Predigt

(Pastor Gert Kelter am Altjahrsabend 2002)

Gehorsam gegenüber Gottes Wort

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der HERR aber sieht das Herz an (1 Samuel 16, 7 - Jahreslosung)

Liebe Brüder und Schwestern in Christus,

die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine neigen immer dazu, von uns orakelhaft missbraucht, und so auch inhaltlich missdeutet und missverstanden zu werden. Darum ist es gerade bei der Auslegung von Losungen -und so auch der Jahreslosung- unbedingt wichtig, sich den biblischen Zusammenhang vor Augen zu führen, aus dem sie genommen wurden.

Gott hatte König Saul verworfen. Warum? Gott hatte dem König den Befehl erteilt, die Amalekiter zu besiegen und auch den Viehbestand der Amalekiter nicht zu schonen, also keine Beute zu machen. Warum Gott das so wollte, ob es eine reine Gehorsamsprobe war oder ob ein uns verborgener tieferer Sinn hinter dieser Anordnung steckte, spielt keine Rolle. Gott hatte es so gewollt und gesagt, aber Saul hatte Gottes Wort umgedeutet, für sich und seine Krieger passend gebogen. Oberflächlich gesehen hat er Amalek besiegt und damit den Auftrag Gottes erfüllt. Aber die Zusatzbestimmung, keine Beute zu machen, hatte er missachtet. Wahrscheinlich war dieses Gebot Gottes den Militärs nicht zu vermitteln gewesen. Das war damals nicht anders als heute: Es gibt nun einmal biblische Weisungen, die uns gefühlsmäßig zuwiderlaufen, die wir nicht einsehen können, die nicht in unsere Zeit zu passen scheinen. Und dann biegen wir uns Gottes Wort eben etwas zurecht. Saul hatte argumentiert, er habe ja einen Teil der Beutetiere wiederum Gott als Opfer gebracht und darum doch nichts Verwerfliches getan. Aber Gott geht es um den Gehorsam, und das heißt ja auch immer: um das Vertrauen darauf, dass Gottes Wort und Weisungen uns Menschen nichts vorenthält, dass Gott nicht missgünstig ist, uns klein hält und unterdrückt. Und so muss Samuel, der Richter Prophet König Saul im Namen Gottes sagen: „Siehe, Gehorsam ist besser als Opfer." Und dann verkündet Samuel, dass Gott Saul als König verworfen und sich einen anderen auserwählt habe. Und zwar konkret einen Sohn des Bethlehemiters Isai. Isai hatte aber insgesamt acht Söhne, von denen er sieben Samuel präsentiert. Schon beim ersten, Eliab, einer hochgewachsenen, imponierenden und aus Samuels Sicht also königlichen Gestalt, dachte Samuel: Der muss es sein. Wörtlich: „Fürwahr, da steht vor dem HERRN sein Gesalbter."

Aber auch Propheten und Richter dürfen nicht auf Intuition, Herkommen, Zeitgemäßheit oder Gefühl setzen, wenn es um Gehorsam gegenüber Gottes Wort geht. Und so lässt Samuel wissen: Der ist es nicht. Und nun folgt wörtlich der unmittelbare Zusammenhang unserer Jahrslosung:

„Sieh nicht an sein Aussehen und seinen hohen Wuchs; ich habe ihn verworfen. Denn nicht sieht der HERR auf das, worauf ein Mensch sieht. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an."

Samuel begutachtet der Reihe nach alle Söhne Isais bis auf den Achten, nämlich den jüngsten mit Namen David, der die Schafe hütete und von dem Isai wohl annahm, dass der es gewiss nicht sein könne. Aber genau der war’s. Wir kennen die Geschichte.

Aus dem Zusammenhang ist nun aber eines deutlich geworden: Die Jahreslosung sagt weit mehr, als nur: Gott sieht tiefer oder weiter als wir Menschen es können. Der Blick Gottes, um den es hier geht, ist ein kritischer Blick. Wörtlich heißt das: Ein unterscheidender, ein grenzziehender Blick. Gott hat bestimmte Kriterien, nach denen er uns beurteilt. Und hier hören wir: Das Hauptkriterium ist also der Gehorsam gegenüber seinem Wort.

Was wird das kommende Jahr für mich bringen? Gesundheit oder Krankheit, Erfolg oder Versagen, erfüllende Gemeinschaft und Freundschaft oder Streit und Trennung? Wie werde ich am Ende dastehen? Das Hauptkriterium ist dabei nicht, wie ich mich selbst sehe oder andere mich sehen und nach ihren Maßstäben einstufen, sondern wie Gott mich sieht. Habe ich ein gehorsames, vertrauendes, Gott nur Gutes und Heilsames zutrauendes Herz bewahrt; oder habe ich mich nach den Kriterien dieser Zeit und Welt und ihrer Menschen gerichtet, mich dadurch verbiegen und unzufrieden machen lassen? Lasst uns an David denken, an den jüngsten, der von niemandem wahrgenommen wurde, mit dem niemand rechnete, nicht mal Samuel. Aber genau den hatte Gott ausgewählt.

Liebe Gemeinde, das ist dann schon eine Jahreslosung für das kommende ‚Jahr mit der Bibel’, die einen unmittelbaren Bezug zu diesem thematischen Jahr hat.

Wir können ja mit der Bibel auf ganz unterschiedliche Weise umgehen. Und vielleicht mag mancher denken: Solange wir überhaupt mit der Bibel irgendeinen Umgang pflegen, ist das allemal besser, als sie im Bücherschrank verstauben zu lassen.

Wenn wir aber den Sinn der Jahreslosung ernst nehmen wollen, dann müssen wir zur Kenntnis nehmen: Nicht irgendein Umgang mit dem Bibelbuch ist das, worauf es Gott ankommt, sondern ein gehorsames Herz, das Gottes Wort vertrauensvoll annimmt, sich darauf einlässt, sich dadurch tragen und trösten lässt und daraus lebt.

Gott sieht das Herz an und erkennt, ob es ein gehorsames Herz ist oder nicht. Er wird das alles sehen und wahrnehmen, was im kommenden Jahr unter dem Motto „Jahr mit der Bibel" an Aktionen und Veranstaltungen geschieht. Er wird es bemerken, dass es da phantasievolle, beeindruckende, sich an Öffentlichkeitswirksamkeit überbietende „Events" geben wird. Aber nicht „Aussehen und hoher Wuchs" wird letztlich sein Urteil bestimmen, sondern die Antwort auf die Frage, ob wir Gottes Wort mit gehorsamem Herzen aufnehmen.

Es könnte ja sein, dass wir es zum Spielball, zum bloßen Material unserer Kreativität machen, dass die Rahmenprogramme so bombastisch sind, dass das Bild, das ein Rahmen eigentlich betonen und in den Mittelpunkt rücken soll, dahinter verschwindet.

Es könnte ja sein, dass die Kirchensynode im kommenden Jahr, die auch unter dem Thema „Bibel" steht, mit Gottes Wort dasselbe macht, wie Saul, der einen ihm genehmen Teil ernstnimmt und umsetzt und den unzeitgemäßen, weniger gut vermittelbaren Teil einfach ignoriert oder nach seinen Vorstellungen verbiegt und zurechtrückt.

Liebe Mitchristen, in diesen letzten Tagen und Stunden vor dem Jahreswechsel hören wir viele gute Ratschläge, die man uns von allen Seiten gibt. Wie man sich richtig ernähren soll, um gesund durchs neue Jahr zu kommen, wie man sein Geld am besten anlegt, welche Aktien gewinnversprechend sind, Lebens- und Verhaltensregeln, die das neue Jahr zu einem guten Jahr werden lassen sollen.

Solche Regeln und Tipps haben es an sich, dass sie einem einleuchten, dass sie praktisch klingen und schnellen, sichtbaren Erfolg versprechen.

Wie schön wäre es, wenn die Heilige Schrift ein solches praktisches Handbuch, ein zeitgemäßer Ratgeber für das Jahr 2003 wäre. Aber das ist sie nicht. Sie ist Gottes Art und Weise mit uns zu sprechen, die einzige uns überlieferte Form, in der wir Gottes Wort haben. Und dieses Wort ist heilig und zeitlos gültig. Es ist kantig, oft schwer zu vermitteln, manchmal dunkel, erscheint uns als Buch mit sieben Siegeln. Vieles leuchtet nicht unmittelbar ein, einiges ist fremd und scheint nicht zeitgemäß zu sein.

Wenn wir an unsere Kinder, Eltern oder andere Verwandte denken, die wir sehr lieben, werden wir feststellen, dass es oft schwer sein wird, Außenstehenden zu erklären, warum wir diese Menschen lieben, warum wir ihnen vertrauen, warum sie uns Halt und Geborgenheit geben. Wir haben sie uns ja nicht nach idealen Mustern und Maßstäben

gebacken oder geknetet, die anderen sofort und unmittelbar auch einleuchten müssen. Ihre Worte und Ansichten haben für uns Gewicht und Bedeutung, weil wir im jahrelangen, vertrauten Umgang mit ihnen erfahren haben: Diese Menschen lieben uns auch, und was sie sagen und raten, hat immer diese unbegründbare Liebe zu uns als Motiv.

So ähnlich verhält es sich mit Gottes Wort auch: Dahinter steht immer die Liebe Gottes zu uns Menschen. Das ist das Leitmotiv für jede Silbe, die wir im Laufe der nächsten Monate hören oder lesen. Wird uns etwas tröstend zugesprochen, dann gilt das und ist zuverlässig, auch wenn alles um uns herum noch so trostlos aussehen mag. Wir uns etwas geboten und angewiesen, dann hilft uns das zum Leben, auch wenn es noch so schwer anzunehmen wäre. Und wird uns etwas verboten, reißt es uns eine Maske vom Gesicht, entlarvt es eine Lebenslüge, dann ist es ein heilsamer Eingriff in unser Leben, der zu nichts anderem dienen soll, als unsere Heilung einzuleiten.

Annehmen kann ich dieses Wort nur mit einem gehorsamen, also einem hinhörenden, sich vertrauensvoll einhörenden Herzen. Wir ahnen vielleicht schon, dass ein solches Grundvertrauen, eine dazugehörende gewisse Sturheit im Festhalten am Wort Gottes, nicht immer einfach sein wird. Vielleicht macht es uns sogar etwas Angst, wenn wir uns vorstellen, wie oft es geschehen wird, dass wir auf Trost und Erfüllung von Verheißungen, auf äußeren, sichtbaren „Eliab-Erfolg" warten müssen und uns doch nur als unbedeutende Davids wiederfinden. In der Psychologie heißt es: <Die Angst ist der Weg>. Also: Der Weg, der dir am meisten Angst macht, der dir am ungewissesten und schwierigsten erscheint, ist in sehr vielen Fällen genau der, den du gehen musst, um Erfolg zu haben und zum Ziel zu kommen.

Die Psychologie sagt uns nicht, woher wir das dazu nötige Vertrauen nehmen sollen, gerade diesen Weg auch zu gehen. Gottes Wort sagt es uns: Sieh Jesus Christus an und seinen Weg. Er ist den Weg der Angst, des Leidens, der Niedrigkeit und des Todes gegangen, um dir den Weg zum Leben freizumachen. Er ist der, der dem Wort des Vaters vollkommen gehorsam war, der dem guten und gnädigen Heilswillen Gottes vollkommen vertraut hat und in diesem vollkommenen, gehorsamen Vertrauen gesiegt und überwunden hat. Einen anderen Beweis gibt es nicht. Aber forderst du Beweise von dem, den du liebst und der dich liebt?

Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit! Der uns in frühern Zeiten das Leben eingehaucht, der wird uns dahin leiten, wo er uns will und braucht.

Amen.