Predigt

(Pastor Gert Kelter am 16. Sonntag nach Trinitatis 2002)

Wer glaubt, der flieht nicht.

Darum werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.
Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt.
Wir aber sind nicht von denen, die zurückweichen und verdammt werden, sondern von denen, die glauben und die Seele erretten.

 

Liebe, auf den Namen des Dreieinigen Gottes getaufte Gemeinde,

„Jonathan – Gottesgeschenk", das ist der Name des heute getauften Jungen; als Geschenk Gottes habt ihr Eltern ihn angenommen, so versteht ihr die Geburt eures Kindes, und aus diesem Beweggrund heraus habt ihr Jonathan heute zur Taufe gebracht, damit er ein Kind Gottes wird. Aus der Sicht eines Pastors sind das natürlich optimale Voraussetzungen: Christliche Eltern, christliche Paten, der Gottesdienstbesuch ist selbstverständlich, da wird in der Familie gebetet, Andacht gehalten – das hat man, auch in unserer Kirche, nicht mehr alle Tage.

Nach menschlichem Ermessen wird Jonathan behütet und im Glauben gestärkt und gefestigt heranwachsen. Mit etwas Phantasie lässt sich ausmalen, dass er vielleicht später einmal bei einer Konfirmanden- oder Jugendfreizeit den ererbten und erlernten Glauben in seiner ganzen Kraft und Lebendigkeit erfasst, neu und für sich persönlich erfasst und so die Saat, die heute gelegt wurde, aufgeht und fröhliche Früchte der Gewissheit, des Trostes und der Zuversicht bringt.

Aber auch die besten Voraussetzungen und Rahmenbedingungen können zweierlei nicht automatisch verhindern:
Es könnte, erstens, sein und ist gar nicht selten auch so, dass ein Kind aus einer christlichen Familie, vielleicht bedingt durch pubertäre Auflehnung gegen alle Kindheitsautoritäten, vielleicht, weil es aus der Sicht des Kindes einfach des Guten zuviel war, vielleicht, weil andere Vorbilder, selbstgewählte Autoritäten andere Wege aufzeigen; es könnte also sein, dass so ein christlich geprägtes Kind einen ganz anderen Weg geht. Und das ohne ersichtlichen Grund, wie Enttäuschungen mit dem Glauben, der Kirche oder der Gemeinde.

Es könnte aber, zweitens, auch sein, dass ein solches Kind als Jugendlicher oder Erwachsener durch bestimmte Lebenserfahrungen in eine Glaubenskrise gerät. Manchmal ist es der Verlust nahestehender Menschen, eine Krankheit oder plötzlich verbaute Möglichkeit

ten durch eine nicht bestandene Prüfung oder den Verlust des Arbeitsplatzes, der solche Krisen auslöst: Wie kann der Gott, den man mir als gnädigen, barmherzigen Gott verkündet hat, wie kann der Gott, auf dessen Verheißungen und Zusagen ich ein Leben lang gebaut und vertraut habe, wie kann der das zulassen?

Plötzlich meint man dann, der bisherige Grund, der Glaubensgrund, habe sich nicht bewährt, hindere einen nur daran, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, sei naiv, nicht zeitgemäß, eine einzige Täuschung.

Liebe Gemeinde, dann kann das eintreten, was der Hebräerbrief offensichtlich im Blick hat: Aus zuversichtlichen, fröhlichen, mutigen, hoffnungsvollen Christen werden unter dem Druck der Ereignisse des Lebens müde, wankende, vor Ungewissheit zitternde Menschen, denen die Hoffnung abhanden gekommen ist.

Damals war es wohl der Eindruck der schrecklichen Christenverfolgungen, der zu dieser Lähmung geführt hat.

Solchen Menschen ist das Wort gesagt: „Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat."

Hinter der Formulierung „das Vertrauen wegwerfen" steht das Bild von einem Soldaten, den angesichts der feindlichen Übermacht jeder Mut verlässt, der kopflos flieht und seine Waffen, auf die er bisher fest vertraut hat, auf der Flucht einfach wegschmeißt. „Es hat ja doch keinen Sinn, ich bin verloren, nur weg hier, die Waffen hindern mich nur daran, das nackte Leben in Sicherheit zu bringen."

„Tut das nicht, werft euer Vertrauen, eure Zuversicht nicht fort wie einen lästigen Ballast, denn es gibt ein Ziel, für das es sich zu kämpfen, für das es sich zu bleiben und auszuhalten lohnt." Das kann sich der müde, verängstigte Soldat, der nur Feinde um sich herum sieht, nicht selbst sagen.

Aber das kann der Feldherr sagen, der auf seinem Feldherrenhügel steht und den großen Überblick hat. Der kann die Situation einschätzen, der weiß, dass schon längst Verstärkung angefordert wurde und die Entsatztruppen schon in Sichtweite sind.

Ein Feldherrenwort, ein Wort des lebendigen Gottes, das diese Predigt in fünf Worten zusammenfasst, ist darum auch der Taufspruch für Jonathan aus dem Buch des Propheten Jesaja: „Wer glaubt, der flieht nicht." (Jes 28, 16)

Für den müden Soldaten ist es darum entscheidend, ob er dem glaubt und vertraut und darauf seine Lebensentscheidungen gründet, was er gerade selbst vor Augen sieht, was ihn bedrängt und verängstigt, oder ob er dem Wort des Feldherrn mehr vertraut.

In dieser Entscheidung stehen wir als einzelne Christen, als Gemeinde und als Kirche übrigens ständig:

Das Wort des siegreichen Feldherrn Jesus Christus, der den Sieg über Sünde, Tod und Teufel schon längst errungen hat, steht immer gegen den Augenschein, gegen die konkrete Erfahrung. Es ist eben noch nicht widerspruchsfrei offenbar geworden, dass die Sünde besiegt ist. Der Tod beansprucht immer noch das letzte Wort unter unser Leben zu sprechen. Und der Teufel, von dem der Feldherr weiß, dass er an der Kette liegt, hat an seiner Kette noch genügend Spielraum, um ausgerechnet meinen Lebensradius zu erreichen und mir vorzuspielen, er sei noch mächtig.

In dieser Zwischenzeit, dieser Wartezeit zwischen dem durch Christus errungenen Sieg und dem allgemeinen Offenbarwerden des Sieges ist Geduld nötig.

„Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt."

Leicht gesagt: Sei geduldig. Wenn man das griechische Wort für ‚Geduld’ wörtlich übersetzt, heißt es eigentlich ‚Darunterbleiben’.

Geduld in diesem neutestamentlichen Sinn meint also nicht die bei uns so genannte Charaktereigenschaft, die man entweder hat oder nicht hat. Einem von Natur aus ungeduldigen Menschen kann zwar sagen: Sei doch etwas geduldiger. Aber im besten Fall wird ein solcher Mensch seine Ungeduld etwas zähmen, in Zucht nehmen, unterdrücken oder eindämmen können. Als ihm angeborene Eigenschaft, die übrigens durchaus nicht nur negativ sein muss, weil sie ja auch zu klaren Entscheidungen, zu Initiative und zupackenden Taten führen kann, als Eigenschaft jedenfalls lässt sie sich nicht einfach ausradieren.

Das biblische ‚Darunterbleiben’ ist dagegen keine Eigenschaft, sondern eine Lebensausrichtung. Viele kennen das biblische Wort „Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch." Das will ja sagen: Die Dinge in meinem Leben, die ich als belastend empfinde, als manchmal ganz schlimm zu Boden drückende Lasten, sind eingefasst in Gottes guten, gnädigen Willen für mich, sind nicht gegen und nicht ohne Seinen Willen zu denken.

Mit dieser Lebensausrichtung unter der von Gott auferlegten Last zu bleiben, also nicht vor der Last und damit auch vor Gott zu fliehen, das Vertrauen eben nicht wegzuwerfen, das meint „Darunterbleiben", das bedeutet „Geduld". Wer glaubt, der flieht nicht, sondern der bleibt unter der Verheißung Gottes und setzt seine Zuversicht darauf. Lebensausrichtung auf das Ziel der fest und unverbrüchlich versprochenen Verheißungen Gottes.

In dem „Kampf, der uns verordnet ist", auch das ein Wort aus dem Hebräerbrief, brauchen wir Menschen, an denen wir ablesen können, wie das aussieht, wenn einer nicht flieht und seine Zuversicht wegwirft, sondern bleibt, seine Klagen voller Hoffnung auf Erhörung vor Gott bringt, unter der auferlegten Last bleibt und so in Gelassenheit das Leben besteht. In einer Fülle von Kurzbiografien von Abel über Noah, Abraham und Mose bis hin zur Hure Rahab schließt der Hebräerbrief darum an diese Ermunterung zum geduldigen Bleiben solche Vorbilder und Beispiele des Glaubens an. Eine „Wolke von Zeugen".

Als Eltern, Paten, Großeltern, kirchliche Mitarbeiter haben wir darum alle eine Verantwortung für die Weitergabe des Glaubens, indem wir gerade in Kampfzeiten, in Leidens- und Lastzeiten deutlich machen, dass und wie uns unser Glaube trägt. Eine kräftigere Evangeliumsverkündigung als das stille, nicht künstlich aufgesetzte, sondern innerlich friedvolle Darunterbleiben, das auch die Klage vor Gott mit einschließt, kann es wohl nicht geben.

Jonathan, Gottesgeschenk, dass du und dass wir alle nicht zu denen gehören, die zurückweichen und sich selbst ums Leben bringen, sondern zu denen, die bleiben und glauben und die Seele erretten, das wünsche ich dir und uns allen. Amen.