Predigt

(Pastor Gert Kelter am Gründonnerstag 2002)

Ein Leib mit Christus.

Denn es ziemte sich für den, um dessentwillen alle Dinge sind und durch den alle Dinge sind, dass er den, der viele Söhne zur Herrlichkeit geführt hat, den Anfänger ihres Heils, durch Leiden vollendete.
Denn weil sie alle von einem kommen, beide, der heiligt und die geheiligt werden, darum schämt er sich auch nicht, sie Brüder zu nennen, und spricht (Psalm 22,23): »Ich will deinen Namen verkündigen meinen Brüdern und mitten in der Gemeinde dir lobsingen.«
Und wiederum (Jesaja 8,17): »Ich will mein Vertrauen auf ihn setzen«; und wiederum (Jesaja 8,18): »Siehe, hier bin ich und die Kinder, die mir Gott gegeben hat.«
Weil nun die Kinder von Fleisch und Blut sind, hat auch er's gleichermaßen angenommen, damit er durch seinen Tod die Macht nähme dem, der Gewalt über den Tod hatte, nämlich dem Teufel,
und die erlöste, die durch Furcht vor dem Tod im ganzen Leben Knechte sein mussten.
Denn er nimmt sich nicht der Engel an, sondern der Kinder Abrahams nimmt er sich an.
Daher musste er in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu sühnen die Sünden des Volkes.
Denn worin er selber gelitten hat und versucht worden ist, kann er helfen denen, die versucht werden. (Hebräer 2,10-18)

Liebe Brüder und Schwestern,

obwohl die Evangelien das ganze Leben Jesu nachzeichnen, wird sein irdisches Leben im Apostolischen Glaubensbekenntnis in einem einzigen Wort zusammengefasst: „gelitten".

Das Leben Jesu ist also ganz und gar Leiden. Sprachgeschichtlich heißt „leiden" soviel wie „in die Fremde gehen". Das war zu früheren Zeiten das Höchstmaß an Leiden. Und wer von euch gezwungen wurde, seine Heimat aufzugeben, wer vertrieben wurde und in der Fremde neu anfangen musste, der kann das vielleicht noch nachvollziehen.

Dieser sprachgeschichtliche Seitenblick ist deshalb so aufschlussreich, weil der Hebräerbrief in den Versen, die wir gerade gehört haben, das Leiden Christi als ein Gehen in die Fremde beschreibt. Er ist von allem Anfang her der, um dessentwillen alle Dinge sind. Er ist der Ewige und Allmächtige. Aber es musste so sein, es „ziemte sich", es war unvermeidbar und keineswegs ein Widerspruch zu seiner Göttlichkeit, dass er sich entäußerte, dass er Mensch wurde und in die Fremde ging, die eigentlich sein Eigentum war.

Wie soll man sich das vorstellen? Ist es Gott etwa eines Tages bewusst geworden, dass er zwar alles weiß, aber noch nicht alles mitgemacht hat? Nach der Devise „Erfahrung ist alles"? Da fehlte ihm doch tatsächlich in seiner Sammlung noch das Menschsein. Also nichts wie hinein in das menschliche Leben und sehen, wie es sich darin so lebt?

Wäre es so, dann wäre Jesus vergleichbar mit den antiken Göttern, die immer wieder in Menschen- oder Tiergestalt geschlüpft sind, um den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Der Grund für die Menschwerdung Gottes war aber ein ganz anderer. Fragte sich Luther noch „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?", so treibt Gott nur die eine Frage um, nämlich „Wie kriege ich einen erlösten Menschen?" Seit der am Anfang als sehr gut geschaffene Mensch sich selbst einen sehr schlechten menschlichen Anfang schuf, und die Sünde ihren unheilvollen Lauf nahm, beschäftigt Gott nichts anderes als diese eine Frage. „Wie kriege ich einen erlösten Menschen?"

Alles vernichten? Aber mit dem frommen Noah rettete sich nicht nur das Menschengeschlecht, sondern auch die ihm anhaftende Sünde durch die große Flut.

Erwählung in Abraham? In ihm sollen alle Geschlechter gesegnet sein. Aber die bloße Abstammung von Abraham stieg diesem Geschlecht zu Kopf, sodass Gott seine Propheten, Johannes den Täufer und den Apostel Paulus sagen lassen muss: Es geht nicht um Abstammungskindschaft, sondern um Glaubenskindschaft.

Erlösung durch Opfer? Sie bewirken immer nur eine Erlösung „auf Zeit", bis zum nächsten mal. Wisst ihr, wie der Hebräerbrief beginnt? „Wie Gott vorher auf vielerlei Weise geredet hat, redete er zuletzt zu uns nur noch durch den Sohn." So beginnt der Hebräerbrief. Jesus Christus ist Gottes letztes Wort, sein allerletztes Angebot: Wer nicht durch ihn erlöst wird, wird überhaupt nicht erlöst.

Vernichtung? Jesus wurde stellvertretend für uns am Kreuz vernichtet. Erwählung? In Christus sind wir erwählt und berufen, Gottes Reich anzugehören. Opfer? Jesu Opferung geschah nicht auf Zeit, bedarf keiner Wiederholung, sondern auf Ewigkeit, ein für allemal.

Alle bisherigen Erlösungswege sehnten sich selbst nach einer anderen, endgültigen Erlösung. Und in Christus ist sie gekommen: Gott wird Mensch.

Liebe Gemeinde, der Leidensweg Gottes in die Sündenkatastrophe der Menschheit ist nicht vergleichbar mit dem Weg, auf den sich Politiker machen, wenn irgendwo eine Katastrophe geschieht. Die binden sich dann schwarze Krawatten um, reisen medienwirksam vorzeitig aus ihrem Urlaub ab, stolpern hilflos auf irgendwelchen Trümmern rum, schütteln Hände, drücken ihre tiefe Betroffenheit aus und verschwinden ganz schnell wieder in den Staatskarossen, mit denen sie angereist sind. Eine Episode eben, Mitgefühl von oben.

Bei Gott ist das vollkommen anders. Das unbeschreibliche Elend der Sünde und ihrer Folgen hält Gott nicht mehr aus. Es reißt ihn förmlich von seinem Thron. Er muss hin, Liebe von ganz unten zeigen, damit wirklich alle die Möglichkeit haben, von ihr zu erfahren. Im Kind in der Krippe wurde er der Anfänger des Heils, und im Leiden am Kreuz zum Vollender. Es ist vollbracht!

Das alles musste sein, es „ziemte sich", wie Luther dieses göttliche „Muss" im Hebräerbrief übersetzt. Die Sünde setzte Gott unter einen heiligen Zwang, die Erlösung für die Menschen zu erwirken, die der Mensch selbst niemals hätte erwerben können. Aber wer geht schon freiwillig ins Leiden? Niemand, auch Jesus hat das nicht getan.

Das beste Beispiel dafür ist die Szene im Garten Gethsemaneh am Bach Kidron. Die findet statt in der Nacht, „da er verraten ward", unmittelbar im Anschluss an das letzte Abendmahl. Da zeigt sich, was es heißt, in allem den Menschenbrüdern und -schwestern gleich zu werden, nämlich auch im Tod. Da ringt Jesus mit dem Vater und mit dem Versucher. Da findet der eigentliche Todeskampf statt. Da geht es um den bis zuletzt konsequenten Gehorsam, um die Frage: Alles oder nichts?

Da entscheidet sich, ob das auch vollbracht würde, was Jesus kurz zuvor beim Abendmahl vorweggenommen hatte, als er das Brot nahm und brach und sagte: Das ist mein Leib, für euch zerbrochen, und als er den Kelch mit Wein verteilte und sagte: Das ist mein Blut, für euch vergossen.

Manchmal, liebe Brüder und Schwestern, hilft eine neue Betrachtungsweise, zu alten, vertrauten Dingen einen neuen Zugang zu finden. Üblicherweise sagen wir vom Hl. Abendmahl: Wir empfangen den wahren Leib und das wahre Blut Christi zur Vergebung der Sünden. So, wie man ein Mittel einnimmt, um damit eine Wirkung zu erzielen. Aber man kann sich dem Geheimnis des Altarsakramentes auch anders nähern, indem man sagt: Im Hl. Abendmahl ist Christus mit seinem für uns geopferten Leib und Blut wirklich und wahrhaft gegenwärtig. Und wenn wir Christi Leib empfangen, ihn uns ein-ver-leiben, dann werden wir ein Leib mit Christus und er mit uns und wir erhalten Anteil an allem, was er für uns erworben hat: Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit. Und weil dies alles nun eben nicht nur symbolisch und gleichnishaft zu verstehen ist, weil der Begriff „Realpräsenz" eben bedeutet „wahrhaftige, wesentliche Gegenwart", empfangen wir, indem wir das Sakrament empfangen eine neue Realität, eine neue, verwandelte, uns verwandelnde Wirklichkeit. Es ist dann wirklich so, dass wir, mit Christus untrennbar verbunden, vor Gott dem Vater im himmlischen Heiligtum stehen. Es ist dann wirklich so, dass Gott seinen Sohn sieht und durch ihn und in ihm und mit ihm auch uns, den Leib Christi, die Kirche. Und alles, was Christus ist und getan hat, sein vollkommener Gehorsam, sein sühnendes, sündenauslöschendes Leiden, seine Sündlosigkeit und Heiligkeit - alles das gehört uns auch. Und darum gehören wir Christus und mit Christus Gott.

Dieses Stehen vor Gott in der unauflöslichen Verbindung mit Christus und seinem für uns dargebrachten Lebensopfer beschreibt ein altkirchliches Abendmahlsgebet so: <Wir getrösten uns seiner Auffahrt in dein himmlisches Heiligtum, wo er, unser Hoherpriester, uns immerdar vor dir vertritt.>

Liebe Gemeinde, unter einem Vertreter oder Stellvertreter verstehen wir meistens einen, der an unserer Stelle, also in unserer Abwesenheit auf dem Platz sitzt, auf dem wir sonst sitzen würden oder eigentlich sitzen sollten. Im biblischen, neutestamentlichen Sinne müssen wir das aber anders verstehen. „Christus vertritt uns vor dem Vater" heißt da nämlich soviel wie: Er geht uns voraus, aber nimmt uns mit; er spricht für uns, aber wir sind dabei. Er steht vor dem Vater, aber wir stehen hinter ihm.

Im Hebräerbrief heißt es von Christus: ER schämt sich nicht, uns seine Brüder und Schwestern zu nennen. Er steht vor dem Vater und sagt: Siehe, hier bin ich und die Kinder, die du mir gegeben hast.

Im Garten Gethsemaneh war die Entscheidung bereits gefallen. In der Darstellung des Evangelisten Johannes, der den Gebetskampf Jesu nicht erwähnt, endet dieses Ringen um die letzte Konsequenz des Gehorsams bis zum Tod damit, dass Jesus den römischen Legionären und jüdischen Tempelsoldaten souverän entgegentritt und ihnen kurz vor seiner Verhaftung gleichsam befiehlt: Sucht ihr mich, so lasst diese gehen. Johannes fügt rückblickend hinzu: Damit sollte das Wort erfüllt werden, das er gesagt hatte: Ich habe keinen von denen verloren, die du mir gegeben hast.

Und das sagt Christus als unser Hoherpriester bis heute immer wieder: Siehe, hier bin ich und die Kinder, die du mir gegeben hast. Amen.