Predigt

(Pastor Gert Kelter am 4. Sonntag nach Trinitatis 2001)

Freispruch

Jesus aber ging zum Ölberg. Und frühmorgens kam er wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie.
Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau zu ihm, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitteund sprachen zu ihm:
Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden.
Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?
Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.
Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt?
Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr. (Joh 8, 1-11)

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn Barbara Salesch in ihrem täglichen Fernsehgericht den Angeklagten zurechtstutzt und falsche Zeugen mit stechendem Blick und schnarrender Stimme bloßstellt, lehne ich mich genüßlich zurück und denke: Geschieht ihnen recht! Und hoffe, daß das Verbrecherpack nur ja nicht wieder Bewährung kriegt. Eine Gerichtsszene stellt uns der Evangelist Johannes heute vor Augen. Ich will mich kundig machen, was darüber zu sagen ist und stelle erstaunt fest:

Auf keiner der fast 40.000 DIN a 4 großen Druckseiten der gesammelten Werke Martin Luthers findet sich eine Predigt oder eine Auslegung von Joh 8, 1-11.

Teilweise läßt sich das dadurch erklären, daß dieser Bibelabschnitt erst nach der Liturgiereform in den sechziger Jahren in der röm.kath. Kirche einen Platz unter den Sonntagsevangelien gefunden hat und ja bis heute in der röm. Kirche meist über das Sonntagsevangelium gepredigt wird. In der lutherischen Kirche sind diese Verse bis heute nicht Sonntagsevangelium, wohl aber -und immerhin- alle sieben Jahre am 4. Sonntag nach Trinitatis Predigtabschnitt. Liest man dann nach, stößt man vielleicht auf ein Zitat des sowohl von Luther als auch in der lutherischen Kirche immer hochgeschätzten Kirchenvaters Augustinus, der dringend davon abrät, über diesen Evangelienabschnitt der Gemeinde zu predigen und damit wohl auch auf den Grund dafür, daß Luther sich hartnäckig darüber ausschweigt. Aber warum? Dahinter steckt wohl die Sorge, die Gemeinde könne diese Verse so verstehen, als sei jedes Richten, jedes Urteilen grundsätzlich untersagt und unmöglich, weil doch schließlich jeder Mensch ein Sünder sei. Und mit dieser Begründung könnte -so die Sorge- die Gemeinde dann jedem Prediger des Wortes Gottes das Recht bestreiten, Sünde und Sünder namhaft zu machen, Sünde und Sünder zu strafen. Denn welcher Pastor, welcher Richter ist schließlich schon ohne Sünde. Und wo kein Ankläger ist, weil kein Ankläger sein kann, verzichtet auch Jesus Christus selbst auf das Urteil und die pure Willkür wäre die Folge.

Ist diese Sorge berechtigt?

Auf dem Vorplatz des Tempels ereignet sich die eben gehörte Begebenheit. Schriftgelehrte und Pharisäer schleppen eine Frau vor Jesus, die sie auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt hatten. Es bedarf also keiner Zeugen, keiner gerichtlichen Beweisfühhrung und keiner Verhandlung: Die Schuld der Frau ist offen am Tage. Pharisäer und Schriftgelehrte stellen die Frau in die Mitte, führen sie vor, geben sie preis und fragen Jesus: Meister, diese Frau ist ergriffen auf frischer Tat im Ehebruch. Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche zu steinigen. Was sagst du?

Nun sagt das Gesetz des Mose zwar nicht ausdrücklich, daß man sie steinigen solle, sondern ordnet das Töten an und da gäbe es durchaus gnädigere Tötungsarten als ausgerechnet die Steinigung; auch ist im Gesetz des Mose nicht davon die Rede, daß nur die ehebrechende Frau, sondern durchaus auch der dazugehörige ehebrechende Mann des Todes schuldig sei. Aber die Rechtslage ist für uns zunächst weniger bedeutsam als der Sinn dieser ganzen Aktion, und von den berichtet Johannes, indem er hinzufügt: Das sprachen sie aber, ihn zu versuchen, auf das sie eine Sache wider ihn hätten. Die Situation ist Bibellesern und Predigthörern nur allzu vertraut: Die Schriftgelehrten, Hohenpriester und Pharisäer lassen keine Gelegenheit aus, um Jesus als Gesetzesbrecher oder Gesetzesleugner zu überführen und stellen ihm auf Schritt und Schritt ihre manchmal plumpen, manchmal kniffeligen Fangfragen. Anstelle einer Antwort bückt sich Jesus und schreibt mit dem Finger auf die Erde, auf den Boden. Wir stellen uns dabei wohl meistens einen Sandboden vor und rästeln phantasievoll, was Jesus da wohl geschrieben haben mag. Tatsächlich war der Vorplatz des Tempels mit Steinplatten belegt und darauf läßt sich mit dem Finger zumindest nichts Sicht- und Lesbares schreiben. Vielleicht soll diese Szene deutlich machen: Jesus schreibt sozusagen die Wortes des Gesetzes, so wie sie die Schriftgelehrten zitieren, mit. Es ist eine unsichtbare, von den Anklägern selbst diktierte Anklageschrift. Aber nachdem die Worte gesprochen sind, steht da nichts. Die Ankläger stehen da ohne die Anklageschrift, also ohne etwas in der Hand zu haben, was die Frau verklagen würde.

Das Gesetz des Mose sah in seiner Weisheit vor, daß der Anklagezeuge, auf dessen Aussage hin jemand zum Tode durch Steinigung verurteilt wurde, den ersten Stein zu werfen habe, um gleichsam sein gutes Gewissen und die Wahrhaftigkeit seiner Aussage zu prüfen. Zu nichts anderem als zur Befolgung der alten Regel fordert Jesus daher die Umstehenden auf, wenn er sagt: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.

Und obwohl diese Aufforderung -wie gesagt- allem Anschein nach nur dem Gesetz des Mose folgt, liegt darin doch eine ganz neue, geistliche Tiefe und Schärfe. Jesus sagt ja nicht nur: Wer von euch ein gutes Gewissen bei siener Anklage hat, weil die Angeklagte tatsächlich eine Ehebrecherin ist, der werfe den ersten Stein, sondern: Wer von euch ohne Sünde ist. Möglich, daß keiner der Anwesenden sich jemals tatsächlich des Ehebruchs schuldig gemacht hatte. Aber verurteilen wir nicht besonders gern bei anderen gerade die Sünden, die wir uns zu begehen nur nicht trauen? Sind es nicht oft genug unsere geheimen Versuchungen, unsere bösen Gedanken, die wir nie in die Tat umsetzen, aber an denen, die da weniger Hemmungen haben, besonders hart verurteilen? Und hat nicht Jesus an anderer Stelle das Gesetz des Mose auf dieselbe neue, geistliche Weise auf den vergessenen und überlagerten geistlichen Punkt gebracht, als er - und zwar in der Bergpredigt- sagte: Ihr habt gehört, daß gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch: wer eine Frau ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon die Ehe mit ihr gebrochen in seinem Herzen. Da hat er doch den Buchstaben des Gesetzes, das Jota, nicht angetastet, aber ihn mit Geist gefüllt. Und da wird doch jedem bewußt, daß niemand aus eigener Kraft und Vollkommenheit auch in dem besten Leben ohne Sünde bleibt und aus eigenem Vermögen vor Gott gerecht sein kann.

Jesus schreibt mit dem Finger auf die Steinplatten des Tempelvorplatzes. Lassen wir es dabei: Er schreibt die Worte des Gesetzes. Und es ist toter Buchstabe, der tötet, was er da schreibt. Es haftet nicht, es bleibt nicht, es ist nicht greifbar, nicht ins Leben zu übersetzen.

Was macht Jesus? Er erklärt das gerechte Gesetz Gottes keineswegs für ungerecht, für ungültig, für unanwendbar. Aber er macht zweierlei deutlich: Einmal die tödliche Konsequenz der Sünde und zum anderen die gnadenlose Konsequenz des gerechten Gesetzes Gottes, wenn es den Sünder trifft.

Bevor ich zur Pointe komme, möchte ich noch eine Anregung geben. Stellen wir uns doch diese Szenerie einmal als Bild ohne Worte vor. Was sieht man dann? Die Lehrer des Gesetzes stehen um die zurecht angeklagte Sünderin herum. Und Jesus bückt sich, heißt es zweimal. Jesus beugt sich unter die Vertreter der Anklage, beugt sich unter das Gesetz und er kniet vor der Sünderin. Mir ist nicht bekannt, daß es eine orthodoxe Ikone mit diesem Motiv gibt. Aber gäbe es sie, müßte sie die Bezeichnung „Jesus unterwirft sich dem Gesetz und erniedrigt sich vor den Sündern" tragen.

Er, der als einziger wirklich ohne Sünde ist, er, der als einziger das Recht hätte, den ersten Stein zu werfen, kniet und schweigt, nimmt vorweg, was er für die Menschen am Kreuz vollenden wird, wo er schweigend wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, das Gesetz erfüllt und die Sünde der Welt auf sich nimmt und zum Erlöser wird.

Die Schriftgelehrten wissen diese Ikone zu deuten und verlassen einer nach dem anderen den Ort des Geschehens, die Ältesten zuerst. Das Weggehen ist das Eingeständnis der Ausweglosigkeit. Und endete die Geschichte hier, dann wäre sie auch nur eine Geschichte über die ausweglose Situation des sündigen Menschen vor dem Anspruch des tötenden Gesetzes. Aber die Geschichte endet hier nicht. Die Geschichte der Sünder, unsere Geschichte endet nicht mit der todbringenden Anklage des Gesetzes. Dann jedenfalls nicht, wenn wir nicht resigniert weggehen, sondern in der Gegenwart Jesu bleiben und uns wie die Ehebrecherin von Jesus fragen lassen: Wo sind deine Verkläger? Hat dich niemand verdammt? „Herr, niemand." -Ganze zwei Wörter sind uns von der Ehebrecherin überliefert.

Liebe Gemeinde, mir wäre da und dir wäre da wohl mehr eingefallen, oder?

Auf frischer Tat ertappt und angeklagt, fange ich an, mich zu verteidigen, mich zu entschuldigen, die Kindheit, die Umstände, die Anderen, die Gesellschaft für zuständig, für mitschuldig zu erklären. Und wenn alles nichts hilft, dann würde ich doch wenigstens wortreich um Gnade, um eine klitzekleine Ausnahme bitten. Aber die Ehebrecherin sagt nur zwei Wörter. Sie ist überführt und weiß sich dem gerechten Gericht Jesu ausgeliefert. Keine Auflehnung, ergebenes Schweigen.

„So verdamme ich dich auch nicht; gehe hin und sündige hinfort nicht mehr." So entläßt Jesus die Frau.

Brüder und Schwestern: Es gibt nichts, womit wir uns vor Gott rechtfertigen oder entschuldigen könnten. Aber es gibt auch keine Sünde, die Gott nicht in seinem Sohn und im Blick auf sein Leiden und Sterben entschuldigen würde, vergeben könnte.

Es gibt immer und für alle, die Gottes Gericht über sich anerkennen, die in der Gegenwart Jesu bleiben und nicht weggehen, es gibt immer die Chance des neuen Anfangs. Die Barmherzigkeit Gottes, die in Jesus Christus Mensch geworden ist, ist keine gesetzlose Beliebigkeit. Niemand soll im Blick auf dieses Evangelium sagen, es verharmlose die Sünde und ermutige geradezu zum Sündigen. Es ist doch der Freispruch, die Lossprechung vom rechtskräftigen, mich zurecht treffenden Todesurteil. Aber es ist eben Freispruch und damit auch der Anfang eines neuen Lebens nach dem Todesurteil. Nichts anderes soll unser ganzes Leben sein: Ein neues Leben aus dem Freispruch vom Tod, ein neues Leben mit Christus aus der Vergebung der Sünde, ein neues Leben als begnadigter Sünder in der Gemeinde der begnadigten Sünder.

Amen.