Predigt
(Pastor Gert Kelter am Michaelis-Sonntag 2001)
Glauben wie ein Kind.
Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesus und fragten: Wer ist doch der
Größte im Himmelreich?
Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie und sprach: Wahrlich,
ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr
nicht ins Himmelreich kommen.
Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der Größte im
Himmelreich.
Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.
Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für
den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft
würde im Meer, wo es am tiefsten ist.
Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch:
Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel.
(Mt.18,1-6,10)
Liebe Brüder und Schwestern,
„sie feiern auch und schlafen nicht" haben wir eben von den Engeln gesungen, am Gedenktag des Erzengels Michael und aller Engel, den wir heute begehen und in einer Zeit, in der es fast zynisch klingt zu behaupten, alle Menschen hätten ihren persönlichen Schutzengel.
Eher möchte man die Schutzengel neben die Vertreter der Nachrichten- und Geheimdienste auf die Anklagebank setzen und sie fragen: Wo wart ihr denn, als man euch gebraucht hätte? Von wegen „nicht feiern und schlafen". Für New York und Washington galt das wohl nicht. Oder haben wir da etwas falsch verstanden?
Liebe Gemeinde: Im volkstümlichen Glauben der Christen und neuerdings auch wieder bei Esoterikern geistern die unterschiedlichsten Vorstellungen über die Engel herum, allen voran die Vorstellung vom persönlichen Schutzengel. Den bemüht man unter Christen, wo andere von Glück sprechen würden und der erscheint auch auf Autoaufklebern, die dem Schutzengel allerdings nur eine maximale Fluggeschwindigkeit von 130 km/h zutrauen, wenn sie meinen, man solle sich an die Richtgeschwindigkeit halten und das mit der Aufforderung ausdrücken, nicht schneller zu fahren als der Schutzengel fliegen kann.
In Deutschland hat vor allem der Erzengel Michael eine herausragende Bedeutung, wird als Schutzpatron der Deutschen verehrt und hat sogar für die Karikatur des deutschen Michel Pate gestanden. Michael stellt man sich als tapferen Krieger und Streiter vor. Im 10. Jahrhundert stieg der Erzengel zu größtem Ruhm auf, weil er als Patron der christlichen Soldaten für den Sieg Kaiser Ottos über die Ungarn auf dem Lechfeld verantwortlich gemacht wurde. Und schon früher liebten die kriegerischen Germanen den streitbaren Erzengel wesentlich mehr als den aus ihrer Sicht zu sanften und ungermanischen Christus. Kein Wunder, dass St. Michael der Patron vieler Burgkapellen wurde, die oft genug an der Stelle früherer Wotansheiligtümer errichtet waren.
Auch in unseren Gottesdiensten spielen die Engel durchaus eine Rolle: Wir haben zu Beginn den Lobgesang der Engel in der hl. Nacht, das Gloria in excelsis, angestimmt. Wir haben im Nicänischen Glaubensbekenntnis unseren Glauben an die von Gott geschaffene „unsichtbare Welt" ausgedrückt, zu der vor allem eben auch die Engel gehören. Wir werden gleich das „Dreimalheilig" und damit, wie es das Lobpreisgebet der Sakramentsfeier auch ausdrücklich sagt, einstimmen in den himmlischen Lobgesang, der uns beim Propheten Jesaja im 6. Kapitel überliefert wird.
Und auch in der Bibel kommen die Engel durchaus häufig vor: Als für menschliche Augen unsichtbare geschaffene Wesen, die Gott dienen und verherrlichen, die den himmlischen Gottesdienst feiern, als Gottes Boten, die seine Befehle auf der Erde ausrichten und dann auch in Menschengestalt sichtbar auftreten können. Aber nur ganz selten und sehr schwach bezeugt wird der weit verbreitete Glaube an den persönlichen Schutzengel. Im Alten Testament begegnet diese Vorstellung eigentlich gar nicht, in den Apokryphen, also den nicht im strengen Sinn zur Bibel zählenden griechischsprachigen Weisheitsschriften des Judentums zwischen den Testamenten, gibt es einen einzigen Hinweis und im Neuen Testament tauchen gerade einmal zwei Belege für persönliche Engel auf, von denen wir eben einen gehört haben. Bezeichnenderweise erwähnt Jesus die Engel eher am Rande und in einem ansonsten anderen Zusammenhang. Das alles heißt aber doch für uns: Wir sollen der Engel Gottes gedenken, sie gehören zum Inhalt des Glaubens, aber sie gehören nicht ins Zentrum des Glaubens. Und sie spielen auf gar keinen Fall eine selbständige, von Christus gelöste Rolle in unserer Frömmigkeit und Andacht. Und wenn sie das doch tun, dann sollten wir darüber nachdenken, warum wir es eigentlich meinen, so nötig zu haben, zwischen Christus und uns, zwischen Gott und uns, noch eine Zwischeninstanz zu setzen, so als könnte Gott nicht in seiner Allmacht und seiner Barmherzigkeit und seiner Liebe zu uns direkt eingreifen, direkt und unvermittelt seinen Willen für uns geschehen lassen.
Jesus Christus redet in dem Abschnitt aus dem Matthäusevangelium, den die Kirche dem Tag des Erzengels Michael und aller Engel als Predigtabschnitt zugeordnet hat, eigentlich nicht über Engel, sondern über Menschen. Und zwar über Menschen, die an Jesus glauben. Glauben in einem kindlichen, vertrauensvollen, nicht nörgelnd-kritischen, sondern schutz- und hilfesuchenden Sinn. Glauben auf eine Weise, die sich auf Gottes Wort, seine Verheißungen und Zusagen verlässt und sich nicht irre machen lässt. Glauben wie ein Kind, dem seine Mutter gesagt hat: Warte hier auf mich. Ich bin bald wieder zurück. Und das Kind wartet und wartet. Die Zeit vergeht. Es scheint sich nicht zu erfüllen, was die Mutter da doch so fest zugesagt hatte. Aber das Kind bleibt sitzen und sagt allen, die es dazu anstiften wollen, sich doch mal auf die Suche zu machen: Nein, meine Mutter hat gesagt, ich soll hier warten, sie kommt bestimmt zurück und holt mich ab.
So ein kleines Dummerchen, denken wir dann vielleicht. Nach zwei Stunden sitzt das arme Kerlchen immer noch da. Da muss man doch die Sache mal selbst in die Hand nehmen. Und im übrigen: Was für eine Mutter ist denn das, die das Kind einfach sitzen lässt.
Jesus sagt: So sollt ihr sein oder so müsst ihr wieder werden. Wie ein Kind, das seiner Mutter oder seinem Vater absolut und ohne wenn und aber vertraut. Und das sind die, die im Himmelreich die Größten sind.
Hier sind sie die harmlosen, naiven Kleinen, auf die man mit Fingern zeigt, wenn sich Katastrophen ereignen und Tausende mehr oder weniger unschuldiger Menschen dabei ihr Leben lassen müssen, die, die man dann fragt: Und - wo war euer guter, lieber, treuer Gott? Was gilt sein Wort und seine Zusage jetzt noch? Jetzt ist die Zeit der Macher, die die Gerechtigkeit in die eigenen Hände nehmen. Gott und seinen Engeln überlassen wir das lieber nicht.
Wir schaffen jetzt die unbegrenzte Selbst-Gerechtigkeit, wo sich Gottes Gerechtigkeit doch als sehr begrenzt erwiesen hat.
Nein, schneidet Jesus hier das Wort ab: In den Augen der Welt sind das die Kleinen, die Geringen, die scheinbar von Gott und allen guten Geistern Verlassenen. Aber der äußere Schein trügt. Gerade sie sind bei Gott unvergessen, stehen ihm allezeit vor Augen, sind ihm tief ins Gedächtnis eingeprägt. Ihre Sorgen, ihre Ängste, ihre Enttäuschungen, ihre Hoffnungen - das alles kennt und weiß Gott. Und er sorgt für sie nach seinem Willen und nach seinem Plan. Und ihr sollt wissen: Gottes Wille ist für die Kleinen, für die, die an ihn und an Christus glauben, immer ein guter und ein heilsamer Wille, der sie zum Ziel bringt. Das mag von außen aussehen, wie es will.
Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht des Vaters im Himmel.
Liebe Brüder und Schwestern, hinter diesem Satz steht wohl auch die jüdische Vorstellung von einer himmlischen Engelshierarchie, in der nur die obersten der Engel das Angesicht Gottes sehen dürfen. Kein anderer Engel, schon gar kein Mensch, darf Gottes Angesicht unverhüllt sehen. Nicht einmal die Engel bei Jesaja, die das Dreimalheilig singen und mit einem Flügelpaar ihr Antlitz bedecken müssen. Und diese obersten aller Engel sind es also, die gleichermaßen die Gläubigen vor Gott vertreten, sie ihm gegenwärtig sein lassen.
Niemand soll also sagen, diese Kleinen könnten je von Gott vergessen und verlassen sein.
Jesus Christus sagt diesen Satz über die Engel aber nicht nur zum Trost, sondern auch zur Warnung. Zur Warnung an diejenigen, die mit rationalem Überlegenheitsgefühl, mit sich fortschrittlich und modern gebender Wissenschaftlichkeit an den Grundlagen des Glaubens rütteln, und damit die Kleinen, die vertrauensvoll Glaubenden verunsichern. Das sind heutzutage ganze Kirchen, das sind Theologen und Pastoren aber auch ganz normale Gemeindeglieder. Jesus warnt davor, den Kleinen auf solche oder andere Weise Ärgernis zu geben. Was hier mit Ärgernis übersetzt wird, heißt im Griechischen Skandalon und meint „Anstoß", „Stolperstein". Ärgern tun sich die Kleinen tatsächlich weniger, als dass sie durch solche Anstöße verunsichert, zweifelnd und trostlos werden.
Gerade in unruhigen Zeiten wie wir sie in diesen Wochen erleben, finden viele Menschen wieder den Weg in Gottesdienste, Andachten und Kirchen. Sie suchen darin keine Glaubenskritik, sondern Glaubensstärkung. Sie wollen keine Predigten und Ansprachen hören, die die Wunder Gottes wegerklären, sondern sie warten und hoffen auf ein Wunder. Und sie haben allesamt genug davon, ausgerechnet von der Kirche und ihren Vertretern hören zu müssen, dass Jesus eigentlich ein Revolutionär war und man in dieser Welt soziale Gerechtigkeit durch bewaffnete Kämpfe und die Unterstützung von Revolutionsbewegungen herstellen könne. Jahrzehntelang hat eine politisierte Kirche an den eigenen Fundamenten gerüttelt und gesägt, hat Ärgernis und Anstoß erregt und sich darin gefallen.
Wenn’s ernst wird, wenn alles ins Wanken gerät, dann suchen die Menschen Trost, Hoffnung, Vergebung, Versöhnung, Wegweisung. Dann rührt sich in ihnen ein längst verschütteter, wegdiskutierter Kinderglaube. Und wir alle, liebe Schwestern und Brüder, wir alle leben letztlich aus diesem einfachen, vertrauenden Kinderglauben. Den stärke und erhalte uns allen und unseren Mitmenschen zugute der gnädige und barmherzige Gott, der seinen Engeln befohlen hat, uns zu behüten, dass unser Fuß nicht an einen Stein stößt. Amen.