Predigt

(Pastor Gert Kelter am Sonntag Exaudi 2001)

Das Selbstbild der Christen.

Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten.

Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern Tröster geben, daß er bei euch sei in Ewigkeit:

den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.

Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch.

Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben. (Joh 14, 15-19)

Liebe Gemeinde,

wer sich heutzutage um eine qualifizierte Arbeitsstelle bewirbt oder aber innerhalb großer Formen in höhere Positionen aufsteigen möchte, muß sich häufig einem schwierigen psychologischen Auswahlverfahren, Assessment genannt, unterwerfen. Dabei geht es unter anderem auch darum, welches Selbstbild man vertritt und inwieweit dies mit dem Fremdbild übereinstimmt, das professionelle Beobachter im Rahmen von Befragungen und Planspielen in einer Bewerbergruppe feststellen. Selbstbild und Fremdbild - manchmal ist man da ziemlich überrascht, wie wenig diese beiden Bilder miteinander übereinstimmen, wie anders andere einen sehen, als man sich selbst sieht.

Man müßte mal die Kirche einem solchen Test unterziehen und ich denke, wir würden uns ganz schön wundern über das Ergebnis. Die Kirche und ihre Funktionäre, aber durchaus auch ihre aktiven Mitglieder möchten sich heute gerne als fortschrittlich, als weltoffen, als flexibel und anpassungsfähig sehen. Niemand soll bitte sagen können: da hat sich in 2000 Jahren nichts verändert, die bleiben immer bei denselben Auffassungen und Ansichten und Formen. Wir wollen gerne gut ankommen in der Welt, geliebt und geachtet sein, keine wirkliche Alternative, für die man sich entscheiden müßte, bei der man große Hürden nehmen und hohe Schwellen überschreiten muß.

Aber dieses weit verbreitete, auch in unserer Kirche leider weit verbreitete Selbstbild, stimmt überraschend oft so gar nicht mit dem Bild überein, das andere von der Kirche haben. Die nämlich erwarten von der Kirche nicht ständig etwas Neues, sondern eine unwandelbare, zuverlässige, angesichts der immer schneller und unübersichtlicher werdenden Entwicklungen unserer Zeit verläßliche und feststehende Größe. Die erwarten klare, bewährte Antworten, keine neuen Fragen. Die erwarten Orientierung, keine Problematisierung. So kann etwa der französische Dramatiker Eugène Ionesco der Kirche vorhalten: „Die Kirche ist nicht mehr sie selber. Sie zerstört sich. Sie begeht Selbstmord. Was wir von der Kirche erwarten? Daß sie uns das Übernatürliche nicht vorenthält, und daß sie keine Angst hat."

Woran liegt es denn, liebe Gemeinde, daß die Kirche Angst hat? Daß sie Angst hat, allein zu sein mit ihren Überzeugungen und Positionen, ihren uralten Formen und Lebensäußerungen. Daß sie sich so verlassen vorkommt und darum nach Verbündeten sucht, nach Koalitionen, fast möchte man sagen: Egal mit wem.

Es liegt vielleicht daran, daß die Kirche vergessen hat, daß sie gar nicht allein ist. Sie ist ja nicht sitzengelassen worden von ihrem Herrn, ist keine verlassene Braut, über die alle die Nase rümpfen und tuscheln. Und selbst wenn sie tuscheln und lachen: Müßte nicht die Kirche viel besser, viel gewisser und zuversichtlicher wissen, daß Christus, ihr Bräutigam sie nicht im Stich gelassen hat, sondern daß er mitten in ihr drin ist und vor allem auch: Daß er sichtbar wiederkommen wird, um sie in aller Herrlichkeit öffentlich heimzuholen?

Hat vielleicht weniger der Bräutigam die Braut als vielmehr die Braut den Bräutigam sitzen gelassen? Ist die Liebe so abgekühlt, daß sie ihr Vertrauen und ihre Hoffnung lieber auf die Anerkennung vor der Welt und ihrem Geist, auf deren wechselnde Mehrheiten setzt?

Liebe Gemeinde, Christus hat der Kirche verheißen, daß er sie nicht als Waise zurückläßt, wenn er zum Vater geht. Er hat der Kirche fest zugesagt, daß er uns einen anderen Tröster geben wird, der bei uns sein wird in Ewigkeit. Und er redet dabei vom Heiligen Geist.

Über diesen Zusagen steht der wichtige Satz: „Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten." Das heißt zugleich: Vertraut ihr mir, daß die Versprechen, die ich euch gebe, absolut zuverlässig sind, dann werdet ihr auch an mir und meinen Geboten festhalten. Dann werdet ihr das Gefühl, allein und schutzlos und verlassen zu sein, überwinden im Glauben und in der Hoffnung, daß ich in euch und bei euch bin. Dann werdet ihr nicht aus Angst fremd gehen mit dem Geist der Welt, der Mehrheiten und Beliebtheiten, sondern werdet aus der Kraft des Heiligen Geistes leben und leben können.

Dieser Heilige Geist, sagt Jesus, ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann und nicht sieht und nicht kennt.

Um die Worte von Eugène Ionesco noch einmal aufzunehmen: Der Heilige Geist verkörpert das Übernatürliche, repräsentiert den Herrn Jesus Christus in seiner Kirche und durch seine Kirche auch in der dieser natürlichen Welt. Wenn die Kirche aber den Heiligen Geist mit dem Geist der Welt vertauscht, dann enthält sie der Welt das Übernatürliche vor. Dann wird sie dem ihr anvertrauten Zeugnis untreu und geht in der Welt auf. Liebe Gemeinde: Die Kirche ist drauf und dran, eben das zu tun. Sie hält die Gebote nicht mehr und wird darum zur lächerlichen Gestalt. Eine Kirche, die immer ängstlich bemüht ist, es allen recht zu machen, die ihr Mäntelchen immer nach dem Wind hängt, Angst hat, auch mal Nein zu sagen, sich zu verweigern, Minderheitenpositionen zu vertreten, sich zu streiten, sich auseinanderzusetzen, unbequeme Denkanstöße zu geben, eine solche Kirche braucht niemand. Sie wird sich darum auch in kürzester Zeit völlig überflüssig machen und keine Rolle mehr spielen. Nur: Diese Rolle wird nicht einfach vakant bleiben. Da stehen schon längst andere und warten nur darauf, diese Rolle einzunehmen. Nicht nur weltliche Ideologen, die mit Nationalismus auf Seelenfang gehen, nicht nur die neue Weltanschauung der Spaß- und Konsumgesellschaft oder die neuerdings vom Bundeskanzler propagierte Religion der Ökonomie, die angeblich wichtiger sei als Ethik und Moral, sondern vor allem auch der Islam. Mit Recht wirft der Islam der Kirche vor, sie habe keine moralische Überzeugungskraft mehr. Mit Recht beansprucht der Islam darum auch: Wenn die Kirche alle Normen und Werte über Bord wirft, sich anpaßt und gleichmacht, dann nehmen wir ja niemandem etwas weg, wenn wir die Lücke füllen. Und die islamischen Führer sind bereits kräftig dabei, diese Lücken zu füllen.

Allerdings: Der Geist, den der Islam predigt, ist nicht der Heilige Geist, den Christus verheißen hat. Von dem sagt er: Er ist der Geist der Wahrheit und: „Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein."

Dieser Begriff „kennen" meint kein verstandesmäßiges Begreifen, sondern entspricht dem „erkennen", das uns bereits am Anfang der Bibel begegnet, wo es von Adam heißt: Er erkannte seine Frau Eva und die beiden waren ein Fleisch.

Den Heiligen Geist zu kennen heißt also: Eins zu sein mit Christus, wie Braut und Bräutigam durch ihre Liebe zueinander eins sind. Da ist der Mensch eben nicht mehr allein, sondern hat ein Gegenüber, eine Hilfe, die um ihn ist. Und diese Hilfe besteht auch darin, sich selbst besser zu erkennen und zu verstehen, als er es ohne diese Hilfe könnte.

Gottes Geist der Wahrheit sagt uns, wer wir in Wahrheit sind und wer Christus in Wahrheit ist: Wir sind ohne Christus vor Gott verloren und wirklich allein und verlassen. Aber mit Christus, dem Herrn des Lebens, haben wir Leben, das bleibt. Und Christus ist der, der uns erlöst und trägt und bewahrt und zum Ziel bringt.

So nüchtern, so fast alltäglich ist das Zeugnis des Heiligen Geistes in uns.

Aber gerade im Alltag, gerade dann, wenn uns alles über dem Kopf zusammenzubrechen droht, brauchen wir diesen Beistand, diesen Tröster. Denn wie die Kirche als ganze, so sind wir auch als einzelne Christen nur zu oft in der Lage, uns allein und verlassen zu fühlen: Wenn ein Ehepartner stirbt, wenn Freundschaften oder Ehen zerbrechen, wenn wir Prüfungen nicht bestehen, wenn Kinder ganz anders geraten, als wir es erhofft haben, wenn Krankheiten uns den Weg verstellen und die erhoffte Zukunft wie verbaut und abgeschnitten scheint:

Nichts ist dann nötiger als zu wissen: Christus hat mich nicht verlassen. Wie auch immer andere, wie auch immer die Welt das Schwere und Bedrückende deuten mag, das mir da gerade passiert: ich kann es in der Kraft des Heiligen Geistes für mich anders deuten. Ich kann trotzdem wissen: Ich bin nicht allein gelassen worden, keine schutzlose Waise, keine sitzengelassene Braut. Mein Leben kann und soll sinnvoll und erfüllt bleiben, auch wenn ich es ohne den bisher so vertrauten und geliebten Menschen nun allein zuende gehen muß. Mein Leben ist wertvoll und voller Sinn, auch wenn es durch Krankheit beschränkt und reduziert wird, ich bin kein Versager, sondern ein von Gott gewollter und geliebter Mensch, auch wenn die Prüfung mißlungen ist. Es gibt nichts auf dieser Welt, was das in Frage stellen könnte, solange ich an Christus festhalte und mich von Christus festhalten lasse. Das Selbstbild der Christen - es ist weder das eigene und selbstgemachte, noch das der Welt, sondern es ist das Bild, das der Geist Gottes uns bezeugt. Diesem Bild immer mehr zu entsprechen, sich nicht ablenken und verunsichern zu lassen durch die Fremdbilder, die uns davon abbringen wollen, das ist die Bestimmung, die uns Christen aufgegeben ist. Amen.