Predigt

(Pastor Gert Kelter an Christi Himmelfahrt 2001)

Eins sein in Christus.

Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden,

damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, daß du mich gesandt hast.

Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind,

ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, daß du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.

Vater, ich will, daß, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe der Grund der Welt gelegt war.

Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, daß du mich gesandt hast.

Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen. (Joh 17, 20-26)

Liebe Schwestern und Brüder,

manchmal sehe ich mir die Bilder meiner Urgroßeltern und Ururgroßeltern etwas genauer an, die ich von meinen Großeltern geerbt habe und versuche mir vorzustellen, wie sie gelebt, was sie gedacht haben. Ich versuche mir vorzustellen, ob ich mich wohl mit ihnen verstanden hätte, ob es da Gemeinsamkeiten gegeben hätte, Ähnlichkeiten in Denken, in den Ansichten. Aber das ist schwer. Mehr als einige Erzählungen, mehr als ein stummes Bild hat man eben nicht von seinen Vorfahren und so etwas wie liebevolle Gefühle lassen sich da einfach nicht entwickeln. Was bei denen, die vor einem gelebt haben schon reichlich schwer fällt, das gelingt kaum bei denen, die noch nicht leben, die noch irgendwann einmal geboren werden. Natürlich: Junge Ehepaare kennen schon so etwas wie vorausschauende Fürsorge für ihre noch ungeborenen Nachkommen, wenn sie z.B. erst einmal versuchen, ihr Leben auf tragfähige Fundamente zu stellen, eine Wohnung zu beziehen, im Beruf voranzukommen, also, wie man früher sagte: ein Nest zu bauen. Aber kaum werden sie dabei schon an ihre Enkel oder Urenkel denken. Allenfalls, wenn wir uns bei politischen Wahlen zu entscheiden haben, kommen vielleicht solche Gedanken: Wenn man die oder die Partei wählt: Werden die wohl dafür sorgen, daß diese Welt auch für unsere Nachkommen noch lebenswert bleibt, oder läuft man da nicht vielmehr Gefahr, daß sie die Erde nur ausbeuten und auf lange Sicht unbewohnbar, nicht lebens - und nicht liebenswert machen.

Liebe Gemeinde, über eine gewisse allgemeine Fürsorge, ein unbestimmtes Verantwortungsgefühl kommen wir dabei nicht hinaus. Wir können die nicht wirklich lieben, die noch nicht geboren sind, die wir nicht kennen, die vielleicht erst geboren werden, wenn wir schon lange tot sind. Und das unterscheidet uns von Jesus, der kurz vor seinem Tod in einem bis heute überlieferten Gebet die ganze Menschheit, die, die vor ihm lebten, die, die mit ihm lebten und die, die nach ihm leben würden, in Gebet und Fürbitte vor seinen Vater stellt. Und bei den Letztgenannten, liebe Brüder und Schwestern, dachte Jesus auch an uns.

Ja, liebe Mitchristen, in dieser Abschiedsstunde Jesu war jeder von uns schon ein liebevoller Gedanke bei ihm:<Ich bitte aber nicht allein für meine Jünger und Apostel, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden>, bittet Jesus den Vater, <damit sie alle eins seien>.

Was für eine merkwürdige, einzige Bitte so kurz vor dem endgültigen Abschiednehmen! Was liegt Jesus so sehr daran, daß die, die an ihn glauben werden, alle eins seien? Gäbe es nicht wichtigere, dringendere Anliegen, die Sorge für Leib und Leben in Verfolgung zum Beispiel, die Bewahrung der Schöpfung für die Nachwelt?

Ich frage so, weil das menschlicher wäre, in der Abschiedsstunde an solche irdischen Dinge zu denken. Man erlebt das nicht selten, daß Sterbende sich lange quälen, einfach nicht sterben können, obwohl der Körper durch Alter oder Krankheit zu Tode erschöpft ist, weil sie nicht loslassen können, weil sie sich sorgen um die, die sie zurücklassen müssen, weil sie ihre zutiefst verinnerlichten Verantwortungsgefühle nicht loslassen können. Für uns Menschen ist es sehr heilsam, das Loslassen schon früh einzuüben, sich bewußt zu machen, daß wir irgendwann die Stunde erleben werden, in der wir alles in andere Hände legen müssen. Nicht nur unser Leben, sondern auch unsere Lieben und alles, was sonst zu dieser Welt gehört. Gott sei Dank, liebe Gemeinde, konnte und wollte Jesus nicht loslassen. Sein einziger Gedanke galt denen, die an ihn glaubten und glauben würden, also seiner Gemeinde, der Kirche, dem Leib Christi. Und er wußte: So wie er und der Vater untrennbar eins sind, so müssen auch die Christen untereinander eins sein. Denn so, wie die Einheit zwischen Vater und Sohn dafür bürgt, daß der Sohn nicht im Tod bleibt, sondern den Tod besiegt und das Leben erkämpft, so wird die Einheit der Christen dafür bürgen, daß auch von ihnen keiner an den Tod verloren geht. Aber es ist nicht etwa die Einigkeit untereinander, die das verbürgt, sondern das Einssein in Christus. Jesus sagt: <Ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, daß du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.>

Christus in uns und wir in ihm. Das ist der Inhalt des Gebetes Christi.

Ich sagte eben, daß Menschen sich oft sehr schwer tun mit dem Loslassen in der letzten Lebensphase und darum nicht sterben können. Aber wie können wir denn, wenn wir wirklich Menschen mit menschlichen Regungen sind, leichten Herzens loslassen, was wir am meisten liebhaben? Wir können es nur, wenn wir gewiß sind, daß alle, die zu Christus gehören, untrennbar zusammengehören, daß nichts und niemand uns mehr aus der Hand Gottes reißen kann. Und diese Gewißheit können wir haben, weil Christus selbst nicht losgelassen hat, sondern den Vater mit seinem erklärten letzten Willen im Gebet bestürmt hat:< Vater, ich will, daß, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe der Grund der Welt gelegt war.(...) Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.>

Himmelfahrt, Brüder und Schwestern, feiert die Kirche die Erhörung dieses letzten Willens Christi: Er hat nicht losgelassen, was der Vater ihm gegeben hat. Er hat an seiner Liebe zum Vater festgehalten bis zuletzt. Und er hat an seiner Liebe zu den Menschen festgehalten bis zuletzt. Und in dieser Einheit gehören seitdem alle zusammen, die an Christus glauben. Christus ist in uns. Wenn du heute nachmittag allein sein solltest, und unter dieser Einsamkeit leidest, sollst du wissen: Christus hat mich nicht losgelassen, er ist in mir und bei mir. Wenn du in dieser Woche eine schwierige Prüfung vor dir hast und schon beim Gedanken daran sich Angstschweiß bemerkbar macht, sollst du wissen: In diese Prüfung gehen nicht nur ich und zwanzig andere Kandidaten, sondern mit mir auch Jesus Christus. Wenn du in nächster Zeit ins Krankenhaus mußt und eine schwere Operation bevorsteht, gilt: In all dieses Fremde und Beängstigende geht Jesus Christus nicht nur mit dir, sondern er ist in dir und du in ihm. Geborgen, aufgehoben, festgehalten. Und noch etwas gilt seit Himmelfahrt: In Christus, in der Einheit seiner Liebe, zu der wir getaufte Christen gehören, gehören wir auch als Menschen zusammen. Wenn wir einen Menschen loslassen müssen, dann sind wir in Christus dennoch verbunden mit ihm und bleiben es auch. Es geht keiner verloren, der einmal zu Christus gehört. Im Gottesdienst verbindet sich unser Lob mit dem Lob aller, die uns im Glauben vorangegangen sind. Alle gehören wir zum Leib Christi und mit jedem Abendmahlsempfang, wird diese Einverleibung inniger und fester.

„Durch Christus, unseren Herrn", so enden alle unsere Gebete. Und das ist nicht nur das Zeichen für die Gemeinde, nun „Amen" zu sagen, das ist die Voraussetzung und die Garantie dafür, daß unsere Gebete nicht ungehört verhallen, sondern beim Vater gehört und erhört sind. Die Fürbitte Jesu für die Seinen aus der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, diese Fürbitte, die in dem Abschiedsgebet begonnen hat, die ist nicht abgerissen. Die findet seit Himmelfahrt ohne Ende vor dem Vater statt. Christus hat den Himmel weit geöffnet und den Weg dorthin geebnet. Der Himmel ist zum Greifen nah, ja noch mehr: Nach unserem letzten Atemzug gehört er uns. Amen.