Beichtansprache

(Pastor Gert Kelter am Sonntag Kantate 2001)

Ein Geruch des Lebens zum Leben.

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.

Dasselbe war im Anfang bei Gott.

Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.

In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.

Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen.

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (Joh 1,1-5+14)

Liebe Beichtgemeinde,

am vergangenen Sonntag Jubilate hörten wir in der Predigt von der Schöpfung des Universums aus dem Nichts durch das Wort Gottes.

Am sechsten Schöpfungstag läßt Gott - wiederum durch sein Wort - den Menschen werden und bestimmt ihn als einziges Geschöpf unter allen Lebewesen zu seinem Ebenbild, seinem Gegenüber. Gott beendet seinen Monolog und tritt ein in einen Dialog, ein lebendiges Gespräch mit dem Menschen. Aber der Mensch, mit Freiheit und Macht ausgestattet, bricht einseitig dieses Gespräch ab, führt lieber sein ichbezogenes Selbstgespräch, verliert dabei die Orientierung und läuft in die Irre, die in den Abgrund führt.

Heute haben wir gehört, wie der Evangelist Johannes zu Beginn seines Evangeliums zurück an den Anfang geht. Im Anfang war das Wort. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.

Das will sagen: Gott, der das Wort ist, wird Fleisch, also Mensch. Er begegnet uns Menschen in dem Mensch gewordenen Wort Jesus Christus auf gleicher Augenhöhe, um das abgerissene Gespräch wieder aufzunehmen, wieder ins Gespräch zu kommen mit dem Geschöpf Mensch, das lieber mit stummen Götzen seine Selbstgespräche führt, als mit Gott zu reden.

Laßt uns diesen Gedanken heute einmal auf die Art und Weise beziehen, wie wir miteinander sprechen, wie wir’s schlecht machen und wie wir’s doch besser machen können.

Am kommenden Sonntag Rogate, „Betet", wollen wir dann über das Gespräch mit Gott nachdenken.

Ich möchte folgende Gesichtspunkte beleuchten:

1. Gespräch heißt: Interesse haben

2. Gespräch heißt: Sich identifizieren und

3. Gespräch heißt: Sympathie haben.

I) Das deutsche Fremdwort Interesse heißt wörtlich übersetzt: Dazwischen sein, mittendrin sein. Ein gutes, gelungenes Gespräch entsteht, wenn beide Gesprächspartner darauf verzichten, die Rolle eines neutralen Beobachters zu spielen, der von außen hört, aber sich nicht in die Situation seines Gegenübers einläßt, sich nicht vorstellt, was er erlebt, empfindet und warum er dies so und anders empfindet. Von Christus können wir lernen, wie man das macht. Zum Interesse gehört es, den anderen auch zu fragen. Eine Frage signalisiert: ich lasse deine Worte nicht nur über mich ergehen, um nicht unhöflich zu sein, sondern es interessieren mich Hintergründe, Beweggründe und letztlich: Du interessierst mich als Person. Darum mache ich mir die Mühe, dich besser zu verstehen, mich in dein Leben hineinzuversetzen. Und darum frage ich zwischendurch einmal nach. Wer in einem Gespräch fragt, nachfragt, der beugt sich mit Worten über seinen Gesprächspartner hinab, um ihm näher zu kommen, der berührt ihn mit Worten, die bedeuten: Ich bin ganz nahe dran, um begreifen, wirklich hören, dich erkennen zu können, wie du bist. So macht Christus es mit denen, denen er sich zuwendet.

Ein Gespräch ist etwas anderes als eine Audienz oder eine Anhörung. Christus hat sich seiner göttlichen Macht und Herrlichkeit entkleidet, ist wahrer Mensch geworden, damit wir durch ihn mit Gott wieder in das Lebensgespräch eintreten können.

II) Sich identifizieren heißt wörtlich übersetzt: Eins werden.

Aus den ersten Kapiteln der Bibel erfahren wir, daß die Menschen nicht nur eins mit Gott, sondern auch untereinander eins waren. Der Mensch erkennt sich erst als Mann im Gegenüber zu der Frau, die Bein von seinem Bein und Fleisch von seinem Fleisch ist. Und beide sind nackt und schämen sich nicht voreinander, weil sie nichts voneinander befürchten, nicht eifersüchtig glauben, etwas vor dem anderen verstecken und verbergen zu müssen. Erst die Sünde bringt auch die Entzweiung unter den Menschen mit der Folge, daß sie sich ihrer Nacktheit voreinander schämen und ihre Blöße bedecken müssen. Das heißt doch: Sie ziehen Grenzen, sie sichern ihren Besitz, sie gehen auf Distanz zueinander. Sie sind sich ihrer Zweiheit, man könnte ja auch sagen: ihrer Zwiespältigkeit und ihrer Gespaltenheit plötzlich bewußt. Der Dialog ist abgerissen; nicht nur mit Gott, sondern auch der zwischenmenschliche. Und aus den nun entstehenden Monologen, den selbstsüchtigen Selbstgesprächen folgt unausweichlich der Brudermord.

Sich identifizieren mit dem Gesprächspartner heißt: Sich öffnen, nicht vorsichtig mit allen Gefühlen und spontanen Regungen hinterm sicheren Zaun halten aus Angst, der andere könnte irgend etwas als Minuspunkt auf sein geheimes Konto buchen und einmal gegen mich verwenden. Sich identifizieren heißt: Sich schutzlos dem anderen öffnen und damit auch verletzbar machen. Eben das hat Christus, das fleischgewordene Wort Gottes, getan, um das Gespräch zwischen Gott und den Menschen wieder lebendig werden zu lassen. Er hat sich den Menschen ausgeliefert, ist schutzlos und verwundbar geworden. Aber eben durch diese Wunden sind wir geheilt.

III) Sympathie heißt wörtlich übersetzt: Mitleid oder Mitgefühl.

Ein Arzt sagte kürzlich: es gibt viele gute Mediziner aber nur wenige gute Ärzte. Und er erläuterte das so: Ein guter Arzt sollte einmal im Jahr für einige Tage als Patient im Krankenhaus verbringen, um die Hilflosigkeit am eigenen Leib zu erfahren, der sich Patienten ausgesetzt fühlen. Ein Arzt sollte einmal im Leben entweder selbst schwer krank gewesen sein oder zumindest berechtigten Grund zu der Annahme gehabt haben, sehr krank zu sein, um nachempfinden, um mitfühlen zu können, was Patienten durchmachen.

Sympathie im Gespräch meint also nicht das Mitleid im Sinn von Bedauern und gleichzeitiger Zufriedenheit, daß man selbst erfreulicherweise nicht in einer so schlimmen Lage ist. Sympathie meint Mitgefühl im Sinn von sich in die Lage des Gegenübers hineinversetzen können, ihn aus seiner eigenen Lage heraus verstehen können.

Man sagt: Alles verstehen heißt alles verzeihen. Kann es sein, daß wir so wenig verstehen und darum auch so wenig bereit sind zu verzeihen, barmherzig zu urteilen, weil wir so wenig Sympathie mit unseren Mitmenschen kennen?

Natürlich heißt das nicht, daß wir als Christen zwangsläufig oder auf Knopfdruck alle Menschen im landläufigen Sinn sympathisch finden sollen oder auch könnten. Diese Art von Sympathie ist ein spontanes Gefühl, das mir sagt: Von dem fühle ich mich angezogen, da gibt es offenbar Gemeinsamkeiten, ähnliche Sicht- und Denkweisen.

Die christliche Sympathie, die ein gutes, gelungenes Gespräch auszeichnet, meint noch etwas anderes. Ein indianisches Sprichwort sagt: Urteile nie über einen Menschen, in dessen Mokassins, also: in dessen Schuhen du nicht eine gewisse Zeit gelaufen bist. Die Gemeinsamkeit, die uns mit jedem unserer Mitmenschen verbindet, ist dieselbe Situation vor Gott. Alle sind wir nämlich ohne Christus verloren, ganz armselige, hoffnungslose Geschöpfe. In diese Lage müssen wir uns nie künstlich hineinversetzen, in dieser Lage gehören wir alle zusammen. Und wenn uns das im Gespräch bewußt wird, dann sehen wir unser Gegenüber auch - und wenn es nur einige Sekunden lang sein sollte - aus dem Blickwinkel Gottes als von Gott geliebte und erlöste Menschen, für die Christus gelitten hat und gestorben ist.

Dann bin ich nicht mehr ein besseres Gegenüber, sondern im wahren Sinn des Wortes „Mit-Mensch". Ich und du sind in derselben Lebenslage vor Gott: Mitverursacher der Sünde, Mitleidende unter der Sünde und miterlöste Sünder. Die landläufige menschliche Sympathie oder Antipathie verliert davor ihre große Bedeutung. Oder meinen wir etwa, Jesus mußte die Ehebrecher, die Zöllner, die mit ihm gekreuzigten Mörder im menschlichen Sinne erst sympathisch finden, bevor er für sie litt und starb? Er ist aber Mensch geworden und wurde von allem versucht, wie wir, wenn auch ohne der Versuchung zu erliegen. Und das alles, um uns ein Gegenüber, ein Gesprächspartner zu sein, von dem wir uns ernst genommen und verstanden wissen dürfen.

Der Apostel Paulus hat den Korinthern in seinem 2. Brief geschrieben: Wir Christen sind denen, die gerettet werden, ein Geruch des Lebens zum Leben.

Einen solchen Geruch zu verbreiten - dazu sind wir als Christen berufen. Mit Worten, mit Taten, durch das Klima unseres ganzen Lebens.

Wo wir darin immer wieder versagen und Rückschläge erleiden, wo wir schwach sind und wider besseres Wissen und bessere Erkenntnis doch das Gespräch Gottes mit den Menschen im Sprechen mit unseren Mitmenschen nicht fortsetzen, da ist er gnädig und barmherzig, der sich mit Interesse und Sympathie mit uns Menschen ganz und gar identifiziert, damit wir das Leben finden und im Leben bewahrt werden zum ewigen Leben.

Amen.