Predigt
(Pastor Gert Kelter am 2. Sonntag nach Epiphanias 2001)
Zur Freiheit hat uns Christus befreit.
Und die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten viel; und es kamen einige, die sprachen zu ihm: Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, und deine Jünger fasten nicht?
Und Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten.
Es wird aber die Zeit kommen, daß der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten, an jenem Tage.
Niemand flickt einen Lappen von neuem Tuch auf ein altes Kleid; sonst reißt der neue Lappen vom alten ab, und der Riß wird ärger.
Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißt der Wein die Schläuche, und der Wein ist verloren und die Schläuche auch; sondern man soll neuen Wein in neue Schläuche füllen.
Liebe Schwestern und Brüder,
„da muß ich mich wohl im Sonntag geirrt haben", war mein erster Gedanke, als ich diesen Abschnitt zum ersten Mal las. Aber es stimmte: Diese Verse sind nicht einem Sonntag in der Fastenzeit, sondern dem 2. Sonntag nach Epiphanias zugeordnet, den wir heute feiern.
Und wer sich die Zeit zu einem zweiten Blick nimmt, wird schnell merken: Da geht es –genau genommen- gar nicht um das Fasten, sondern um das Nicht-Fasten.
Dieses Nicht-Fasten ist es ja, was die Jünger Jesu von den Jüngern des Täufers Johannes und den Pharisäern unterscheidet. Und gerade dieses Nicht-Fasten ist es auch, was die Pharisäer gegen Jesus und seine Anhänger ins Feld führen wollen. Warum fastet ihr nicht? So gefragt und aus dem Mund der Pharisäer heißt das nichts anderes als: Warum haltet ihr euch nicht an die Frömmigkeitsnorm, die für uns gilt? Warum spielt ihr eine Sonderrolle? Und dahinter steht wohl auch schon das Urteil: Wer nicht fastet, der kann nicht von Gott sein. Wer nicht eine ganz bestimmte Lebensweise pflegt, der kann nicht auf der Seite der Wahrheit stehen.
Liebe Gemeinde, wir wollen den Pharisäern nicht vorschnell Unrecht tun. Sie fasteten, und sie fasteten an jedem Montag und an jedem Donnerstag, genauso wie es auch die Jünger des Täufers taten. Und dieses Fasten verstanden sie als stellvertretende Buße für das unbußfertige Volk. Sie fasteten nicht, um sich selbst damit ihr Heil und ihre Seligkeit zu verdienen, sondern als Ausdruck und Zeichen der Buße, um damit das Kommen des Messias zu beschleunigen. Nicht egoistisch für sich allein, sondern für das Volk Israel.
Und was man gerechterweise auch sehen sollte: Dieses Fasten war wirklich streng. Es war kein heuchlerisches Fasten wie das, von dem Martin Luther geschrieben hat: „Denn ich kann kühnlich sagen, dass ich im Papsttum
noch nie ein rechtes Fasten gesehen habe. Denn was ist mir das für ein Fasten, wenn man des Mittags ein Mahl zugerichtet mit köstlichen Fischen, aufs beste gewürzt, mehr und herrlicher als sonst zwei oder drei Mahlzeiten sind, und das stärkste Getränk dazu und wenn man ein oder drei Stunden dabei sitzt und den Wanst füllt, dass er tönt?"
Nein, die Pharisäer und Johannesjünger meinten es ernst mit ihrem Fasten.
Aber, und das gilt vor allem für die Pharisäer, sie legen sich diesen selbstgewählten Verzicht nicht aus Liebe zu Gott und zu seinem Volk auf, sie fasten nicht in innerer Freiheit, sondern empfinden ihren Lebens- und Frömmigkeitsstil ganz tief innen als Last, als Zwang, als Einschränkung. Und so schielen sie mit einer Mischung aus Empörung und heimlichem Neid auf die, die in ganz offensichtlich großer Freiheit eben nicht fasten, die einen ganz anderen Lebens- und Frömmigkeitsstil pflegen.
Liebe Gemeinde: Was ist christlicher Lebensstil? Gibt es so was überhaupt?
An dieser Frage können sich Christen herrlich zerstreiten und überwerfen. Darf man als Christ ein Fernsehgerät besitzen und benützen? Darf man rauchen, trinken, lange oder kurze, gefärbte oder gar keine Haare auf dem Kopf tragen? Schmuck, Ohrringe, Lippenstift –ist das erlaubt? Darf ich als Christ Soldat sein, darf man Politiker sein oder Richter oder Hersteller von Luxusartikeln oder Herausgeber der BRAVO oder der BILD-Zeitung?
Kaum eine dieser Fragen lässt sich auch nur annähernd mit der Bibel in der Hand beantworten. Gestritten wird darüber dennoch.
Aber es gibt so etwas wie einen christlichen Lebensstil. Und der lässt sich vielleicht so umschreiben: Christen sind Menschen, die sich der Gegenwart des auferstandenen Herrn Christus froh und dankbar bewußt sind, die in dieser Gegenwart als befreite und erlöste Menschen leben, dankbar empfangen, was das Leben an Gutem und Schönem bereithält, Menschen, deren Heimat im Himmel ist, die aber doch auf dieser Erde leben und mit beiden Beinen fest auf der Erde stehen, während ihre Herzen und Seelen aber genau wissen, wo sie zur Ruhe finden.
Oder ganz kurz: Christen sind von Christus befreite Menschen, die in der Gegenwart ihres Herrn leben.
In erster Linie sind sie das. Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Und diese Freiheit leben wir in der Gegenwart Jesu Christi. Wo er ist, ist Freiheit. Freiheit von der Sünde, Freiheit vom Fluch des Gesetzes, Freiheit vom Tod, Freiheit vom Zwang der Anpassung an die äußerliche Frömmigkeit der innerlich Unfreien.
Die Jünger Jesu wußten ja, dass Jesus der Herr, der Messias, der Bräutigam ist. Sie lebten in seiner Gegenwart, atmeten die Worte der Freiheit, die er sprach, konnten sehen und schmecken, wie freundlich der Herr ist.
Liebe Brüder und Schwestern: Ich würde so weit gehen zu sagen: Wenn ihr wissen wollt, ob in einer Gemeinde das Evangelium rein und lauter gepredigt wird, wenn ihr wissen wollt, ob in einer Gemeinde Christus gegenwärtig ist und durch sein Wort Menschen befreit und geheilt werden, dann nehmt an einem Gemeindefest teil. Nicht an einer besinnlichen Adventsfeier, sondern an einem Sommerfest oder Kirchweihfest. Und wenn dann die Gemeindeglieder verkrampft nebeneinander hocken und an Glas Apfelsaft nippen, wenn sie demütig ihr karges Süpplein löffeln, das sie vorher so lange gebetet haben, bis es kalt ist, wenn niemand da ist, der sich genüßlich ein Glas Bier genehmigt, wenn nicht ein einziger derber Spaß zu vernehmen ist, sie niemand über das Fernsehprogramm oder die Scheidung von Boris Becker unterhält, wenn alles nur in einer merkwürdig gedämpften und verhaltenen Fröhlichkeit abläuft, ohne dass Freude aufkommt und der Gipfel der Unterhaltung in einem Bibelquiz besteht, dann ist was faul im Staate Dänemark. Dann lohnt es sich, sich dort auch Predigten anzuhören. Und es würde mich nicht wundern, wenn man da nichts als Gesetz zu hören bekäme und das Evangelium verdeckt bleibt. In Kurzform: Christus hat bei der Hochzeit in Kana nicht Wein in Wasser, sondern Wasser in Wein verwandelt. Er hat nicht Freude in Trauer, sondern unsere Trauer in Freude verwandelt.
Natürlich übertreibe ich. Und natürlich soll nicht der Trunkenheit bis zur Besinnungslosigkeit das Wort geredet werden. Aber ihr versteht, was ich meine: Wo Menschen wirklich von Christus ergriffen sind, wo sie wissen, dass Christus ihr Befreier, ihr Erlöser und ihr Herr ist, da können sie ein Glas Wein und auch zwei fröhlich genießen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Da können sie als Menschen in dieser Welt leben, an ihr Anteil nehmen, sich an dieser schönen Welt und ihren vielfältigen Gaben erfreuen, ohne doch dieser Welt verfallen zu sein. Ich will auch mal nur einen „schönen Sonntag" oder „frohe Weihnachten" wünschen dürfen, ohne mich sofort dafür schämen zu müssen, dass ich vergessen habe, einen Segenswunsch zu wünschen. Ich möchte zu Herrn Meier „Herr Meier" oder „Otto" sagen dürfen und ihn nicht zwanghaft „Bruder" nennen müssen, weil einfach alle wissen, dass wir als Christen Brüder und Schwestern sind, auch wenn wir das nicht dauernd so ausdrücken.
Wenn die Jünger Jesu von damals heute in so manche christliche Gruppierung kämen – sie würden wahrscheinlich schnell wieder hinauskomplimentiert, weil man sie dort nicht als wirklich „ernste Christen" anerkennen würde.
Aber, ganz ehrlich, wenn „ernstes Christsein" bedeutet, sich wie ein Zwangsneurotiker verhalten zu müssen, dann soll man ruhig behaupten, ich sei kein ernster Christ. Dann bin ich lieber ein froher Christ und singe nicht „In dir ist Ernst", sondern „In dir ist Freude"!
Liebe Gemeinde: Die Freiheit, zu der uns Christus befreit hat, ist aber immer eine Freiheit in Bindung. Sie ist kein Freibrief für Maßlosigkeit, für Grenzenlosigkeit und Beliebigkeit. Das wäre eine erneute Versklavung unter die Sünde, die das gerade Gegenteil von Freiheit wäre.
Die Jünger Jesu erleben ihre Freiheit in der Bindung an Christus, in ihrer täglichen nachfolge, im andauernden Hören auf sein Wort, seine Lehre, im Mitvollziehen seiner Lebens.
Und dazu gehört auch Besinnung, Zurruhekommen, Sammlung, Stille, Raumschaffen zum Hören. Jedes Fest hat seine stille, rührende, besinnliche und seine ausgelassene und fröhliche Seite. Gerade an den christlichen Schwellenfeiern, bei der Taufe eines Menschen, bei einer Hochzeit oder auch bei einer Beerdigung kann man das sehr gut erkennen.
„Es werden Tage kommen", sagt Jesus zu den Pharisäern, „ da wird ihnen der Bräutigam genommen sein; an jedem Tage werden sie fasten."
Da sprach Jesus von seinem Tod. Daß Christus uns nur dadurch befreien konnte, dass er für uns litt und starb, dass nimmt man nicht so im Vorbeigehen mit einem Glas Bier in der Hand zur Kenntnis. Dazu gehört ein Innehalten. Ein Aufmerken. Eine Konzentration auf das Wesentliche. Und zu nichts anderem will uns das körperliche Fasten eine Hilfe sein. Und darum sind die Zeiten der Besinnung auf das Leiden und Sterben Jesu Gelegenheiten, die die Kirche durch ihren Festkalender schafft, in denen wir durch eine freiwillige Selbstbeschränkung, durch einen demütigen, stillen und nicht lauthals propagierten Verzicht auf bestimmte Dinge oder Gewohnheiten im Glauben wachsen und in der Erkenntnis reifen können, damit die Dankbarkeit und die Freude über unsere Erlösung dadurch um so größer wird.
Luther hat den Fastentag nicht in Bausch und Bogen verworfen, sondern gesagt, er sei durchaus eine feine äußerliche Zucht. Oder, an anderer Stelle, ein „Merktag".
Derselbe Martin Luther hat einmal gesagt: Wenn sich die Anhänger der reinen Lehre des Evangeliums denn unbedingt „lutherisch" nen-
nen wollen, dann sollen sie es aber in dem Sinn des griechischen Wortes ‚eleutheros’ verstehen, das heißt ‚frei’ und nicht nach mir altem, stinkendem Madensack.
Als lutherische Christen stehen wir in der Tradition der Freiheit. Einer von Christus geschenkten Freiheit, die erst in der klaren Bindung an Christus und sein Wort lebendig wird, trägt, tröstet und zum Ziel führt. Amen.