Predigt

(Pastor Gert Kelter am Sonntag Septuagesimä 2001)

Herausgerufen in die Familie Gottes.

Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm.

Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern.

Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum ißt euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?

Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.

Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): »Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.«Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

(Matth. 9,9-13)

 

Liebe Schwestern und Brüder,

die Bilder der Erdbebenkatastrophen in Mittelamerika und vor allem auch in Indien sind uns noch sehr gegenwärtig.. Besonders erschütternd, trotz der schleichenden Gewöhnung an die schrecklichen Bilder, die uns die Fernsehnachrichten regelmäßig liefern, sind für mich die Szenen, in denen Angehörige und freiwillige Helfer auf den Trümmerbergen herumlaufen und die Namen der verschütteten Angehörigen rufen. Bei manchen von euch werden dabei vielleicht auch schmerzliche Erinnerungen an den letzten Krieg wachgeworden sein.

Was muß das für die wenigen eingeschlossenen Überlebenden für ein erlösendes, befreiendes Erlebnis sein, nach Stunden, nach Tagen der Dunkelheit, des Hungers, Durstes, der Totenstille und der dauernden Angst davor, dass die Trümmer über einem vollständig zusammenstürzen, plötzlich eine Stimme zu hören. Eine Stimme, die meinen Namen ruft, die mir Gewissheit gibt: Man hat mich nicht aufgegeben, nicht vergessen, nicht auf irgendeine Liste geschrieben, ich werde gesucht, man geht mir nach, alles wird getan, um mir zu helfen.

Wird nicht ein solcher Ruf, selbst wenn bis zur Rettung noch längere Zeit vergehen sollte, die letzten Reserven mobilisieren? Wird diese erlösende Stimme nicht Kraft zum Durchhalten und neue Hoffnung schenken?

Liebe Gemeinde, was hier so weit entfernt scheint, ist uns vielleicht näher, als wir zunächst denken.

Kennst du nicht auch dieses Gefühl, dass dir alles über dem Kopf zusammenstürzt? Ein Gefühl von: Ich kann nicht mehr, ich sehe einfach keinen Ausweg, das Leben schiebt seine Trümmer immer enger um mich zusammen, schnürt mir die Luft ab, nimmt mir den Horizont, die Lebensperspektive.

Manchmal allerdings passiert es auch, dass Menschen bis zum Hals in den Trümmern ihres Lebens, unter dem Schutt von zerbroche-

 

nen Beziehungen, falschen Entscheidungen und Schuld stecken, ohne es selbst überhaupt zu bemerken. Und von außen scheint sogar nicht selten auch alles in Ordnung zu sein.

Solche Gedanken bringen uns zu der Szene aus dem Matthäusevangelium, in der Jesus den Zöllner Matthäus Levi im Vorübergehen anspricht: Folge mir nach!

Matthäus, der Jude, arbeitete mit der römischen Besatzungsmacht zusammen. Leben konnte er davon. Aber um welchen Preis? Seine jüdischen Volks- und Glaubensgenossen verachteten ihn als Vaterlands- und Volksverräter, als Glaubens- und Gottesverleugner. Er galt den Frommen als „unrein" und durfte nicht am Gottesdienst teilnehmen. Aber auch die römischen Besatzer dachten gering von den Kollaborateuren, benutzten sie für ihre Zwecke und zahlten ihnen so wenig, dass sie ständig in der Versuchung standen, mehr Steuern und Zölle als vorgeschrieben einzuziehen, um sich und ihre Familien einigermaßen durchbringen zu können. Und ganz sicher: Auch Matthäus wird dieser Versuchung mehr als einmal erlegen sein. Er war ein Außenseiter, von keinem geachtet, einer, auf den man mit Fingern zeigte, den man mied wie die Pest. Seinen Namen hatte er schon lange nicht mehr gehört. Er hatte seinen Stempel verpasst bekommen und hieß nur „der Zöllner". Eine Kategorie, eine Schublade, nicht besser als und gleichbedeutend mit „Sünder", mit „Hure", in einem Atemzug mit diesen genannt.

Er lebt unter einem Trümmerhaufen verpasster Gelegenheiten, fristet sein Dasein unter den Ruinen eines verpfuschten Lebens. Kein Ausweg bietet sich ihm: Zurück in die Gemeinschaft anständiger Juden kann er nicht mehr, ein römischer Bürger würde er nie werden. Er musste bleiben, was er war, die Konsequenzen falscher Entscheidungen, die Folgen seiner Charakterschwäche , seine Habgier, seiner Angepasstheit lebenslänglich tragen.

Und dann plötzlich nimmt Matthäus wahr, dass einer ihn ansieht, wie ein Mensch den anderen ansieht. Daß einer ihm in die Augen blickt, wo alle anderen geflissentlich wegsehen. Allein das eine nie erlebte Sache. Und dann richtet ein Mensch sogar ein persönliches Wort an ihn: Folge mir nach! Ein Wort ist das, das die dicke Trümmerwand, die zwischen Matthäus Levi und dem Leben steht, durchdringt. Ein Wort, das die unüberwindlich scheinende Mauer zwischen Matthäus und der anständigen Gesellschaft überwindet. Folge mir nach - das heißt doch auch: Nein, Matthäus, du bis in meinen Augen nicht nur „der Zöllner", nicht der Versager und unwürdige Verräter, der durch und durch verkommene und hoffnungslose Fall. Du stehst nicht auf der Liste der vom Leben vermissten, der aussichtslos verschütteten. Du stehst noch im Buch des Lebens, dein Name ist noch bekannt. Und du bist es mir wert, zu meinem Gefolge zu gehören.

Brüder und Schwestern: Jesus Christus, der König, ruft den Außenseiter in sein Gefolge. Das trifft den Zöllner am Straßenrad wie einen Verschütteten der Ruf seiner Retter.

Ist es uns eigentlich bewusst, dass Jesus Christus uns ebenso begegnet ist und auch heute, an diesem Tag, in diesem Gottesdienst wieder so begegnet? Wissen wir, dass wir auch zu der Gemeinschaft der „Herausgerufenen" gehören, ecclesia heißt das auf griechisch: Kirche?

Das erste Mal, das Christus uns bei unserem Namen genannt hat, uns in sein Gefolge gerufen hat, war unsere Taufe. Sein Name und mein Name: Von da an wird beides zusammen genannt, untrennbar. Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.

Brüder und Schwestern, wir haben als Christen, als Menschen, deren Name zum Christusnamen gehört und die Er in seine Nachfolge gerufen hat, ein einzigartiges Vorrecht: Unsere eigene Unheilsgeschichte ist mit der Heilsgeschichte Gottes untrennbar verbunden und darin aufgehoben. Das hat ganz lebenspraktische Folgen. Wir kennen das alle: Unsere Vergangenheit holt uns immer wieder ein. Die jüngsten tagespolitischen Ereignisse um die Vergangenheit einiger Bundesminister machen das ja gerade wieder deutlich. Da habe ich einen Fehler gemacht, etwas Unbedachtes gesagt, da gibt es zweifellos Schuld und Versagen in meinem Leben. Und die Menschen um mich herum vergessen nicht. Sie prägen mir ihren Stempel auf, kleben mir ihre Etiketten auf die Stirn und das bin ich dann. Da komme ich nicht mehr heraus: Das ist der Querulant, heißt es dann, oder unser Klassenkasper, oder unser Sonnenschein, der immer gute Laune hat, oder der Geschiedene, die mit dem unehelichen Kind. Und hat der nicht damals dies und das getan oder gesagt?

Matthäus Levi, der Zöllner, der Sünder, der Unreine, der Verräter. Seine Vergangenheit ist immer Gegenwart und wird es immer wieder neu. Gibt es denn kein Entrinnen und keine Chance?

Da steht Jesus Christus vor ihm, der Retter, der Arzt, der Helfer, der die Trümmer seines Lebens wegräumt. Unter Einsatz seines eigenen Lebens.

Matthäus redet kein Wort. Es heißt nur: Da stand er auf und folgte ihm. Liebe Gemeinde, was da im griechischen für „aufstehen" zu lesen steht, ist dasselbe Wort, das auch für die Auferstehung von den Toten verwendet wird. Da erstand Matthäus von den Toten auf, wurde lebendig und setzte sich in Bewegung.

Das Wort Jesu hat diese Kraft und diese Wirkung bei denen, die es hören und bewahren. Gottes Wort von der Vergebung, der Versöhnung und dem Neuanfang kann alles wegräumen und aufbrechen, was uns am Leben hindert, was uns einmauert und bei uns selbst isoliert. Der Ruf Jesu, wenn er gehört wird, führt zur Gemeinschaft mit ihm, eine Gemeinschaft, die den Herausgerufenen von den Pharisäern aller Zeiten nicht gegönnt wird. Sie zeigen mit ausgestreckten Zeigefingern auf die dunkle Vergangenheit, graben immer und immer wieder die alten Dinge aus, können und wollen nicht vergessen, neiden den Auferstandenen das neue Leben. Sind sie die Gesunden, die den Arzt nicht brauchen? Oder sind sie nicht selbst vielmehr todgeweihte Schwerkranke, die ihre Diagnose nur noch nicht kennen?

Die von Christus herausgerufenen jedenfalls führt ihr neuer Lebensweg, wenn auch manchmal auf einsamen Straßen, doch in die Gemeinschaft der Familie Gottes, an den Tisch Jesu.

Jesus redet weniger. Er kommuniziert, d.h. er stiftet Gemeinschaft mit Menschen, die vorher draußen standen und denen er nun Lebensraum in seiner Nähe schenkt.

In seiner Gegenwart ist auch unser Leben nur Gegenwart. Die Vergangenheit dürfen wir Christus zu Füßen legen. Er nimmt sie uns ab und befreit uns von dieser Last. Bei ihm sind wir nicht die Etiketten, die Klischees, die Abgestempelten, sondern einzigartige, geliebte, unverwechselbare Menschen mit einem Namen.

Und solchen Menschen wird in jedem Gottesdienst die Zukunft neu geschenkt.

Hoffentlich merkt man das unseren Gottesdiensten auch an. Hoffentlich strahlen sie die Barmherzigkeit Gottes aus. Christus sagt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten.

Barmherzigkeit – das heißt nicht: Mitleid. Das heißt nicht: Eine Geste der Großzügigkeit, die aus dem Vollen schöpft und wenig austeilt. Barmherzigkeit ist die Haltung des geöffneten Herzens für jeden Menschen. Barmherzigkeit ist die Sichtweise Gottes, der hinter allen Fassaden, hinter allen Entstellungen und Verzerrungen doch immer den durch Christus erlösten Menschen erkennen kann.

Jesus sieht in Matthäus nicht nur „den Zöllner", sondern den Menschen Levi, der auf ein Lebenszeichen, ein Zeichen des Lebens wartete.

Aus dem Zöllner wurde ein Zeuge Christi. In der Gegenwart des Herrn erhielt sein Leben

 

wieder Zukunft, einen neuen Wert und einen neuen Sinn. Ganz wenig nur hatte dieses Auferstehungswunder bewirkt: Ein kleines Zeichen der Barmherzigkeit. Aber eben doch der Barmherzigkeit Gottes, in der Christus selbst uns sein Herz öffnet und uns Armen dort einen Raum gibt. Lebensraum für solche, die lebendig begraben waren. Amen.