Beichtansprache

(Pastor Gert Kelter am Ostersonntag 2002)

Festklammern an Christus.

Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.
Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten.
Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden.
(1 Kor 15, 20-22)

Liebe Beichtgemeinde,

„Was bedeutet denn solch Wassertaufen?" fragt Martin Luther im Kleinen Katechismus und antwortet: „Es bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinigkeit vor Gott ewiglich lebe."

Wer in Oberursel während der letzten 20 Jahre Theologie studiert und dort auch die alten Sprachen gelernt hat, wird beim „alten Adam" wohl unwillkürlich an „die alte Adam" denken, Hella mit Vornamen und vollmächtige Vertreterin der griechischen Sprache an der Lutherischen Theologischen Hochschule. Und so mancher, der wohl nachher ein guter Pastor und Seelsorger geworden sein mag, stand damals mit der griechischen Sprache auf Kriegsfuß und hätte in seiner Verzweiflung deren unschuldige irdische Vertreterin, die „alte Adam" nämlich nur zu gerne ersäuft. Aber auch in diesem Fall wäre sie wohl täglich wieder herausgekommen und zwar pünktlich um 7 Uhr zum Griechischunterricht. Denn der und die alte Adam haben eines gemeinsam: Sie können schwimmen.

Ein österliches Lachen, zumal über Sünde, Tod und Teufel, also wohlgemerkt „den" alten Adam und nicht „die", soll erlaubt sein. Aber der Spaß weicht dem Ernst, von dem der Apostel Paulus und natürlich auch Luther in diesem Zusammenhang reden und schreiben, dem Ernst und der Realität der Sünde und ihrer Folgen, auch im Leben getaufter und christusgläubiger Christen.

Ob es nun Friedrich Nietzsche oder Mahatma Gandhi oder vielleicht auch beide waren, die gesagt haben, die Christen sollten erlöster aussehen: Sie hätten beide den Ernst der Lage verkannt und nicht verstanden, dass Christsein eben nicht automatisch erlöstes Dauerlächeln produziert, sondern täglichen Kampf bedeutet.

Und diejenigen christlichen Gemeinschaften, die das Dauerlächeln zu den Kennzeichen wahren Christseins erheben und von ihren Mitgliedern ständig sichtbare Erweise dafür fordern, dass sie auch wiedergeborene Christen seien, diejenigen, die den Griff zur Zigarette oder zum Alkohol, das spontane Mitlachen über einen derben Witz und ein versehentlich gesprochenes „O Gott" als Beweis des Gegenteils, als Unglauben ächten und scharf verurteilen, die machen sich und anderen etwas vor.

Nein, liebe Beichtgemeinde, die Sünde gehört noch immer zur Wirklichkeit dieser Welt und auch zur Realität des Lebens der Christen. Aber wofür ist dann Christus gestorben? Wofür ist er von den Toten auferstanden? Welche Bedeutung hat dann meine Taufe, mein Zugehören zu Christus, meine Wiedergeburt aus Wasser und Geist? Unsere tägliche Erfahrung zeigt: Der alte Adam ist nicht „etwas an uns", das man einfach abstreifen und dann ersäufen und töten könnte, nicht einmal „etwas in uns", sondern ER IST IN UNS und wir ein Teil von ihm.

In theologischen Kommentaren begegnet uns zu unserer Paulus-Stelle die etwas kompliziert klingende Erklärung: Adam sei als „korporative Persönlichkeit" zu verstehen und nicht als individuelle Person. Was soll das bedeuten? Wenn Paulus sagt, durch einen Menschen sei der Tod gekommen und „in Adam" stürben darum alle Menschen, dann steht hinter dieser Aussage die Vorstellung, dass wir Menschen, weil wir eben Menschen nach dem Sündenfall sind, alle in einer unauflöslichen Schicksalsgemeinschaft zusammengehören und darum auch alle in eine gemeinsame Verantwortung genommen werden können.

Ein Beispiel: Wenn heute ein vermeintlich unschuldiges Kind geboren wird, dann hat es bis zu seinem ersten Lebensjahr bereits durch den Verbrauch seiner Pampers Anteil an einer gewaltigen Umweltverschmutzung und Naturausbeutung. Und selbst, wenn Öko-Eltern meinen, das Problem durch die Verwendung von Stoffwindeln verringern zu können, irren sie sich, weil die Waschmittel und der enorme Wasserverbrauch auch nicht umweltverträglicher sind. Natürlich ist das Kind nicht persönlich dafür verantwortlich. Es ist eben nur Kind seiner Eltern und die sind Kinder ihrer Zeit und alle zusammen sind gefangen in den Sachzwängen und Bedingungen eines Lebens im 21. Jahrhundert. Aber genau das macht deutlich, das ein Mensch, sobald er das Licht der Welt erblickt (und theologisch gesehen sogar schon vorher) hineingeboren wird, verstrickt wird in ein Netz aus Versagen, Versäumnis, Egoismus, Schuld und Sünde. Jeder Mensch ist Schicksalsgenosse von Adam, also Mitsünder und unter dem Gericht Gottes nichts anderes als „ADAM", was schlicht „Mensch" heißt.

Die Folge ist: Der natürliche Mensch muss sterben. Und darum musste Gott Mensch werden, um die Menschen aus dieser tödlichen Schicksalsgemeinschaft zu erlösen. Er musste eine neue „korporative Persönlichkeit" schaffen, einen Leib, dessen Glieder schicksalhaft und unauflöslich mit dem neuen Menschen verbunden sind und damit aus der Verstrickung von Sünde und Tod befreit. Eben das geschieht in der Taufe: Da wird ein Mensch dem Leib Christi als Glied einverleibt. Das geschieht auch im Hl. Abendmahl, wenn wir den Leib Christi empfangen und aufs neue Anteil erhalten am Leib Christi. Und das führt dazu, dass wir unter dem Gericht Gottes so sehr Teil des Leibes Christi sind, dass Gott nicht mehr Adam, sondern Christus, nicht mehr mich als Teil des alten Adam, sondern als Teil von Christus sieht.

In jeder Beichte stehen wir vor dem Gericht. Und Reue und Buße, also Erkenntnis meiner Schuld in Anerkenntnis des Rechtes Gottes, vertrauensvolles Festklammern an Christus im Loslassen meiner Angst und meiner rechthaberischen, misstrauischen Sorge. Die schaffen Distanz zwischen dem Adam in mir und dem Christus in mir und stellen mich Christus an die Seite, so dicht, dass ich dann immer wieder und zu neuem Recht hören darf: Um Christi willen und im Namen dieses Erlösers: Dir sind deine Sünden vergeben.

Dieses Festklammern an Christus, dieses sich wieder neu festmachen in Christus, das in der Beichte geschieht , wo ich den alten Adam ersäufe, nennt Luther ein „Hineinkriechen in die Taufe".

Und so gehen wir nach der Lossprechung befreit und erlöst wieder in diesen Tag und die neue Woche, als wiedergeborene Christusmenschen bestätigt und versiegelt. Das muss man uns nicht ständig ansehen, das wird man uns auch in dieser Zeit und Welt nicht ständig anmerken, aber das kann uns auch niemand nehmen.

Amen.