Predigt
(Pastor Gert Kelter am Sonntag Sexagesimä 2001)
Gottes Wort wirkt immer.
Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und läßt wachsen, daß sie gibt Samen, zu säen, und Brot, zu essen,
so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.
Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden. Berge und Hügel sollen vor euch her frohlocken mit Jauchzen und alle Bäume auf dem Felde in die Hände klatschen. (Jes. 55
, 10-12)Liebe Schwestern und Brüder,
seit einiger Zeit werden im Wetterbericht der Radionachrichten immer zwei Temperaturvoraussagen bekanntgegeben: Einmal die tatsächliche Außentemperatur und dann die sogenannte „gefühlte" Temperatur. Da gibt es offensichtlich einen - ich nehme an von der Luftfeuchtigkeit abhängenden - Unterschied zwischen der objektiv messbaren und der subjektiv empfundenen Temperatur.
Mir scheint das ein ganz gutes Beispiel dafür zu sein, wie Menschen die Wirklichkeit aus unterschiedlichen Blickwinkeln auch ganz unterschiedlich wahrnehmen. Und trotz dieser unterschiedlichen Wahrnehmung kann man nicht eines gegen das andere ausspielen, kann man nicht eine klare Entscheidung treffen und einfach sagen: Nur die objektive, messbare Wirklichkeit ist Wirklichkeit, alles andere ist Einbildung oder umgekehrt.
Vom Wort Gottes lässt Gott selbst den Propheten Jesaja sagen: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe.
Das Evangelium wird den Menschen dieser Welt seit 2000 gepredigt und die Christen zählen inzwischen nach Milliarden. Objektiv gesehen wäre es also vermessen zu behaupten: Das Wort Gottes ist wirkungslos verhallt. Auf der anderen Seite fragen wir uns zu Recht: Warum sieht die Welt dann nicht völlig verändert aus? Wieso gibt es immer noch so viele Kriege, warum wird sogar um irgendwelcher Glaubensfragen willen Krieg geführt? Wo bleibt denn da die Wirkung des göttlichen Wortes? Gott hat es doch wohl nicht ausgesandt, um die Welt vollkommen unverändert zu lassen?
Und noch quälender werden solche Fragen, wenn wir uns unsere Verwandten, unsere Freunde und Bekannte vor Augen führen: Da gibt es vielleicht Kinder, Enkel, Nichten und Neffen, die natürlich in Gottesdiensten, im Konfirmandenunterricht dem Wort Gottes ausgesetzt waren, die in christlichen Familien aufgewachsen sind, die jeden Tag in unserer Fürbitte vorkommen, die aber heute dem Glauben und der Kirche fern zu stehen scheinen, die von Christus nichts wissen wollen, ihr Leben nach ganz anderen Maßstäben führen und offensichtlich dabei gar nicht außergewöhnlich unglücklich sind. Ist das Wort Gottes denn wirkungslos geworden? Stimmt es am Ende gar nicht, was Gott seinen Propheten dem Volk Israel da ausrichten lässt?
Die gefühlte Wirklichkeit im Blick auf die Wirkung des Wortes Gottes ist also oft genug eher trostlos. Da tut sich gar nichts. Da wurde alles unternommen, aber nichts erreicht. Es fragt sich nur, ob diese gefühlte Wirklichkeit, so wenig man dagegen auch argumentieren kann, die ganze Wirklichkeit ist. Ob das, was wir an Wirkungen des Gotteswortes wahrnehmen auch tatsächlich alles ist.
Vielleicht nehmen wir vor der Beantwortung dieser Frage noch mal uns selbst und unser Leben ins Visier. Wir sitzen ja schließlich, weil wir Christen sind, weil wir Gottes Wort bewusst hören wollen, sein Sakrament mit dem Geschenk der Vergebung und des Neuanfangs suchen und brauchen und darauf vertrauen, was Jesaja sagt, nämlich, dass dieses Wort nicht wirkungslos bleibt. Aber die gefühlte, die wahrgenommene Wirkung in unserem eigenen Leben – ist die nicht oft genug auch ziemlich unsichtbar, ziemlich verborgen? Und macht uns das nicht auch manchmal sehr zu schaffen, dass wir so anders sind, als wir doch eigentlich sein müssten, wenn Gottes Heiliger Geist in uns wäre, wenn Christus in uns Gestalt angenommen hätte? Und dennoch sitzen wir doch hier. Es gibt heutzutage keine äußeren Zwänge mehr, die uns dazu bewegen könnten. Und immerhin: Wir empfinden doch diesen Zwiespalt zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Er lässt uns ja nicht kalt. Wer, wenn nicht die höhere Instanz Gottes, sollte uns diesen Zwiespalt als solchen denn überhaupt bewusst machen? Allein die Tatsache, dass ich zumindest weiß, wie ich nach Gottes Willen sein sollte und vor allem auch die Tatsache, dass ich in aller erkannten Schwachheit und Fehlbarkeit immer wieder die Vergebung und den Trost Gottes suche sind doch ganz deutliche Beweise dafür, dass Gottes Wort bereits in mir wirkt und da etwas heranreift und wächst und größer wird.
Mit anderen Worten: An uns selbst können wir die Wirkung des Wortes Gottes durchaus feststellen, ja selbst da, wo wir an der Wirkung zweifeln. Vielleicht gerade da. Denn wäre nicht Gottes Geist in mir und mit mir, könnte doch schon ein solcher Zweifel gar nicht aufkommen, dann ließe mich das alles doch total kalt.
Also: Die ganze Wirklichkeit scheint zu sein, dass Gottes Wort in mir Wurzeln geschlagen hat, aber die sichtbaren Früchte möglicherweise noch unreif, vielleicht noch in Form von ersten Blütenknospen schon da, aber noch gar nicht also solche erkennbar sind.
Jesaja packt seine Botschaft in Beispiele, an denen er die Wirkung des Wortes Gottes verdeutlichen will, in Bilder aus der Natur: Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, wie der Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das Gottes Mund verlässt: es kehrt nicht leer zu ihm zurück.
Gottes Wort wirkt immer. Aber wie die Regen erst allerletzten Endes zur Ernte führt, so vergeht oft zwischen Ursache und Wirkung des Gotteswortes eine lange Zeit, in der nichts zu sehen und nichts zu merken ist. Und dann vergeht wieder eine lange Zeit, in der nur ganz wenig zu sehen sein wird. Wir Menschen erleben die Welt mit unseren Sinnen und sind in unserer Wahrnehmung darauf angewiesen, dass etwas sichtbar, fühlbar, spürbar ist. Dennoch ist die Wirklichkeit unendlich viel mehr, viel umfassender und tiefliegender als das, was an die Oberfläche gelangt und für uns erfassbar wird.
Der Verbrecher, der zusammen mit Jesus gekreuzigt wurde, hat sicher nicht erst am Kreuz von Jesus gehört, sicher nicht erst dort vernommen, welchen Anspruch Jesus vertritt, was er gesagt und getan hat. Und doch ist die Saat erst in seiner letzten Lebenssekunde aufgegangen, in der Sekunde der Ernte. Und trotzdem galt ihm das Wort Jesu: Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein. Was der Schächer zur Linken aus Gottes Wort in seinem Leben gemacht hat, war verwerflich. Aber was Gottes Wort zuletzt doch noch aus dem Schächer gemacht hat, war erlösend.
Wieviele Pastoren haben es schon erlebt, dass in einer Gemeinde, in der sie Jahrzehnte scheinbar fruchtlos gewirkt haben, lange nach ihrem Weggang eine Saat aufgeht, die Frucht bringt? Den Erfolg dessen, was sie aus Gottes Wort zu machen glaubten, durften sie nicht ernten. Aber sie durften doch erleben, was Gottes Wort aus einer Gemeinde, aus getauften Christen einer Gemeinde gemacht hat.
Wieviele Eltern mussten bis ins hohe Alter betend und hoffend und vielleicht nicht selten zweifelnd und verzweifelnd warten, bis sie bemerkten, dass ihre Kinder, nachdem sie selbst alt geworden waren, eben doch aus dem Glauben leben, eben doch ihre Kraft und ihren Trost aus dem schöpfen, was da vor längst vergangenen Jahren in sie hineingelegt wurde?
Am Ende kommt es nicht darauf an, was wir aus Gottes Wort gemacht haben, sondern darauf was Gottes Wort aus uns gemacht hat.
Nein, liebe Gemeinde, das soll und darf kein Freibrief sein. Wir werden uns für das, was wir aus Gottes Wort nicht gemacht haben, durchaus zu verantworten haben. Und diese Stunde der Verantwortung wird weh tun. Aber diese Einsicht darf uns nicht den Trost rauben, der in der Gewissheit besteht, dass nicht wir, sondern Gottes Wort das Mittel der Gnade, der Weg zum Ziel und der Eingang zum Leben ist.
Zum Schluß noch ein Gedanke: Wir sagen manchmal, Worte seien doch nur Schall und Rauch. Und viele sind es auch. Es kommt nämlich bei der Wirkung auch unserer menschlichen Worte durchaus auf den Urheber, den Autor an. Wenn ich beim Rechtsabbiegen den Schulterblick vergesse und der Radfahrer nur knapp an meiner Kühlerhaube vorbeikommt und mir dann ins offene Fenster schreit: „Du Idiot", ist das schnell vergessen und hat keine weitere Wirkung. Wenn ein Sohn oder eine Tochter seinen Eltern nach einem Streit ins Gesicht sagt: „Du Idiot", dann trifft das ins Herz und hat möglicherweise eine sehr tiefe und langanhaltende Wirkung. Das gilt auch umgekehrt: Es gibt ein oberflächliches, höfliches Lob, das man nicht ernst nimmt, weil es von Menschen kommt, die man nicht ernst nimmt. Und dann auch wieder das sparsam angewendete, aber von Herzen kommende Lob von Menschen, auf deren Urteil man viel gibt, das einen heilsam trifft und lange wirkt und Kraft und Ansporn gibt.
Auf den Autor eines Wortes kommt es an.
Der Autor des Evangeliums ist Gott selbst, der durch seinen Sohn Jesus Christus zu uns spricht, sein Wort in uns versenkt. Und da sollte es nicht zu einer Wirkung kommen?
Gott lässt durch Jesaja schon ankündigen, wie diese Wirkung letztlich aussehen wird, wenn wir uns diesem Wort nicht bewusst widersetzen: Unter Jubel werdet ihr den Weg in die Freiheit antreten, mit sicherem Geleit werdet ihr heimkehren. Berge und Hügel werden in ein Freudengeschrei ausbrechen, wenn sie euch sehen, und die Bäume der Steppe werden in die Hände klatschen. Wo ihr durchzieht, wachsen statt Dornbüschen Zypressen und statt Brennesseln Myrten. Dies alles geschieht, damit der HERR gerühmt und gepriesen wird. Er setzt sich damit ein Gedächtnis, das alle Zeiten überdauert.
Amen.