Predigt
(Pastor Gert Kelter am Sonntag Okuli 2001)
Brennende Be-Geisterung.
HERR, du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht
mich.
Denn sooft ich rede, muß ich schreien; »Frevel und Gewalt!« muß ich rufen. Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich.
Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, daß ich's nicht ertragen konnte; ich wäre schier
vergangen.
Denn ich höre, wie viele heimlich reden: »Schrecken ist um und um!« »Verklagt ihn!« »Wir wollen ihn verklagen!« Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: »Vielleicht läßt er sich überlisten, daß wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.«
Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. Sie müssen ganz zuschanden werden, weil es ihnen nicht gelingt. Ewig wird ihre Schande sein und nie vergessen
werden.
Und nun, HERR Zebaoth, der du die Gerechten prüfst, Nieren und Herz durchschaust: Laß mich deine Vergeltung an ihnen sehen; denn ich habe dir meine Sache
befohlen.
Singet dem HERRN, rühmet den HERRN, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet! (Jeremia 20,7-13)
Liebe Schwestern und Brüder,
was kostet mich der Glaube? Im günstigsten Falle, kann man sagen: 55 Mark im Monat. Das ist der monatliche Betrag, den jedes konfirmierte Gemeindeglied der Bethlehemsgemeinde im Jahr 2001 an Kirchenbeitrag entrichten müsste, damit unsere Gemeinde die Summe von 143.000 Mark aufbringen kann, die sie in diesem Jahr an die Allgemeine Kirchenkasse abzuführen hat.
Aber das wäre wohl etwas zu kurz gegriffen. Denn der Glaube, wenn er das Leben eines Menschen umfassend prägt, wird zur zweiten Existenz, zum zweiten Ich und lässt sich in keiner Lebenssituation ausblenden oder vorübergehend in einem Abstellraum parken.
„Immer fröhlich, immer fröhlich, alle Tage Sonnenschein", so lautete die erste Zeile eines Liedes, das auf kirchlichen Jugendfreizeiten gesungen wurde, an denen ich als Jugendlicher als Betreuer teilnahm. Mir war dieses Lied zuwider, weil es so wenig zu meinen Erfahrungen passte, die ich damals machen musste. Im Elternhaus gab es Streit und Anfeindungen wegen meines kirchlichen Engagements, wegen meines Berufswunsches, wegen meiner so ganz anderen Lebensauffassung und Weltanschauung. Vor den aufgesetzten Jubel- Sonnenschein der frommen Rüstzeiten schoben sich spätestens nach der Rückkehr von diesen Freizeiten ganz schnell dunkle Wolken und ich merkte, dass es etwas kostet, nun nicht einfach umzuschalten, die Überzeugungen zeitweise auf Eis zu legen und mich anzupassen. Es kostete Nerven, harmonisches Familienleben, Anerkennung von Menschen, die mir durchaus etwas bedeuteten und an deren Anerkennung mir lag. Ich möchte diese für mich schwierigen Jahre nicht zu einem Martyrium hochstilisieren, aber sie waren entschieden anders als die Jugendjahre von solchen, die in christlichen Familien aufwuchsen und für ihr Engagement Lob und Zustimmung erhielten, für ihre Berufswahl Unterstützung und Rückdeckung erfuhren. Ich weiß noch sehr genau, dass mir die Belastung oft zu stark wurde und ich immer wieder umkippte und versuchte, mich mit irgendwelchen anderen Berufswünschen anzufreunden. Aber das funktionierte nicht, sondern führte zu inneren Zerreißproben und auch immer wieder zu der immer gewisser werdenden Erkenntnis, dass kein Weg zurück führte.
Nein, ich war kein Jeremia, auch nicht annähernd vergleichbar mit dem Propheten. Diese anstrengenden Jahre waren – jedenfalls im Nachhinein betrachtet - sinnvolle, stärkende Lebens- und Glaubensschuljahre. Zerbrochen bin ich daran nicht, in tiefste Zweifel bin ich dadurch nicht gestürzt, mit vielen habe ich damals gehadert, mit Gott allerdings nicht. Aber ich habe zumindest dieses eine Mal im Leben gemerkt, dass der Glaube und ein Leben mit einem klaren Bekenntnis kein Spaziergang ist und eine Menge kostet.
Beim Propheten Jeremia lagen die Dinge wesentlich anders: Er hatte ein Berufungserlebnis, das ihn vollkommen prägte und den klaren Auftrag, seinem Volk Israel das Gericht, den Untergang Jerusalems zu predigen, seine Schuld und seine Sünden beim Namen zu nennen, seine weltlichen und vor allem religiösen Führer im Namen Gottes als elende Verführer an den Pranger zu stellen. Er wusste sich „von Mutterleib an" zu diesem undankbaren Dienst berufen und verpflichtet. Und er kam dem Auftrag auch nach. Und bekam die Folgen schmerzhaft zu spüren. „Kommt und lasst uns gegen Jeremia Böses planen" – mit diesen Worten verschwören sich seine Feinde gegen ihn und setzen im hart zu. Jeremia – das ist der Nestbeschmutzer, der nach innen Kritik übt.
Liebe Gemeinde, es ist einfach, gegen die allgemein anerkannten äußeren Feinde zu Felde zu ziehen, sich mit den eigenen Leuten zu verbünden und in dasselbe Horn zu stoßen. Dafür gibt’ s Applaus. Aber wehe, man sieht sich gezwungen, um der erkannten Wahrheit willen, die Zustände des eigenen Hauses kritisch unter die Lupe zu nehmen. Wehe, man wagt es, weil man dazu genötigt ist, Tabus zu brechen und heilige Kühe zu schlachten, die nur deshalb heilig sind, weil sie Mehrheiten hinter sich haben oder sich nur lange genug auf den heimischen Weiden sattgefressen haben. Wehe, man sieht sich dazu getrieben, um des Bekenntnisses willen gegen den Strom zu schwimmen, den Strom bestimmter Traditionen oder zeitgeistiger Meinungen. Dann setzt es Hiebe von allen Seiten, dann gnade dir Gott.
In einer solchen Situation ist man gefährdet. Man muß sich immer zuerst die Frage stellen: Geht es wirklich um die Wahrheit Gottes, geht es wirklich um das Bekenntnis, geht es wirklich um die Frage „Glaube oder Unglaube, Glaube oder Irrglaube?" oder bin ich einfach nur eine neurotische Querulantenpersönlichkeit, die immer auf krankhafte Weise dem Drang, „nein" zu sagen nachgeben muß, sich nicht einordnen kann und eine gewisse ungesunde Lust dabei verspürt, die Rolle des skurrilen Außenseiters zu spielen.
Erst wenn man sich darin gewiß geworden ist, dass es um die christliche Existenz, um die Wahrheit des Evangeliums und den Willen Gottes geht, darf man überhaupt den Mund aufmachen. Um solche Gewissheit muß man Gott bitten und in diesem Gebet offen sein auch für eine kritische Auskunft. Längst nicht alles, was einem so an Läusen über die Leber läuft, hat ja etwas mit dem Bekenntnis zur Wahrheit zu tun und rechtfertigt Widerstand und Verweigerung. Hier muß Gottes Geist seine Arbeit in uns und an uns tun, um uns notfalls die Augen dafür zu öffnen, dass wir Wahrheit mit eigener Eitelkeit verwechseln, Bekenntnis mit Rechthaberei, prophetischen Blick mit Nörgelei und Quertreiberei.
Aber sobald man hier zur Gewissheit gelangt ist, dass es wirklich um das Bekenntnis zur Wahrheit geht, stellt sich die nächste Anfechtung ein, eine Anfechtung, unter der Martin sehr gelitten hat. In Worms wurde er gefragt: Kann es denn sein, dass alle irren, der Kaiser, der Papst, die Kardinäle, nur du kleiner deutscher Mönch nicht? Das ist die Anfechtung der Vereinzelung. Alle prophetischen Menschen haben damit zu kämpfen. Und alle wirklich berufenen Menschen würden nichts lieber, als mit den Wölfen zu heulen, sich im Gefühl des Dazugehörens, des Mitmachens zu baden. Kann es denn sein, dass ich und ein paar wenige als einzige noch den klaren Blick bewahrt haben? Kann es denn sein, dass die Mehrheit so sehr irrt?
Wer dann die Geschichte des Volkes Gottes bis zu den Aposteln oder den altkirchlichen Bekennern und Märtyrern verfolgt, kann getröstet werden. Denn es waren immer Minderheiten, die gegen überwältigende Mehrheiten für die Wahrheit einstanden. Und es war vor allem Jesus Christus selbst, der als Einzelner, von allen verlassen am Kreuz in dem Gefühl, selbst von Gott verlassen zu sein, für die Wahrheit einstand und starb.
Aber auch solcher Trost, der vielleicht zeitweise einen Menschen in seinem Leben als Nachfolger Christi stärkt, wird bald wieder wankend.
Woher um alles in der Welt soll ich schwacher Mensch die Kraft nehmen, konsequent zu bleiben, den Weg weiterzugehen? Wenn die Anfeindungen zunehmen, wenn Erfolge ausbleiben, wenn Rückschläge jede menschliche Perspektive nehmen.
Dann kommt es zu einem geistlichen Burntout-Syndrom, einer tiefen Unlust, einem regelrechten Widerwillen weiterzumachen. Man möchte am liebsten das Handtuch schmeißen, einen Schnitt machen und ganz anders, ganz neu anfangen.
Jeremia hat in einer solchen Verfassung gebetet: „Herr, du hast mich überredet, und habe ich habe mich überreden lassen." Wörtlich: Du hast mich verführt und ich habe mich verführen lassen. „Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich und jedermann verlacht mich. Denn sooft ich rede, muß ich schreien; Frevel und Gewalt!’ muß ich rufen. Denn des HERRn Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich. Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen."
Liebe Mitchristen, dieses Gefühl kennen nicht nur engagierte Pastoren, sondern das kennen viele Christen, die sich aus Überzeugung, aus Liebe zu Christus und seiner Kirche einsetzen, ihre Zeit, ihre Geld, ihre Nerven und Gedanken investieren. Konsequente Nachfolge führt immer in die Vereinzelung, führt immer in die Anfechtung und sehr oft in Phasen des Ausgebranntseins, in Wüstenzeiten, in denen man am liebsten alles hinschmeißen möchte.
Aber wie seltsam: Gerade da, wo der Prophet Jeremia seinen inneren Zustand als „Ausgebranntsein" beschreibt, folgt im nächsten Satz: „Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich’s nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen."
Das Feuer der eigenen Anstrengungen, der eigenen Versuche, Gottes Auftrag gerecht zu werden, das hatten die Feinde ausgetreten. Da brannte gar nichts mehr. Und offenbar ist so der Raum entstanden, in dem ein anderes Feuer wieder aufglühen und entfacht werden konnte.
Eine Be-Geisterung ganz eigener Art ist da entstanden. Nicht die fröhliche, alle-Tage-Sonnenschein- Begeisterung der Sekten und frommen Kreise, nicht diese Strohfeuer-Freude, die schnell aufflammt und genauso schnell niederbrennt, sondern eine schmerzhafte, eine fast zerreißende, brennende Begeisterung, die nicht von innen, sondern von außen kommt. Gerade noch atmete man vorläufig erleichtert auf, weil man sich zu dem Entschluß durchgerungen hatte: Jetzt reichts. Jetzt lege ich alles nieder, mache etwas ganz anderes. Und auf einmal merkt man, dass das nicht geht. Auf einmal erscheint die Wahrheit, für die ich eingetreten bin, für die ich gekämpft und einiges gelitten habe, nicht mehr als Lehrsatz, als richtige Theorie, sondern erfasst mich heilsam und doch schmerzhaft von innen und macht mir deutlich: Ich bin es gar nicht, um den es hier geht. Auf meine Kräfte kommt es gar nicht an. Und mein Einsatz für die Wahrheit macht mir deshalb so viel zu schaffen, weil ich selbst noch gar nicht aus der Wahrheit meine Lebenskraft ziehe, sondern sie trotzig und vielleicht auch ehrlich gehorsam verteidige wie einen Paragraphen. Aber es ist der lebendige Gott, es ist Jesus Christus, die Wahrheit in Person, der mich berufen hat, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten.
Jeremia formuliert das so: „Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen."
Das geschmissene Handtuch wird wieder aufgenommen und die ins Korn geworfene Flinte wieder geschultert, denn nicht ich bin es, der da etwas ausrichten muß, sondern der starke Held, der für mich kämpft, der mich trägt, bewahrt und tröstet. Und vom Sieg dieses Helden her, gehe ich dann den Weg der Nachfolge weiter. Nun nicht mehr mit ungewissem Ziel, nicht mehr mit ständigem Schielen auf sichtbare Teilerfolge, auf Lob, Anerkennung und explosionsartige Vermehrung der Wahrheitsanhänger, sondern im Vertrauen darauf, dass der, der mich auf den Weg gestellt hat, auch für Kraft und Nahrung sorgen wird, für Verteidigung und Schutz und dafür dass ich so auch zum Ziel komme.
Jeremia wird von Gott selbst aus der Depression gerissen und es wird ihm ein Loblied in den Mund gelegt: „Singt dem HERRn, rühmet den HERRn, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet."
Ich will nicht verschweigen, dass unser Predigtabschnitt sofort im nächsten Satz von der nächsten Anfechtung, der nächsten Depression des Propheten berichtet. Denn das wird zum Leben in der Nachfolge des Herrn gehören. Aber das Herausgerissenwerden, der immer wieder neu geschenkte Aufbruch und Anfang auch. Die Verzweiflung, aber auch der Trost. Die Müdigkeit, aber auch die Erfrischung durch Gottes Geist.
Amen.