Predigt
(Pastor Gert Kelter am 4. Sonntag im Advent 2002)
Maria, die Glaubende
Maria aber machte sich auf in diesen Tagen und ging eilends in das Gebirge zu einer Stadt in Juda und kam in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth. Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Und Elisabeth wurde vom heiligen Geist erfüllt und rief laut und sprach: Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes! Und wie geschieht mir das, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe. Und selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn. Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten. Er übt Gewalt mit seinem Arm und [a] zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit. Und Maria blieb bei ihr etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim. (Lukas 1,39-56)
Liebe Brüder und Schwestern in Christus,
„Wir bitten Gott um rechtes Verständnis, dass die Worte nicht nur leuchten und reden, sondern brennen und leben in Leib und Seele. Das verleihe uns Christus durch die Fürbitte und den Willen seiner lieben Mutter Maria."
Mit diesem Gebet schloss ein römisch-katholischer Mönch seine Auslegung des Lobgesangs der Maria aus dem Lukasevangelium, nach seinen ersten lateinischen Worten „Magnificat" genannt, ab.
Das würde niemanden erstaunen, wenn es sich nicht bei diesem Mönch um Dr. Martin Luther handeln würde, der diese Magnifikat-Auslegung 1521 auf der Wartburg verfasst hat. Im selben Jahr war es auf dem Reichstag zu Worms zum endgültigen Bruch mit dem Kaiser und dem Papst gekommen. Luther wurde in Reichsacht genommen, für vogelfrei erklärt und musste auf die Wartburg fliehen. Ein Jahr zuvor hatte ihn der Papst exkommuniziert. Für Luther bestand zu diesem Zeitpunkt nicht mehr der geringste Anlas, zurückhaltend und diplomatisch nur die schlimmsten unbiblischen Irrtümer öffentlich zu benennen und ansonsten aus Sorge um die gefährdete Einheit der Kirche stillzuschweigen. Wann, wenn nicht jetzt, hätte er zu einem theologischen Rundumschlag ausholen können?
Und doch: Mit Maria hatte Luther offensichtlich nicht gebrochen.
Szenenwechsel: Im Chorgestühl der Brüdern-Kirche in Braunschweig hängt ein Bild des Braunschweiger Reformators Martin Chemnitz, der 1586 gestorben ist und den man den „zweiten Luther" nannte. In der einen Hand trägt er eine Bibel, in der anderen einen Rosenkranz. Ein Rosenkranz ist eine Perlenschnur, mit deren Hilfe man eine Kette meditativer Gebete abzählen kann, einen Wechsel aus Vaterunser, Glaubensbekenntnis und Ave Maria: „Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnaden, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus." Das sind die Worte, mit denen der Engel Gabriel Maria bei der Ankündigung der Geburt Jesu gegrüßt hat und die Worte, die Elisabeth gesprochen hat, als sie Maria begegnet. Wir haben sie eben aus dem Lukasevangelium vernommen. Angefügt wird das Gebet: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen."
Martin Chemnitz waren diese Worte noch vertraut. Luther selbst hat so gebetet.
500 Jahre später hat es manchmal den Anschein, als habe man die Jungfrau und Gottesmutter Maria und ihr Gedächtnis, ihr Andenken und ihre Verehrung in der lutherischen Kirche einfach abgeschafft.
Nicht ganz, denn es gibt noch immer drei Marientage, den 2. Februar, Mariä Lichtmess oder Darstellung des Herrn genannt, den 25. März, Marien Verkündigung und den 2.Juli, den Tag der Heimsuchung, das heißt soviel wie „des Besuches" Mariens, an dem das heutige Sonntagsevangelium das Tagesevangelium ist.
Sieht man im Kalendarium unseres Gesangbuches nach, stellt man fest, dass diesen Gedenktagen biblische Lesungen zugeordnet sind, in denen Maria eine zentrale, zumindest aber nicht zu übersehende und zu unterschlagende Rolle spielt.
Und genau da liegt auch der Grund dafür, warum die lutherischen Reformatoren gegen eine biblische Marienverehrung nicht nur keine Einwände hatten, sondern sie für geboten hielten und förderten und pflegten.
In der Apologie des Augsburgischen Bekenntnisses von 1530, einer Bekenntnisschrift, auf die jeder lutherische Pfarrer bei seiner Ordination verpflichtet wird, lesen wir:
„Wie sehr wir auch zugestehen, dass die selige Maria für die Kirche betet, nimmt sie aber deswegen auch die Seelen im Tode auf, besiegt sie den Tod, macht sie lebendig? Was tut Christus, wenn das die selige Maria tut? Wenn sie auch der höchsten Ehren Würdigste ist, will sie doch nicht Christus gleichgestellt werden, sondern sie will vielmehr, dass wir ihre beispielhaften Taten im Auge haben und umfassen." (Unser Glaube, 28, S. 354)
Und welche sind diese Taten?
Es steht ja geschrieben, dass Gott das Heil der Welt, den Christus und Gottessohn, durch eine Frau und Mutter geboren werden lassen wollte. Am Anfang der neuen Heilsgeschichte steht die Erwählung einer Frau. Eine Frau trägt das Heil der Welt unter ihrem Herzen. Das mag etwas schmalzig klingen, hat aber in der Doppeldeutigkeit der Aussage eine tiefe Bedeutung: Dass Christus am Herzen einer Frau heranwächst, also eine unauflösliche, herzliche weibliche Urerfahrung macht, steht gegen das Vorurteil, das Christentum sei frauenvergessen oder sogar frauenfeindlich. Das vielzitierte weibliche Element ist in Christus selbst gegeben und gegenwärtig. Und die Garantin dafür ist seine Mutter Maria.
Gott hat ihr seinen Sohn nicht in den Leib gezwungen. Wie immer, so auch hier, erfordert Gottes liebevolle Erwählung eine freie Erwiderung. Es ist Maria, die Glaubende, die zu ihrer Erwählung sagt: „Siehe, ich bin des Herrn Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast."
Elisabeth, die Frau des Zacharias und werdende Mutter des Täufers Johannes, nimmt dies auf, wenn sie Maria selig preist und sagt: „Selig bist du, weil du geglaubt hast." Und Maria selbst knüpft daran an im Magnificat, wenn sie singt: „Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn der Herr hat Großes an mir getan, der da mächtig ist, und dessen Name heilig ist." Und: Gehören wir noch zu den Kindeskindern, die Maria selig preisen, weil sie geglaubt hat, dass der Herr Großes an einer schwachen jüdischen Frau getan hat?
Ganz anders verlief die Geschichte ja bezeichnenderweise bei dem Mann Zacharias. Ihm wurde die Geburt seines Sohnes Johannes angekündigt. Aber Zacharias schaltet nicht sein Herz, sondern seinen Kopf ein und fängt an, dem Engel einen Vortrag über die Unmöglichkeit von Zeugung und Schwangerschaft in fortgeschrittenem Alter zu halten.
Der Engel schaltet den rationalen Vernunftwortschwall einfach ab und lässt Zacharias wissen: „Du wirst stumm werden und nicht reden können bis zu dem Tag, an dem dies geschehen ist, weil du meinen Worten nicht geglaubt hast, die erfüllt werden sollen zu ihrer Zeit."
Der Mann schweige also in der Gemeinde, während Elisabeth, vom Heiligen Geist erfüllt, Maria selig preist und diese selbst auch in Psalmen und Lobgesänge über die Größe Gottes einstimmt, nämlich das Magnificat.
Ist es nicht auffällig, liebe Gemeinde, dass gerade in den Kirchen, die Maria schon lange nicht mehr selig preisen, im Bemühen um das Weibliche im Glauben und in der Kirche, sich anderes den Platz erobert hat, der eigentlich der Jungfrau und Gottesmutter Maria nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift zusteht?
Dieses „Andere", das sich feministische Theologie nennt und die Frau an sich vergöttlicht oder dieses „Andere", das gegen Frauendiskriminierung und für Gleichberechtigung und Frauenordination tobt und kämpft.
Vielleicht hätte man schon viel früher erkennen müssen, dass am Anfang dieser Entwicklungen nicht die Diskriminierung der Frau an sich, sondern die Diskriminierung der Jungfrau und Gottesmutter Maria stand. Das verlorene Weibliche sucht sich nun andere Wege und Kanäle, als die, die im Neuen Testament offen am Tage liegen. Es ist kein Geheimnis, sondern für jeden, der sich die Mühe macht, das Lukasevangelium einmal ganz durchzulesen, sofort deutlich: Die Menschwerdung Gottes führt durch die Frau Maria. Keine Menschwerdung ohne das Frauliche und Mütterliche. Sicher: Maria ist keine Emanze. Ihre beispielhaften Taten, die uns die Bekenntnisschriften zu bedenken aufgeben, bestehen nicht in Revolution und Umwertung aller Werte. Maria ist Hörende und aus dem Hören Vertrauende. Sie ist Gehorchende, sich dem Willen Gottes Fügende. Und darin ist sie ein Urbild des Glaubens und der Kirche. Für Frauen und für Männer. Für Männer, liebe männliche Mitchristen, vielleicht sogar ganz besonders, weil sie euch beibringt, das Kind Jesus nicht im Kopf, sondern im Herzen zu haben. Weil sie nicht tote Richtigkeiten und spröde Wahrheiten verkündet, sondern die Menschenfreundlichkeit des Menschgewordenen Gottes. Und für Frauen, liebe weibliche Mitchristen, weil sie euch zeigt, dass die Diskriminierung der Frau nicht dadurch beseitigt werden kann, dass man das Frauliche beseitigt, indem man den Frauen mehr Männlichkeit einräumt, sondern indem die Fraulichkeit sich ihrer selbst wieder selbst-bewusst wird.
Dass Christus ein Mann war, ist nicht zu leugnen, aber im Blick auf die Tatsache, dass in ihm Gott Mensch wurde, auch nicht wirklich wichtig. Aber dass Maria eine Frau war, ist unabänderlich wichtig, weil sonst Gott in Christus nicht Mensch geworden wäre.
Maria im Advent ist die große Verkünderin des Glaubens an die Größe Gottes, der das Niedrige freundlich ansieht und in der Schwachheit seine göttliche Kraft erweist.
Diese Verkünderin darf und muss auf jede Kanzel und in jede Kirche und hat alles Recht der Bibel und der Welt, selig gepriesen zu werden.
Amen.