Predigt

(Pastor Gert Kelter am 2. Sonntag im Advent 2001)

Festhalten am Wort.

Und dem Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe: Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids, der auftut, und niemand schließt zu, der zuschließt, und niemand tut auf:
Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, und niemand kann sie zuschließen; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet.
Siehe, ich werde schicken einige aus der Synagoge des Satans, die sagen, sie seien Juden, und sind's nicht, sondern lügen; siehe, ich will sie dazu bringen, dass sie kommen sollen und zu deinen Füßen niederfallen und erkennen, dass ich dich geliebt habe.
Weil du mein Wort von der Geduld bewahrt hast, will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis, zu versuchen, die auf Erden wohnen.
Siehe, ich komme bald; halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme!
Wer überwindet, den will ich machen zum Pfeiler in dem Tempel meines Gottes, und er soll nicht mehr hinausgehen, und ich will auf ihn schreiben den Namen meines Gottes und den Namen des neuen Jerusalem, der Stadt meines Gottes, die vom Himmel herniederkommt von meinem Gott, und meinen Namen, den neuen.
Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! (Offb. 3, 7-13)

Liebe Brüder und Schwestern,

eigentlich hätte ich den Stapel Bücher auf die Kanzel legen sollen, den ich vergeblich nach dem Stichwort "Philadelphia" durchsucht habe. Es müsste doch irgendetwas zu finden sein über das alte Philadelphia in Kleinasien, der heutigen Türkei, dachte ich mir, ein paar nützliche Informationen zur Geschichte dieser uralten Stadt, in der eine christliche Gemeinde existierte, die immerhin in der Offenbarung des Johannes nicht nur genannt, sondern auch noch eines besonderen Sendschreibens gewürdigt wird. Alle anderen habe ich gefunden: Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Laodicea - aber kein Wort zu Philadelphia. Auch das 25-bändige weltliche Handlexikon verzeichnet nur das Philadelphia in den USA.

So unauffällig, so wenig aufregend, so weltgeschichtlich belanglos, so kirchengeschichtlich vergessen. Und doch ist das Sendschreiben an Philadelphia das einzige, das keinen Tadel enthält. Bleib wie du bist, halte, was du hast, wird den philadelphischen Christen gesagt.

Und was ist das? In Philadelphia hat man "das Wort" bewahrt, genauer: das Wort von der Geduld und man hat den Namen Christi nicht verleugnet.

Wolltest du zu solch einer Gemeinde gehören? Kein Kirchenkaffee, kein Jugendkreis, keine Gemeindefeste, keine evangelistischen Aktionen, keine Kinderbibelwoche, keine diakonischen Aktivitäten? Nur Gottesdienst. Ist das überhaupt eine "lebendige Gemeinde"?

Riecht das nicht etwas nach vergrabenen Pfunden, die man lieber konserviert, konservativ beerdigt, am alten Bewährten festhält, anstatt damit zu wuchern?

Da gehe ich doch lieber irgendwohin, wo etwas los ist, wo der Bär steppt, wo man Neues ausprobiert, offen ist für Experimente und die modernen Anforderungen der Gegenwart.

Könnte man denken, könnte ich auch verstehen.

Aber: Das Festhalten am Wort von der Geduld, das lässt mich nicht los. Denn dieser Haltung wird ja bescheinigt, dass sie zum Überwinden führt und dass diese Gemeinde, die nichts weiter tut, als am Wort von der Geduld festzuhalten und den Namen Christi nicht zu verleugnen, dass diese Gemeinde im neuen Jerusalem Gottes ein Pfeiler sein wird, der mit dem Namen Christi unauflöslich und unwiderruflich verbunden ist. Mit anderen Worten: Auf solchen Gemeinden ruht die Kirche Christi und ohne solche Gemeinden fehlte der Kirche ein tragender Stützpfeiler.

Was meint dieses "Wort von der Geduld"? Wörtlich könnte man sagen: Langatmige Beharrlichkeit. Das heißt: In Philadelphia war nichts zu spüren von der hektischen Kurzatmigkeit derer, die glauben, alles und alles sofort und alles sofort perfekt selbst machen zu müssen. Da wurde nicht eilfertig mit Worten und Taten auf alles reagiert, was in der Welt so passierte. Solche Menschen gibt es ja und sie wirken auf uns oft sehr sympathisch, weil sie so ruhelos, quirlig, dynamisch, lebendig, zupackend und praktisch wirken.

Aber die Kehrseite der Medaille ist mangelnde Ausdauer, häufige Enttäuschungen, Frustration, wenn nicht alles so schnell funktioniert, wie man sich das vorstellte. Und aus Frustration entsteht schnell eine depressive Lähmung oder aber eine aggressive Abwehrhaltung gegen das, was man eben noch in den Himmel gejubelt hatte.

Übrigens ist das eines der Kennzeichen vieler neuer Sekten und Gruppierungen, die sich mit auffallenden Projekten und Programmen, mit geistlichen oder pseudogeistlichen Phänomenen eine gute Presse und großen Zulauf verschaffen: Es fehlt ihnen die langatmige Beharrlichkeit, weil es ihnen nicht genügt, am Wort von der Geduld festzuhalten. Da hat man immer den Eindruck: Da sind ja nur junge Leute. Und wie sieht es bei uns aus? Allerdings werden die wenigsten von uns dieselbe Gruppierung einige Jahre später wieder aufsuchen, um festzustellen, was aus denen geworden ist. Man würde dann nämlich gar nicht selten überrascht erkennen: Es sind immer noch hauptsächlich junge Leute, aber nicht mehr dieselben. In diesen Gemeinden wird niemand alt.

Liebe Gemeinde, ich werde mich hüten zu sagen, die Bethlehemsgemeinde Hannover sei das neue Philadelphia. Dazu spürt man viel zu viel Laodicea, zuviel sardisches, ephesinisches, zuviel von Thytira und Pergamon und nebenbei bemerkt auch korinthisches bei uns. Wer wissen möchte, was ich meine, mag das im 2. und 3. Kapitel der Offenbarung und in den beiden Briefen an die Korinther ruhig nachlesen. Aber -und das ist wichtig und das tröstet und ermutigt und freut mich: Bei uns ist auch etwas vom alten Philadelphia zu spüren. Dieses beharrliche, geduldige, ausdauernde und langatmige Festhalten am Wort. Und was für die ganze Kirche Christi gilt, gilt immer auch für die Kirche am Ort: Diese Beharrlichen sind Stützpfeiler der Gemeinde. Diese Genügsamen, die man manchmal für zurückgebliebene Bremser hält, die den Gottesdienst für die Mitte und die Quelle des Gemeindelebens halten und nichts vermissen würden, wenn es sonst nichts gäbe, die nicht über unsere kleine Kraft klagen, sondern damit zufrieden sind, die braucht Jesus Christus ganz dringend. Und die brauchen wir alle ganz dringend.

Und die braucht die Kirche vor allem dann, wenn sie in der Welt keine Möglichkeiten mehr hat, sich prachtvoll und machtvoll, einflussreich und öffentlichkeitswirksam zu entfalten. Solche Notzeiten gab es in der Kirche immer, gibt es heute und wird es bis zur Wiederkunft des Herrn Christus immer geben.

Und damit sind wir beim Begriff "Synagoge des Satans". Das ist ein hartes Wort, weil man möglicherweise darin eine Verunglimpfung der Juden zu erkennen glaubt. Aber von Juden, von Israeliten, in denen kein Falsch ist, ist hier gar nicht die Rede. Die Synagoge ist das Haus Gottes. Und die größten Notzeiten drohen der Kirche nicht von Atheisten, sondern von sogenannten religiösen Menschen, die unter dem Dach des Hauses Gottes ihre Nester bauen und behaupten, sie seien die rechtmäßigen Bewohner. Also: Juden, die gar keine sind, sondern lügen. Die wahren Feinde Christi und der Kirche und übrigens auch Israels und der Synagoge sind also diejenigen, die im Namen Gottes das Volk Gottes bekämpfen, die wie die Schlange im Paradies vermeintlich mit dem Wort hantieren und argumentieren und es dabei doch verfälschen und verdrehen und es als Waffe gegen die richten, die sich daran festhalten wollen.

Zur Zeit der Abfassung der Johannesoffenbarung gab es noch keinen Islam, aber ich traue dem Hl. Geist zu, dass er auch 450 Jahre vor der Geburt Mohammeds wusste, wer oder was im Namen Gottes Versuchungen und Prüfungen über den ganzen Weltkreis bringen würde.

Und sicherlich gibt es noch viele andere Möglichkeiten, das Wort von der Synagoge des Satans auf vergangene, gegenwärtige und künftige Gegebenheiten zu übertragen. Eines aber wird dann immer zutreffen: Mitten im Haus Gottes und in seinem Namen wird das Wüten gegen den Christus und sein Volk beginnen.

Am Ende aber sieht Johannes keine ausweglose Sackgasse, sondern ein geöffnete Tür. Und er hört Christus sagen, dass die, die aus der Synagoge des Satans kamen, dazu gebracht werden, zu seinen Füßen niederzufallen und zu erkennen, dass er die, die an ihn glauben, geliebt hat.

Eine offene Tür der Mission, der Evangeliumsverkündigung, der Christusproklamation wird der Gemeinde mit der kleinen Kraft da gezeigt, vor der die meisten anderen lieber umkehren.

Müssen wir denn unbedingt in der Synagoge des Satans mit unserer kleinen Kraft evangelistisch wirksam werden?

Liebe Gemeinde, Christus sagt nicht: Ihr müsst. Er sagt nur: ich habe euch die Tür geöffnet und niemand kann sie mehr zuschließen. Und wenn ihr an meinem Wort festhaltet, dann wird sich erfüllen, was ich verheißen habe: Die, die jetzt den Weltkreis mit Versuchungen überziehen, werden kommen und niederfallen und erkennen, dass ich euch nicht vergessen und verlassen, sondern geliebt habe und ihr werdet mit mir beim Vater sein und nicht mehr hinausgehen müssen. Ihr werdet das Ziel erreichen und zuhause ankommen und bleiben. Und mit euch viele, die mich in eurer Mitte gefunden haben.

Die stärkste Kraft, die größte missionarische Anziehungskraft haben die, die nichts weiter tun, als beharrlich und ausdauernd, mit langem Atem am Wort Gottes festzuhalten.

Als in den Wirren des Nationalsozialismus und des 2. Weltkrieges viele Christen meinten, man müsse doch nun etwas tun, aktiv werden, nicht nur schweigen, haben manche anklagend die Mönche im Kloster Maria Laach gefragt, was sie denn eigentlich tun. Und sie erhielten die Antwort: Was wir immer tun und was wir tun müssen: Wir feiern Gottesdienst, wir hören und predigen das Wort, wir beten für die Welt und loben Gott.

Ob das nicht gerade der geistliche Widerstand war, den die Welt nötig hatte? Ob das nicht ein trotziges Festhalten an Christus als dem einzigen Herrn der Welt war? Ob das nicht letztlich Ausdruck der kleinen Kraft war, die die offene Tür erkannte und hindurchging? Die Mönche in Maria Laach jedenfalls feiern immer noch Gottesdienst, hören und predigen das Wort Gottes, beten für die Welt und loben Gott. Solange, bis Christus wiederkommt. Amen.