Predigt
(Pastor Gert Kelter am Reformation-Sonntag 2001)
Bleiben an Christus macht froh.
Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe!
Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie ich meines
Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe.
Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen
werde.
Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.
Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine
Freunde.
Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete.
Ich sage hinfort nicht, dass ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiß nicht, was
sein Herr tut. Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid; denn alles, was
ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan.
Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass
ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, damit, wenn ihr den Vater
bittet in meinem Namen, er's euch gebe.
Das gebiete ich euch, dass ihr euch untereinander liebt. (Johannes 15, 9-17)
Liebe Schwestern und Brüder,
in der Lutherischen Kirche wird die Reformation der Kirche als Werk des Hl. Geistes verstanden, ein Werk übrigens, das mit dem 16. Jahrhundert nicht abgeschlossen und vollendet war, sondern andauert und andauern muss. Kein Menschenwerk also auch diese so wichtige und bedeutende Phase der Kirchengeschichte, sondern geistgewirktes Handeln Gottes in der Geschichte. Und trotzdem kommt man, wenn man an die Reformation denkt, an der Person eines Menschen, nämlich Martin Luthers nicht vorbei. Ein Heiliger im volkstümlichen Sinne war er freilich nicht, wenn auch ein Heiliger im allgemeinen Sinne wie wir alle, ein durch Taufe und Glaube geheiligter Mensch. Heilige im besonderen Sinne, das sind nach lutherischem Verständnis allenfalls Menschen, an denen Gott beispielhaft seine Liebe und seine verwandelnde und umgestaltende Gnade deutlich machen will. Und solche Heiligen finden wir in der Bibel Alten und Neuen Testamentes reichlich. Aber die menschliche Tendenz zur Heiligenverehrung hat auch vor Martin Luther nicht halt gemacht. Es ist interessant zu sehen, wie unterschiedlich, ja gegensätzlich Luther in unterschiedlichen Zeiten und aus unterschiedlichen weltanschaulichen Perspektiven verstanden und dargestellt wurde. Es gab Zeiten, da sah man in Luther den mutigen deutschen Volkshelden, der sich von der Umklammerung durch die ausländische Macht Rom befreit hat. Zu DDR-Zeiten sah man in ihm einen volkstümlichen Revolutionär und bis heute möchte man ihn gerne als Begründer der Moderne, des Fortschrittes und des liberalen Individualismus begreifen.
Andere wieder sahen in ihm eher den noch ganz im Mittelalter verhafteten Reaktionär, der die Geister nicht mehr loswurde, die er gerufen hatte und darum den Rückwärtsgang einzulegen versuchte. Wie auch immer: Für mich ist Martin Luther weder Revolutionär noch Reaktionär, sondern ein grundkonservativer Christ, der die Gemeinschaft der Kirche liebte und durchaus weit über das Individuum stellte, einer, der auf der Grundlage der Hl. Schrift das Bewährte bewahren wollte und dabei durchaus die Traditionen der Kirche, die nicht gegen die Schrift verstoßen, erhalten wissen wollte.
Wer würde beispielsweise glauben, dass der Satz: „Überhaupt keinem vergibt Gott die Schuld, den er nicht zugleich dem Priester als seinem Stellvertreter ganz und gar gedemütigt unterwirft" nicht nur von Luther selbst stammt, sondern sogar die 7. der 95 Thesen darstellt?
Wer weiß, dass Luther erst 1524, also 7 Jahre nach dem Thesenanschlag, seine Mönchskutte ablegte und wem ist bewusst, dass Luther erst 8 Jahre danach heiratete? Und das nicht etwa aus dringendem persönlichen Bedürfnis heraus, sondern auf Drängen und Druck seiner Berater und Freunde, die meinten, er müsse denen, die aus Gewissensgründen noch immer am Zölibat festhielten, ein Beispiel geben.
In vielen äußerlichen Fragen der Gottesdienstformen und der kirchlichen Gebräuche spricht sich Luther immer wieder gegen radikale Änderungen und Neuerungen aus und für die Beibehaltung der alten Sitten, sofern sie dem Evangelium nicht widersprechen. Das hat ihm auch unter seinen Anhängern längst nicht nur Freunde gemacht. „Das sanfte Fleisch von Wittenberg" wurde er manchmal spöttisch genannt. Und im Augustinerkloster zu Wittenberg lebte Luther, später mit seiner Familie, bis zu seinem Ende.
Luther war Mönch und ist es in seinem Innersten immer geblieben. Zum Mönchtum gehört neben dem Einhalten der sog. „evangelischen Ratschläge", nämlich Gehorsam, Armut und Keuschheit, auch der Grundsatz der stabilitas, der Stabilität. Bei den Benediktinern drückt sich dieser Grundsatz in der Regel aus, dass ein Mönch, der in ein Kloster eintritt, in diesem Kloster bis zu seinem Ende bleibt. Das Bleiben ist eine der ältesten christlichen Tugenden. Und um das Bleiben am Bewährten und um die Abkehr vom Flatterhaften, Unsicheren, Ungewissen und Neuen ging es auch in der Reformation.
Das Bleiben als Tugend ist keine Erfindung der Mönche, sondern ein zentraler Begriff des Neuen Testamentes, der auf Jesus selbst zurückgeht und den vor allem der Evangelist Johannes besonders betont.
„Bleiben an den Worten Jesu", „Bleiben in der Liebe", „Bleiben an Christus wie die Rebe am Weinstock".
Aber, liebe Mitchristen, das Bleiben das liegt uns natürlicherweise nicht. Es ist wie bei dem Märchen vom Fischer und seiner Frau: Mit dem, was wir haben, sind wir meist nicht zufrieden. Und haben sich dann unsere Wünsche nach Veränderung, nach Neuem, nach Wechsel erfüllt, dann verlieren sie sofort ihren Reiz und wieder macht sich Unzufriedenheit breit. Ich könnte ja etwas verpassen, etwas versäumen, zu kurz kommen im Leben. Und darum muss ich soviel wie möglich ausprobieren, erleben und erfahren. Je weiter sich Kommunikation, Technik und Mobilität entwickelt, desto unbeständiger und wechselhafter wird unser Leben und wir mit ihm. Flexibilität und Mobilität sind die Zauberwörter unserer Zeit. Der Reiz des Neuen um des Neuen willen hat uns im Griff.
Es ist ganz natürlich, dass wir in diesem ständigen Wandel, der alles infrage stellt, auch die tiefsten und ältesten Wurzeln und Werte nicht mehr für unantastbar halten können. Der Sog des immer Neuen erfordert es geradezu, auf festen Halt und unabänderliche Standpunkte zu verzichten. Wie soll ich das Neue kennen lernen, wenn ich am Alten festhalte?
Nur merkwürdig, dass mit dem Maß, in dem unsere Möglichkeiten der Veränderung steigen, die Zufriedenheit der Menschen nicht zunimmt, sondern abnimmt. Und dann beobachtet man sehnsuchtsvoll, wie in irgendwelchen abgelegenen Bergregionen der Welt Mensche noch leben wie vor 500 Jahren, nie aus einem Umkreis von 20 Kilometern herausgekommen sind, keine Technik und keine Moderne kennen, aber ausgeglichen, gesund und zufrieden dabei sind.
Liebe Gemeinde: „Bleibt in meiner Liebe, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde." Das sagt Jesus Christus seinen Jüngern. Und er fügt hinzu: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde."
Es gibt also einen unauflöslichen Zusammenhang zwischen dem Bleiben, der Liebe und der Freude. Und Liebe ist nach den Worten Jesu die Lebenshaltung, die nicht vorrangig auf das Eigene bedacht ist, sondern loslassen kann, freiwerden kann von den Dingen, Wünschen, Vorstellungen, Menschen, die meine eigene Neugierde reizen, die mir Erfüllung und Sinn versprechen, die ich kennen lernen, ausprobieren und zu meinem Vorteil, zu meinem Lustgewinn nutzen will.
Liebe Brüder und Schwestern; Das Gegenteil von Bleiben ist die Unstetigkeit, die Flucht. Sie kennzeichnet unser menschliches wesen, seit Kain seinen Bruder Abel erschlug und Gott ihn in die Welt entließ mit den Worten: Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.
Auch Kain wollte nicht bleiben, auch ihn machte unzufrieden, weil er glaubte zu kurz zu kommen, nicht auf seine Kosten zu kommen. Also letztlich: Weil er der Liebe Gottes nicht zutraute, dass sie für seinen Bruder und für ihn gleichermaßen reichlich vorhanden ist.
Aber wer flieht, wird nicht die tiefe innere Freude erfahren können, die dem Bleiben verheißen ist. Die Flucht ist nachparadiesisch und wurzelt im Unfrieden, das Bleiben kennzeichnet das Paradies und wurzelt im Frieden. Die Unstetigkeit gehört zur gefallenen Welt, die Ruhe des Bleibens zum Frieden Gottes.
Unsere Fluchtmentalität äußert sich auf vielfältige Weise. Nicht zuletzt auch in einem allgemeinen Suchtverhalten. Drogentherapeuten sagen heute: Wir leben in einer Suchtgesellschaft und unsere Suchtgesellschaft ist zugleich eine Fluchtgesellschaft, der es um kurzlebigen Spaß geht und die nicht mehr weiß, was wirkliche Freude ist.
Aber um diese Freude, und in dem deutschen Wort „Freude" klingt auch „Freiheit" mit, um diese Freude geht es Jesus Christus. Es ist die Freude, die herrscht, wenn einer, der nicht bleiben wollte, der auszog, um sein Erbe zu verprassen und bei den Schweinen landete, wenn der umkehrt und wieder zurück nachhause kommt. Das ist die Freude, die einer empfindet, der eigentlich Strafe und Verstoßung und Verachtung verdient hätte, aber ohne jeden Vorwurf mit offenen Armen empfangen wird. Es ist die Freude, wieder zuhause zu sein und als freier Sohn, als freie Tochter zuhause bleiben zu dürfen. Es ist die Freude, die aus der Gewissheit kommt, dass ich alles habe, was ich brauche und nichts dazu beitragen muss, mir nichts verdienen muss, mich nicht beweisen muss. Ich darf in der Liebe Christi bleiben, der mich vorbehaltlos liebt. Und auch so lässt sich umschreiben, worum es in der Reformation der Kirche einmal ging. Amen.