Predigt

(Pastor Gert Kelter am 12. Sonntag nach Trinitatis 2002)

Gottesdienst als Gemeindeaufbau.

Wer ist nun Apollos? Wer ist Paulus? Diener sind sie, durch die ihr gläubig geworden seid, und das, wie es der Herr einem jeden gegeben hat:
Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben.
So ist nun weder der pflanzt noch der begießt etwas, sondern Gott, der das Gedeihen gibt.
Der aber pflanzt und der begießt, sind einer wie der andere. Jeder aber wird seinen Lohn empfangen nach seiner Arbeit.
Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.
Ich nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut.
Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh,
so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird's klar machen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.
Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen.
Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch. (1. Kor 3, 5-15)

Liebe Brüder und Schwestern,

vielleicht sollten wir doch endlich einmal daran gehen, die Bilder der früheren Pastoren der Bethlehemsgemeinde wieder an einem geeigneten Platz aufzuhängen. Vielleicht sogar in der Sakristei, wie das in vielen Gemeinden Brauch ist.

Da würde ich dann, kurz vor den Gottesdiensten, bevor ich in den Kirchenraum gehe, noch einen Blick werfen auf die Portraits der Pastoren Wilhelm Hübener, Christoph Walter, Wilhelm Wöhling, Hans Kirsten, Erich Heine, Bernhard Schütze, Jobst Schöne und Johannes Godduhn, die seit 1885 in dieser Kirche das Evangelium gepredigt, das Hl. Altarsakrament verwaltet, Kinder getauft und konfirmiert und Brautpaare ehelich zusammengesprochen haben. Und dann würde ich mir vorstellen, dass irgendwann auch mein Bild in diese Galerie eingereiht würde und danach noch viele andere. Die einen würden dazu vielleicht sagen: Das ist doch Personenkult. Lasst die Bilder wo sie sind, in irgendeiner Kiste im Keller.

Und tatsächlich gilt, und das macht uns ja der Apostel Paulus im heutigen Predigtabschnitt wieder deutlich: „So ist nun weder der pflanzt noch der begießt etwas, sondern Gott, der das Gedeihen gibt. Der aber pflanzt und begießt, sind einer wie der andere."

Einer wie der andere - das sicherlich. Aber doch nicht nichts, sondern - wie der Apostel weiter sagt: Gottes Mitarbeiter und ihr seid Gottes Ackerfeld.

Wenn ich dann zu den ersten Tönen der Orgel noch einen Blick auf die Pastorenbilder werfe und mir vorstelle, dass irgendwann auch mein Bild eines unter vielen sein wird, dann könnte das eine schöne Illustration dieses Apostelwortes sein: Einer wie der andere. Einem Pastor, der sich das bewusst macht, dass da einmal von 10 oder 20 Amtsjahren äußerlich nur ein Schwarzweißfoto mit einem Namen und zwei Jahreszahlen übrigbleibt, könnte das helfen, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen und zugleich zu bedenken, dass er vielleicht heute erntet, was die Vorgänger im Amt seit 1885 gesät haben. Und umgekehrt könnte es ein großer Trost sein zu wissen, dass die Saat, die er heute ausbringt, von der er vielleicht auch in den nächsten 10 Jahren noch keine grüne Sprosse entdecken wird, bei einem seiner Nachfolger zur Ernte reift.

Nein, es geht nicht um die Menschen, die in der Nachfolge der Apostel in der Kirche ihren Dienst tun, aber es geht auch nicht ohne sie. Und das hat Christus selbst so geordnet.

Nur wenn sie sich selbst ins Zentrum rücken oder wenn sie durch ihre Gemeinden oder Teile davon in den Mittelpunkt gerückt werden, dann sind sie fehl am Platze, weil dann Christus und sein Evangelium aus der Mitte verdrängt werden. In dieser Gefahr befand sich die Gemeinde in Korinth, die sich in zerstrittene, sich zankende Fraktionen aufgespalten hatte, die sich Menschen, nämlich Apollos oder Petrus oder Paulus zu ihren Leitfiguren gemacht hatten. Sie glaubten eigentlich nicht mehr an Jesus Christus, sondern an den jeweiligen Glauben ihrer jeweiligen Lieblingsapostel.

Ich kann mir gut vorstellen, dass es damals in Korinth nicht wesentlich anders war als bei uns manchmal, wenn wir fragen: Wer predigt denn am Sonntag. Und wenn dann nicht mein Lieblingsapostel auf der Kanzel steht, dann bleibe ich lieber zuhause oder gehe in eine andere Kirche. Welchen Grund, lieber Christ, hast du, am Sonntag in den Gottesdienst zu gehen oder ihm gegebenenfalls auch fernzubleiben? „Einen anderen Grund kann niemand legen, als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus." Das sagt der Apostel Paulus, damit wir nicht vergessen, um wen es in der Kirche eigentlich geht, wer der Grund unseres Glaubens, das Fundament von Kirche und Gemeinde und wer der Weg und das Ziel unseres Lebens ist.

Einen anderen Grund kann niemand legen. - Und weil dieser Grund der Kirche ein für allemal gelegt ist, sind die Apostel und ihre Nachfolger bis zu den Pastoren von heute im eigentlichen Sinne des Wortes keine Gemeindebauer, sondern nur Mitarbeiter Gottes im Gemeinde-Weiterbau. Und wehe, wenn sie meinen, sie müssten neben das ein für allemal gelegte Fundament andere Fundamente gießen. Ein solcher Gemeinde-Bau hätte, selbst wenn er gewaltig aussähe vor den Augen der Welt, keinen Bestand und keinen Wert.

 

Noch ein weiterer Blick auf die Pastorenbilder und ich denke mir: Unter Pastor Hübener wurde die Bethlehemskirche gebaut. Die hat sogar die Bomben des 2. Weltkrieges überdauert. Unter Pastor Heine wurde das Gemeindehaus und das Mietshaus der Gemeinde gebaut. Das ist auch für jeden sichtbar geblieben. Vor zwei Jahren wurde das neue Gemeindezentrum gebaut und wenn nicht Fluten oder Erdbeben Hannover verheeren, wird das auch für lange Zeit sichtbar bleiben und die Jahre überdauern. Aber was ist von der geistlichen Arbeit dieser und der anderen Pastoren geblieben, um die es ja eigentlich in der Kirche geht? Haben nur die etwas geschaffen, die mit Steinen gebaut haben? Auf das Fundament kommt es an, also auf Jesus Christus, auf das Wort Gottes und auf das rechte, evangeliumsgemäße Bekenntnis.

Darauf haben sie alle gebaut. Dass da einer aus dieser Reihe ein anderes Fundament gelegt hätte, ist nicht anzunehmen. Aber was ist von dem Weiterbauen der Mitarbeiter Gottes geblieben?

Der Apostel Paulus nennt in unserem Abschnitt unterschiedliche Baumaterialien: „Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird’s klar machen. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen."

Mit anderen Worten: Gold, Silber und Edelsteine werden das Feuer überstehen, aber Holz, Heu und Stroh werden verbrennen.

Klar machen wird’s aber erst der Tag des Gerichts. Inzwischen können auf dem Fundament die scheinbar prächtigsten Gebäude aus den schnellen und billigen Baustoffen Holz, Stroh und Heu entstehen. Gut gemeint vielleicht, aber doch zu sehr am schnellen Erfolg, an der Messbarkeit wachsender Statistiken orientiert. Vielleicht auch nicht so gut gemeint, sondern aus Eitelkeit und Wichtigtuerei im Schlepptau des Zeitgeistes und der Mehrheitsmeinungen. Da sieht es nach Gemeindeaufbau und Gemeindewachstum aus und es wird sich erweisen, dass es eine Zeit des Einsturzes war.

Andere bauen mit teuren, bewährten Materialien langsam, bedächtig, ohne in den Genus eines sichtbaren Erfolges zu kommen, mühen sich ab, machen nicht viel her und ernten wenig Applaus. Aber im Feuer erweist es sich, dass diese Zeit des äußeren Stillstandes, diese Phase der Stagnation in Wirklichkeit die große Zeit des Wachstums und des Aufbaus war.

Was ist erfolgreiche Arbeit am Bau der Kirche Gottes? Dietrich Bonhoeffer hat das auf ganz tröstliche Weise so beantwortet: „Kein Mensch baut die Kirche, sondern Christus allein. Wer die Kirche bauen will, ist gewiss schon am Werk der Zerstörung. Denn er wird einen Götzentempel bauen, ohne es zu wollen und zu wissen. Wir sollen bekennen - er baut. Wir sollen zu ihm beten - er baut. Wir kennen seinen Plan nicht. Wir sehen nicht, ob er baut oder einreißt. Es mag sein, dass die Zeiten, die nach menschlichem Ermessen Zeiten des Einsturzes sind, für ihn die großen Zeiten des Bauens sind. Es mag sein, dass die - menschlich gesehen - großen Zeiten der Kirche Zeiten des Einreißens sind. Es ist ein großer Trost, den Christus seiner Kirche gibt: Du bekenne, verkündige und zeuge von mir. Ich allein aber will bauen, wo es mir gefällt."

Paulus schreibt: „Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch."

Wie sollte es auch anders sein, liebe Gemeinde! Wenn unsere besten Werke uns in Gottes Gericht nicht retten und rechtfertigen können, sondern allein der Glaube an Jesus Christus, wie sollten uns dann unsere hölzernen, strohernen Werke voller Eigensucht, Eitelkeit, Hochmut und Geltungsbedürfnis vor IHM verdammen, wenn wir auf dem richtigen Fundament weitergebaut haben?

Auf dem falschen Fundament retten und helfen die besten Werke nichts, auf den richtigen Fundament können uns aber auch die unbeständigen und oberflächlichen Strohfeuer, die wir entfacht haben nicht von der Liebe Gottes scheiden, die in Jesus Christus ist.

Und da hätten wir dann am Ende das beste Gemeindeaufbau-Konzept, das es gibt. Es nennt sich „Gottesdienst als Gemeindeaufbau", denn im Gottesdienst geht um das Fundament, um Gottes Wort, um die Taufe, um seelsorgliche Predigt, um das Hl. Abendmahl, um den Trost der Lossprechung in der Beichte, um das Einander-Annehmen wie wir von Gott angenommen sind. Und wo die Mitarbeiter Gottes auf diesem Fundament bleiben und tun, was ihnen aufgetragen ist, da wird auch etwas bleiben von ihrem Tun. Nämlich lebendige Steine, mit Christus im Leben und im Sterben verbundene Glieder an Seinem Leib, Menschen, die in ihrem Leben einen festen Halt haben, die Trost im Evangelium finden, die Kraft für ihre Aufgaben in Kirche und Welt erhalten und am Ende das Ziel des himmlischen Jerusalem erreichen. Wer das alles ist, wessen Dienst auf welche Weise dazu beigetragen hat, das bleibt uns in dieser Zeit und Welt verborgen. Aber dass ich dazu gehöre, und das darf jeder getaufte Christ, der an Jesus Christus glaubt für sich selbst genau so formulieren, dass ich dazu gehöre, dass darf ich mit Gewissheit glauben und mich darüber freuen. Amen.