Beichtansprache
(Pastor Gert Kelter am Michaelis-Sonntag 2001)
Auf Gott angewiesen
Es ist kein Mensch so gerecht auf Erden, dass er nur Gutes tue und nicht sündige. (Pred. 7,20)
Liebe Beichtgemeinde,
es gibt viele Menschen, übrigens auch viele Christen, die bei dem Begriff „Sünde" und der Bezeichnung „Sünder" dicht machen und abschalten. Manche verbinden damit düstere Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend in allzu strengen Familien und Kirchengemeinden, andere sehen darin ein geradezu unerlaubtes Mittel der Kirche, sich ihre Schäfchen gehorsam, gefügig und abhängig zu halten und auch bei manchen Theologen leuchtet bei diesen Vokabeln ein Warnlicht, meinen sie doch, das Reden über die Sünde und das Sündersein der Menschen diene nur dazu, das ansonsten ungewollte Produkt „Evangelium" oder „Vergebung" an den Mann zu bringen. Und dann gibt es noch solche, die es einfach für Unsinn halten, als Sünder bezeichnet zu werden, weil sie der Auffassung sind, das Wort „Sünde" betreffe sie gar nicht. Sie täten nichts Böses und die kleinen Ausrutscher des Lebens seien ja wohl kaum so bedeutsam, dass sie in Gottes Augen irgendein Gewicht haben könnten.
Es mag ja sein, liebe Brüder und Schwestern, dass dieser weit verbreitete Widerwillen gegen das Reden über die Sünde wirklich seine Gründe in einem falschen, niederdrückenden und unterdrückenden Reden darüber hat. Und es trifft sicher zu, dass wir wahrscheinlich alle das Bekenntnis „Ich bin ein Sünder" nicht als besonders frohmachend, aufmunternd oder trostreich empfinden.
Gerade in der lutherischen Kirche wurde, und sofern wir von der Selbständigen Ev.-Luth. Kirche reden, wird besonders radikal von der Sünde geredet und gesungen. Etwa mit Martin Luther, der sagen kann „es war kein Guts am Leben mein, die Sünd hat mich besessen" oder „Mein guten Werk die galten nicht, es war mit ihn’ verdorben".
Ist das denn so, dass wirklich auch das beste Werk letztlich verdorben und wertlos ist? Ist das nicht eine finstere mittelalterliche Theorie eines psychisch schwer gestörten Mönches?
Ich denke, nein. Wenn wir Geld für einen guten Zweck spenden, möchten wir eine Spendenquittung, um aus diesem guten Werk den Eigennutz des Steuervorteils zu ziehen. Wenn wir uns ehrenamtlich betätigen, Kraft und Zeit für eine gute Sache investieren, erwarten wir dafür ein Dankeschön und öffentliche Anerkennung und vielfach - bis in die Kirchengemeinden hinein - auch noch ein Honorar. Und selbst die, die ohne Dank, Anerkennung und Lohn ganz im Stillen und Verborgenen helfen wo sie können, wären Lügner, wenn sie behaupteten, nicht doch dafür eine Gegenleistung zu erwarten, nämlich die Selbstbestätigung, die einem selbst versichert, gut und wichtig zu sein und etwas Sinnvolles zu tun.
Nun bin ich weit entfernt davon, solche guten Werke deshalb madig zu machen. Im Gegenteil. Aber das Verdorbensein auch des besten Werkes durch einen wie auch immer verborgenen Egoismus, einen persönlichen Profit, dieses Verdorbensein zeigt, dass es stimmt, was der Prediger Salomo sagt: Es ist wirklich kein Mensch so gerecht auf Erden, dass er nicht sündige. Also: Dass er völlig zweckfrei und ohne jeden Eigennutz nur Gutes tue.
Und genau das will ja der Begriff Sünde eigentlich sagen: Wir sind nicht perfekt und ungebrochen, sondern wir sind gebrochen. Und das hat seine Ursache in unserem gebrochenen Verhältnis zu Gott, der eben nicht über allem und an allererster Stelle in unserem Leben steht, auch nicht im besten Leben.
Wir werden gleich in der Predigt einiges über den Kinderglauben, oder besser: über den kindlichen Glauben hören, den Jesus uns als Vorbild darstellt. In der ganzen Predigt kommt das Wort „Sünde" nicht ein einziges Mal vor. Und dennoch ist eigentlich von nichts anderem die Rede als davon, dass Jesus uns Menschen dazu auffordert, uns als Sünder zu bekennen und alles Vertrauen auf Gott und seine Gerechtigkeit zu setzen. Die Formulierung lautet aber: Werden wie die Kinder. Und gemeint ist: Ich soll ohne wenn und aber meine Hilflosigkeit, mein Angewiesensein auf Gott und seine Gnade und Liebe bekennen, ich soll bedingungslos auf Gottes Versprechungen vertrauen und in keiner Hinsicht auf mich selbst, ich soll einfach nur bei Gott alles Glück, alles Heil, alles Leben, allen Sinn suchen und fest darauf vertrauen, dass ich dies alles bei ihm finde.
Und auf einmal klingt das, was unter der Bezeichnung „Sünder" so schwermütig und abschreckend wirkt, ganz anders und meint doch dasselbe.
Eigentlich ist es ein großartiger Befreiungsschlag, endlich aufhören zu dürfen, selbst und aus eigener Anstrengung dem eigenen Leben Sinn und Gewicht und Bedeutung zu geben, alles loslassen zu dürfen und sich in die Hände Gottes fallen zu lassen. Das geschieht in jeder Beichte. Amen.