Predigt
(Pastor Gert Kelter am 4. Sonntag im Advent 2001)
Die Trümmer jubeln.
Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden
verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott
ist König!
Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander; denn alle Augen
werden es sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt.
Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR
hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.
Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass
aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes. (Jes 52, 7-10)
Liebe Brüder und Schwestern,
dieser Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja ist ein Wort für Vertriebene. Mancher Pastor wird vielleicht heute, am Tag vor dem Hl. Abend, aus dem Gottesdienst kommen und zuhause berichten: Es waren nur ein paar alte Leute da. Und vielleicht sind unter diesen paar alten Leuten auch viele Vertriebene. Und vielleicht ist genau das gut so, weil diese alten Menschen, die ihre Heimat verloren haben, die ganz neu anfangen mussten und immer noch offen oder heimlich Sehnsucht nach der alten Heimat haben und über den Verlust traurig sind, weil die heute ein besonderes Wort für ihr Herz hören dürfen.
Die Vertriebenen, die es zuerst hörten, lebten im 6. Jahrhundert vor Christus im persisch-babylonischen Reich. Ihre Vorfahren waren aus dem heiligen Land Israel vertrieben, zwangsdeportiert worden. Inzwischen hatten sie sich in der Fremde eingerichtet. Man darf sich das Volk Israel im babylonischen Exil nicht als riesige Sträflingskolonie in Hunger und Elend vorstellen. Nein, sie lebten ihr Leben, suchten der Stadt Bestes, hatten sich angepasst und hatten ihr Auskommen. Nicht anders, als die vielen Vertriebenen und Flüchtlinge, die nach dem Krieg aus dem Osten in den Westen fliehen mussten und es dort zu Wohlstand gebracht haben, sich eingerichtet haben und ihr Leben leben. Aber - und auch das ist eine Gemeinsamkeit zu den Vertriebenen des 6. Jahrhunderts vor Christus - da ist noch eine tiefe Liebe und Sehnsucht nach der verlorenen Heimat, da gibt es lebendige Erinnerungen an Kindheit und Jugend, die sich mit den alten, vertrauten Orten und Dörfern und Wäldern und Seen verbinden. Für Israel hatte die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat noch einen anderen, ganz bedeutenden Gesichtspunkt: Das Land Israel war nicht nur zufällig der Ort auf der Erde, wo man geboren wurde oder von dem die Vorfahren stammten, sondern von Gott selbst verheißenes und zugedachtes Land. Die vertriebenen Deutschen aus dem Osten mussten ihre Kirchen und Kapellen verlassen, viele wurden zerstört, manche von anderen Konfessionen in Besitz genommen. Aber für Christen hängt der Glaube nicht so sehr an Steinen und Mauern. Unsere Bethlehemskirche ist nach dem Krieg für viele Heimatvertriebene Andachts- Gebets- und Sakramentsstätte geworden, ohne dass der Glaube dadurch verändert werden musste. Anders ist es für Israel, dessen Glaubensmittelpunkt der Jerusalemer Tempel war. Und vom alten Tempel, dem Ort der Gegenwart des heiligen Gottes, der Stätte, an der die Sühnopfer für das Volk dargebracht wurden, waren nur noch Trümmer übrig, dieser Tempel lag in Schutt und Asche.
Israel fehlte nicht nur die Geborgenheit der vertrauten Heimat, sondern auch die Geborgenheit in der Gewissheit des Glaubens, in der festen Zuversicht, dass Gott gegenwärtig ist, die Fäden in der Hand hält, für sie sorgt und sie nicht vergessen hat.
Diesen Menschen ruft der Prophet im Auftrag Gottes zu: >Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König.>
Das ist ein Bild, liebe Gemeinde, ein Bild, das eine Wirklichkeit vorwegnimmt, deren Erfüllung noch aussteht. Die, die es hören, leben noch in Babylon. Und es wird ihnen das Bild vor Augen geführt, wie Freudenboten über die Berge nach Jerusalem laufen und Frieden und Heil verkünden und die Botschaft ausrufen: Dein Gott ist König.
Liebe Gemeinde, wird dürfen nicht vergessen, dass mit dem Ruf nach einem König die Misere Israels einmal begonnen hatte, die im babylonischen Exil endete. Die Ältesten Israels, heißt es im 1. Buch Samuel, kamen zu Samuel und forderten: „Setze nun einen König über uns, der uns richte, wie ihn alle Heiden haben." Und es heißt weiter: „Das missfiel Samuel." Und er warnte das Volk vor den Folgen, kündigte Drangsal, Kriege und Knechtschaft an und endete: „Wenn ihr dann schreien werdet zu der Zeit über euren König, den ihr euch erwählt habt, so wird euch der HERR zu derselben Zeit nicht erhören."
Brüder und Schwestern, genauso kam es auch. Und so ist es übrigens immer bei den Menschen. Sie suchen ihr Heil, ihren Frieden bei selbsterwählten Königen, wenn die Lebensumstände nicht so sind, wie sie es sich vorstellen. Die Könige können sehr unterschiedliche Namen haben, können auch materielle Güter sein oder Ideologien sein. Aber immer, wenn der eine, wahre Gott, der König und Herr der Welt von seinem Thron vertrieben werden soll, sind am Ende die Vertreiber die Vertriebenen. Und zurück bleiben rauchende Trümmer.
Sie hatten ganz recht, die Israeliten, als sie von Samuel einen König verlangten und sagten: So einen, wie ihn alle Heiden haben.
Aber, liebe Brüder und Schwestern: In einem hatte Samuel nicht ganz recht behalten. Die ernsthaften Gebete der Gläubigen im Volk Israel hat Gott nicht überhört. Er hatte keineswegs das Volk vergessen, das er sich erwählt hatte. Er zeigte der Verzweiflung, der Trauer, der unerfüllten Sehnsucht der Menschen nach dem Heiligen Land nicht die kalte Schulter, sondern antwortet auf die Trostlosigkeit mit dem Trostwort des Jesaja.
Und dazu gehört auch das zweite Bild: „Deine Wächter, (Jerusalem ), rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander; denn alle Augen werden es sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt."
Da sind also noch Menschen in Jerusalem zurückgeblieben, die als Wächter nach der Erlösung Ausschau halten. Von ihrer erhöhten Warte aus sind sie die ersten, die den nahenden König und seine Freudenboten erspähen.
Ich möchte dieses Bild einmal im übertragenen Sinne verstehen: Vielleicht habe ich ja selbst auch in meinem Leben auf das falsche Pferd gesetzt, zu viele falsche Hoffnungen in Könige gesetzt, die nicht gehalten haben, was sie vollmundig versprochen haben. Vielleicht habe ich auch einmal oder häufiger ein bisschen Hoffnung für den König der Welt reserviert aber dabei gedacht: der scheint im Ruhestand zu sein. Was mir jetzt hilft, ist ein anderer König. Und ich habe dabei überhört, was der Psalm sagt: Setzt euer Vertrauen nicht auf Fürsten. Sie sind Menschen und können ja nicht helfen. (Ps. 146) Und dann finde ich mich auf den Trümmern meiner Hoffnungen und meines Lebens wieder. Nicht anders als die Israeliten damals. Aber als Christ weiß ich: Ich muss an meinem Versagen, an meiner Fehleinschätzung, an meinem Kleinglauben und meiner Halbherzigkeit, mit der ich mich den falschen Königen verschrieben habe, nicht verzweifeln. Ich darf das Erlebte und Erlittene als Gottes Lebensschule verstehen, die mich zu einem Wächter gemacht hat. Zu einem Wächter, der umgekehrt ist und Ausschau hält nach dem wahren König, der wirklich Heil und Frieden bringen wird. Und es werden dann diese Wächter auf den Trümmern sein, die die Freudenboten als erste hören und den König als erste sehen werden.
Und was sie hören werden! „Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems, denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst."
Abgesehen davon, dass es leider wieder die falschen Könige waren, die vor einigen Wochen in das von den Taliban befreite und in Trümmern liegende Kabul einzogen: Die Bilder von den befreiten, lachenden, singen, musikhörenden Menschen, den Frauen, die wieder unverschleiert über die Straßen gehen durften, vermitteln eine Ahnung, was das heißen kann: Die Trümmer jubeln. Ja, das schließt sich nicht unbedingt gegenseitig aus, mein Trümmerleben und der Jubel über die Befreiung. Und vielleicht ist der Jubel unter den Wächtern auf den Trümmern sogar noch größer als bei denen, die ihre Trümmer noch gar nicht wahrgenommen haben oder wahrnehmen wollen.
Liebe Gemeinde, ich kann dem Satz „Die Jugend ist unsere Hoffnung" nicht zustimmen. Die Hoffnungsträger in der Kirche sind vor allem die Alten, die auf manchem Trümmerhaufen gesessen haben, die manchen König und Fürsten haben kommen und auch wieder gehen sehen, auch manchen, dem sie selbst den Steigbügel gehalten haben, die aber umgekehrt sind und als Wächter in Zion geblieben sind, die die Hoffnung nicht aufgegeben haben und sich dem wahren König zugewendet haben. Das sind die, die von der erhöhten Warte eines langen Lebens in der Schule Gottes gelernt haben, ihr Vertrauen und ihre Hoffnung allein auf den König der Welt zu setzen, der sich in Jesus Christus offenbart hat.
Die sind selbst Freudenboten. Für ihre Kinder und Enkel, Patenkinder und Nichten und Neffen, für ihre Mitchristen in der Gemeinde und für mich auch. Das habe ich vergangene Woche wieder so deutlich gemerkt, als ich an einem Tag mehrere Altenbesuche machte und nach jedem Gespräch die alten Leute sagten: Was habe ich in meinem Leben doch so viel Grund zur Dankbarkeit! Gott hat mich immer geführt und bewahrt und gesegnet!
Liebe Gemeinde, dann schleiche ich ganz beschämt über mein Gejammer, mein Suchen nach Ausflüchten, bequemen Rettungswegen und selbstgewählten Königen wieder nachhause und freue mich und denke mit den Worten des Propheten Jesaja: In diesem Gespräch hat wieder „der HERR (...) offenbart seinen heiligen Arm (seine Macht) (...), dass aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes". Und ich auch.
Von einem der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts, dem Reformierten Karl Barth, wird berichtet, er habe am Abend vor seinem Tod ein langes Gespräch mit einem Freund geführt und dabei alles Elend, allen Jammer, alle Probleme dieser Welt besprochen, sich dann aber mit den Worten verabschiedet: „Es wird regiert!"
„Der alte Gott lebt noch, man kann es deutlich merken an so viel Liebeswerken, drum preisen wir ihn hoch." Amen.