik genügen, um deutlich zu machen, dass Leben kein Wert an sich mehr ist.
Schutz der Ehe: Wer davon noch redet, befindet sich in der Minderheit. Wer unter Ehe ausschließlich die Lebensgemeinschaft zwischen Mann und Frau versteht, steht im Verdacht intolerant zu sein. Wer Ehe als lebenslängliche Gemeinschaft begreift, die auch noch auf Nachkommen abzielt, ist hoffnungslos hinterm Mond. Und wo Frauen der Ansicht sind, dass sie wirklich anders sind als Männer und Männer grundsätzlich anders sind als Frauen und sich das auch im Zusammenleben, so partnerschaftlich das im Einzelnen sein kann, auswirkt, da erntet man nur Kopfschütteln.
Eigentum verpflichtet: Dass zum Besitzen auch Verantwortung und Bereitschaft zum teilen gehört, wird erst in letzter Zeit manchem wieder bewusst. Allerdings nicht aus purer Nächstenliebe, sondern aus Angst davor, dass die Habenichtse aus den Armenhäusern der Welt massenhaft in die Regionen der Reichen und Wohlhabenden strömen, aus Sorge vor Revolutionen, Aufständen, Terrorfeldzügen und dem Zusammenbruch der Weltwirtschaft.
Wahrheitspflicht: Kaum jemand vertritt noch eine absolute Wahrheit. Und wenn, gerät man unter den Fundamentalismusverdacht. Alles ist relativ. Wahr ist, was die Mehrheit für jeweils wahr erklärt. Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit sind nur solange gut, wie sie den eigenen Interessen nicht entgegenstehen, können aber sofort einer Fülle sogenannter Sachzwänge weichen.
Brüder und Schwestern, dass die Welt so ist wie sie ist, weiß eigentlich jeder. Auf der Suche nach den Ursachen stoßen wir auf eine Mischung aus gutgemeinten und bösegemeinten Absichten, Gedankenlosigkeit und bewusster Skrupellosigkeit. Bei dem Versuch, einen Missstand zu lindern oder zu beseitigen stellen wir fest, dass oft genug ein Übel mit einem anderen bekämpft wird. Gerade in diesen Wochen merkt man wieder, in welchem Dilemma die Welt sich befindet, wenn es gilt, Terror mit Gewalt zu bekämpfen oder ihn tatenlos hinzunehmen und sich dabei die Gewalt immer nur steigert und aus einer Bosheit die nächste resultiert. Aber was stand am Anfang der Kette? Was war, um die Geschichte vom Beginn aufzugreifen, das Gift, mit dem ein paar lästige Moskitos bekämpft werden sollten, das aber schließlich zur Katastrophe führte?
Es ist meine feste Überzeugung, dass die Bibel recht hat, wenn sie sagt: Am Anfang steht die Übertretung des ersten und wichtigsten aller Gebote „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir." Und Jesus fügt hinzu: „Und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Es ist kein anderes Gebot größer als diese."
Das DDT, das Gift, das die Welt aus den Fugen zu bringen droht, das sich schleichend ausbreitet und eine Kettenreaktion der Vergiftung herbeiführt, ist die Verletzung dieses ersten Gebotes. Aber diese Diagnose ist auch die Voraussetzung für die Heilung.
Es ist nicht anders als bei einem kranken Menschen, der seine Erkrankung spürt, deren Folgen immer deutlicher werden, aber nicht zum Arzt geht, sondern anfängt, selbst an sich herumzudoktern. Er wird die Ursache nicht erkennen und nicht behandeln und schließlich an der Krankheit zugrunde gehen. Und die selbsterdachten Therapien werden ihn nur noch länger und nur noch schlimmer leiden lassen.
Es geht darum, zum Arzt zu gehen und mit der Entgiftung zu beginnen. Und zwar bei sich selbst. Die Welt wird sich dadurch nicht nennenswert verändern. Aber die kleinen Welten, von denen jeder Mensch umgeben ist und die Welt im Inneren jedes Menschen - die werden sich verändern. Dazu ist Gott in Jesus Christus Mensch geworden. Ich bin der Herr, dein Arzt und des Menschen Sohn ist nicht für die Gesunden, sondern für die Kranken gekommen.
Wer Jesus Christus kennenlernt und ihn als seinen Arzt und Therapeuten annimmt, der lernt Gott selbst auf eine ganz neue Weise kennen: Als den, der Heil und Frieden will, der uns nicht belastet, sondern befreit, als den Herrn, der uns nicht beherrschen will, sondern uns heilsame Grenzen setzt, in denen man leben kann. „Nehmt mein Joch auch euch und lernt von mir", sagt Jesus. Es ist nicht schwer. Fangt an, die Gebote Gottes in ihrer Tiefe zu verstehen und in eurem Leben anzuwenden. Und erkennt, dass Gott eure Vater ist, dem ihr voll und ganz vertrauen dürft, dass er weiß, dass das gut für euch ist. Stellt alle eure Selbstheilungsversuche ein. Wenn ihr scheitert, wenn ihr Rückfälle erleidet, dann kommt her zu mir: ich will euch wieder aufrichten, euch neue Kraft geben und euch den Weg zeigen, der zum Leben führt. Selig sind die geistlich Armen, die schlicht und einfach wörtlich nehmen, was wörtlich gemeint ist, die mir nachfolgen und sich nicht daran stören, dass das, was ich sage, so wenig spektakulär scheint.
Liebe Gemeinde: Ein Hauptgrund für die Anziehungskraft des Islam ist seine Einfachheit, ist sein Anspruch, wörtlich verstanden und ins Leben umgesetzt zu werden. Gott ist die höchste Autorität, der sich alles und jeder zu unterwerfen hat. Der Hauptirrtum des Islam ist dabei, dass diese Unterwerfung mit Gewalt erfolgen darf und muss. Dahinter steht ein falsches und gefährliches Gottesbild.
Ein Hauptgrund für die immer geringer werdende Anziehungskraft des christlichen Glaubens ist die Tatsache, dass Menschen im Laufe der Jahrhunderte ihn so kompliziert, so schillernd, so wenig greifbar gemacht haben. Nichts darf wörtlich verstanden werden, alles darf hinterfragt werden, niemand sagt einem mehr, was wirklich gilt. Und Gottes absolute Autorität, der man liebevoll vertrauen darf, ist der Ansicht gewichen, dass der Mensch selbst und seine Bedürfnisse das Maß aller Dinge sind.
Dabei stand am Anfang der Kirche der einfache Satz Jesu Christi: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich.
Amen.