Predigt

(Pastor Gert Kelter am 4. Sonntag nach Epiphanias 2001)

Urängste und Urerfahrungen

 

Wach auf, wach auf, zieh Macht an, du Arm des HERRN! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat?

Warst du es nicht, der das Meer austrocknete, die Wasser der großen Tiefe, der den Grund des Meeres zum Wege machte, daß die Erlösten hindurchgingen?

So werden die Erlösten des HERRN heimkehren und nach Zion kommen mit Jauchzen, und ewige Freude wird auf ihrem Haupte sein. Wonne und Freude werden sie ergreifen, aber Trauern und Seufzen wird von ihnen fliehen.

Ich, ich bin euer Tröster! Wer bist du denn, daß du dich vor Menschen gefürchtet hast, die doch sterben, und vor Menschenkindern, die wie Gras vergehen,

und hast des HERRN vergessen, der dich gemacht hat, der den Himmel ausgebreitet und die Erde gegründet hat, und hast dich ständig gefürchtet den ganzen Tag vor dem Grimm des Bedrängers, als er sich vornahm, dich zu verderben? Wo ist nun der Grimm des Bedrängers?

Der Gefangene wird eilends losgegeben, daß er nicht sterbe und begraben werde und daß er keinen Mangel an Brot habe.

Denn ich bin der HERR, dein Gott, der das Meer erregt, daß seine Wellen wüten - sein Name heißt HERR Zebaoth -;

ich habe mein Wort in deinen Mund gelegt und habe dich unter dem Schatten meiner Hände geborgen, auf daß ich den Himmel von neuem ausbreite und die Erde gründe und zu Zion spreche: Du bist mein Volk. (Jesaja 51, 9-16)

Liebe Schwestern und Brüder,

es gibt wahrscheinlich, wenn überhaupt, nur ganz wenige psychische Erkrankungen, ganz gleich, ob es sich dabei um schwere Persönlichkeitsstörungen oder nur den leichten Anflug einer Neurose handelt, von dem vermutlich jeder irgendwie betroffen ist, die nicht auf Angst zurückzuführen wären. Ängste, die krank machen, die das Leben beeinträchtigen. Ängste, die oft unbewusst sind und lange auch unbewusst bleiben und sich ihre Fluchtwege, ihre Ventile auf dem Weg der psychischen Erkrankung suchen.

Jeder Angsterkrankung, jedenfalls sofern sie nicht organische Ursachen hat, liegt eine oft längst vergessene Urerfahrung zugrunde: Zum Beispiel die Erfahrung, verlassen worden zu sein, oder die Erfahrung von Hilflosigkeit, von Ausgeliefertsein. Menschen mit Angsterkrankungen müssen es erst mühsam wieder lernen, andere, gegenläufige Erfahrungen zuzulassen und überhaupt wahrzunehmen, dass es auch andere als nur negative Erfahrungen gibt, damit das zerstörte Vertrauen wieder wachsen kann und eine Gesundung möglich wird.

Liebe Gemeinde, unser Abschnitt aus dem Buch Jesaja geht auch auf Urängste und Urerfahrungen zurück. Die eine Urangst gehört in den Bereich der kollektiven Menschheitserinnerung: Die Welt, in der wir leben, ist bedrohlich für uns, sie verhält sich nicht vorhersehbar, ist nie vollkommen in verlässlichen Regeln zu erfassen. Jeden Moment kann das Chaos in Form von Naturkatastrophen jeglicher Art wieder hereinbrechen, das offensichtlich doch nur zeitweise und in begrenztem Maß eingedämmt ist, immer darauf lauernd, uns aus dem Hinterhalt anzuspringen und zuzuschlagen. Für das Volk Israel damals waren solche Naturkatastrophen als Hungersnöte, Überflutungen, Seuchen, Erdbeben sehr greifbar. Für uns heute in gemäßigten mitteleuropäischen Zonen scheint das eher fern zu liegen. Aber mit Stichwort BSE ist wohl schon deutlich gesagt, wie ungezähmt und gefährlich das Chaos auch vor unserer Zivilisation nicht haltmacht. Und jeder einzelne von uns muß eigentlich immer damit rechnen, dass die eigene Gesundheit ganz plötzlich und unerwartet gefährdet, ja zerstört wird.

Die Urangst vor dem plötzlich hereinbrechenden Chaos – ganz so fern ist sie uns also nicht.

Und wenn es dann passiert? Dann kommt es darauf an, dass der kriechenden Angst etwas entgegengesetzt wird; nicht irgendetwas, sondern eine gegensätzliche, eine tröstende, kräftigende Urerfahrung. Das Volk Israel lebt in der babylonischen Verbannung, leibeigen den heidnischen Herrschern ausgeliefert, ohne wirkliche Perspektiven auf eine Rückkehr nach Israel. „Wach auf, wach auf, bekleide dich mit Macht, Arm des Herrn!", rufen die Verbannten in ihrer Not. Und dann berufen sie sich auf die Urerfahrung ihres Volkes: „Wach auf wie in den früheren Tagen, wie bei den Generationen der Vorzeit! Warst du es nicht, der die Rahab zerhieb und den Drachen durchbohrte?" Das ist die Erfahrung, die in den ersten Versen der Bibel niedergelegt wurde, wo Gott als der Schöpfer die Chaosmächte zurückdrängt, durch sein Wort und seinen Geist Licht und Leben schafft. Rahab- das ist nicht die gleichnamige Hure, die auch als Vorfahrin Jesu im 1. Kapitel des Matthäusevangeliums erwähnt wird, sondern eine babylonische Mythengestalt, eine Art Urdrache, gegen den der Gott Marduk kämpfen und ihn besiegen musste. Die in Babylon lebenden Israeliten kannten diesen Mythos, so daß der Prophet Jesaja die biblische Überlieferung in den heidnischen Lebensraum der verbannten Juden übertragen konnte.

Aber schläft Gott denn, dass wir ihn mit unseren Stoßgebeten und Notrufen erst wecken müssten? Wach auf! Auch das Evangelium von der Stillung des Sturms scheint das ja so zu sagen: Die Jünger befinden sich in größter Seenot und Jesus schläft in aller Ruhe.

Aber die Angst der Jünger und unsere Angst hat immer einen Vorläufer, und das ist das Misstrauen. Das ist der Mangel an Vertrauen darauf, dass der Gott, der früher geholfen hat, der uns durch sein Wort seinen Schutz und Beistand zugesichert hat, der dafür bekannt ist, dass er hält, was er verspricht, dass der uns nicht im Stich läßt.

Urangst und Urmisstrauen begegnen uns schon auf den ersten Seiten der Bibel und da liegt auch die Erklärung für alle Zusammenhänge: Da wird von den ersten Menschen gesagt, sie hätten gegen Gottes Wort und Gebot verstoßen, sich nicht mit ihrer Rolle als Geschöpfe abgefunden, sondern den Schritt über die Grenze gemacht. Die erste Folge der ersten Sünde, die ja Misstrauen gegen Gottes heilsam begrenzendes Wort war, war Misstrauen. Misstrauen untereinander. Sie erkannten, dass sie beide nackt waren und schämten sich. Nichts anderes als Misstrauen und daraus folgende Angst ist diese Scham, die schon sprichwörtlich denkt, der andere könnte mir etwas „wegschauen", wenn ich so schutzlos und nackt vor ihm stehe. Misstrauen und Angst liegen auch dem ersten Brudermord zugrunde. Aus Misstrauen und Angst erwachsen Sicherheits- und Verteidigungsdenken, Gewalt, Unaufrichtigkeit, Bosheit ohne Ende.

Liebe Gemeinde: Dagegen ist aber ein Kraut gewachsen. Und das heißt Erinnerung. Und genau das bewirkt Jesajas Gebet: Erinnerung an die großen Taten Gottes, an seine Fürsorge, seine Wunder, seine Versprechen und deren Einlösungen: „Warst du es nicht, der das Meer austrocknen ließ, die Wasser der großen Flut, der die Tiefen des Meeres zum Weg gemacht hat, damit die Erlösten hindurchziehen konnten?"

Was könnten wir beten, an welche großen Taten Gottes in unserem Leben könnten wir uns erinnern, wenn wir misstrauisch glauben, Gott liege in einem Tiefschlaf und bemerkte unsere Not nicht? Hat er uns nicht in der Taufe zu seinen Kindern erklärt und gemacht? Hat er nicht seinen Namen schützend und rettend mit unserem verbunden, ein für allemal und unumkehrbar? Hat er uns nicht bis heute erhalten, bewahrt, ernährt, aufgerichtet, getröstet?

Das Jesajagebet endet ganz plötzlich und es wird still. So still wie Sturm und Meer, nachdem Jesus gedroht hatte: Schweig und verstumme!

Und es setzt eine ganz andere Stimme ein und sagt: „Die vom Herrn Befreiten kehren zurück und kommen voll Jubel nach Zion. Ewige Freude ruht auf ihren Häuptern. Wonne und Freude stellen sich ein, Kummer und Seufzen entfliehen. Ich bin es ja, ich, der euch tröstet."

Gott selbst tröstet die misstrauischen, angsterfüllten, gottvergessenen Kinder. Ganz zu Beginn ist er es, der den sich schämenden Menschen Schurze aus Fellen macht, den Erweis der Sünde gnädig bedeckt. Jetzt ist er es, der sich zu Wort meldet, der das Schweigen bricht und sich als der Herr über das Chaos, als der Erlöser und Befreier ins Gedächtnis ruft bei seinem trostlosen Volk. Und für uns ist er der, der in Jesus Christus ein für allemal über die Sünde, ihre Ursachen und Folgen, über den Teufel, den Widersacher , den Mörder und Lügner von Anfang an und über den Tod gesiegt hat.

Und das gilt. Das gilt auch in der Zwischenzeit, in der wir leben, die noch vergehen muß, bis die Erlösten des Herrn zurückkehren werden und Kummer und Seufzen endgültig fliehen.

Es ist nicht mehr Jesajas Gebet, das Gott an seine Taten erinnert, sondern es ist Gott selbst, der uns an seine Barmherzigkeit erinnert.

Den misstrauischen Jüngern im Boot stellt Jesus die Frage: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?

Und das furchtsame Volk Israel fragt Gott: „Was hast du, dass du dich fürchtest vor sterblichen Menschen, vor Menschen, die dahinschwinden wie Gras? Warum vergisst du den Herrn, deinen Schöpfer, der den Himmel ausgespannt und die Fundamente der Erde gelegt hat? Warum zitterst du dauernd vor der Wut dessen, der dich bedrängt, der darauf ausgeht, dich zu vernichten?"

Warum vergisst du den Herrn? Warum zitterst du? Vor dem Leben, vor dem Tod, vor boshaften Menschen, vor Enttäuschungen und Niederlagen? Gott stellt uns die Vertrauensfrage. Er stellt sie uns immer wieder, ganz geduldig, ganz großzügig und mit langem Atem und gibt uns damit immer wieder die Chance, aus der Angst zu neuem Vertrauen, aus der Furcht in neue, geborgene Gemeinschaft mit ihm zurückzukommen.

Seit Jesus Christus haben wir immer wieder die Möglichkeit, hinter die Grenze zwischen Leben und Tod zurückzukommen, die Adam und Eva überschritten hatten. Die Vertrauensfrage Gottes ist die Glaubensfrage an uns. Glauben heißt, sich an den gnädigen und barmherzigen Gott erinnern zu lassen und darauf zu vertrauen, dass er lebt und regiert, nicht schläft, sondern wacht und schützt und bewahrt und einlöst, was er versprochen hat.

Das verändert unseren Blick, das befreit zu einer erneuerten Sicht der Dinge und Menschen, die uns umgeben. Und wer aus dem Schutzraum des Glaubens auf den Sturm blickt, kann sich fragen lassen: „Wo ist denn die Wut dessen, der dich bedrängt?" Und antworten: „Bald wird der Gefesselte freigelassen; er wird nicht im Kerker sterben, und es mangelt ihm nicht mehr an Brot."

Möge Gott uns alle ruhig und furchtlos schlafen lassen, denn ER, der lebendige Gott, schläft noch schlummert nicht. Amen.