Predigt

(Pastor Gert Kelter am Sonntag Jubilate 2002)

Auferstanden von den Toten.

Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt. Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt. Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen, wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, damit sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts. Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht. Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun. Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten will mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat. Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiter hören. So ging Paulus von ihnen. Einige Männer scphlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen.
(Apostelgeschichte 17, 22-34)

Liebe Brüder und Schwestern,

die Mission ist in Verruf geraten. Anderen Menschen zu sagen, ihr bisheriger Glaube, ihre Weltanschauung, ihr Denken sei falsch und führe ins Verderben und ihnen statt dessen den christlichen Glauben als einzigen Ausweg aus Hölle, Tod und Verdammnis zu predigen, das hält man heute für überlebt, für totalitären, unchristlichen und lieblosen Zwang. Diejenigen, die der Mission ausgesetzt sind, werden als „Missionsopfer" bemitleidet.

An die Stelle der Mission ist darum der Dialog getreten. Keiner soll in die Opferrolle des Unwissenden, noch zu Belehrenden geraten. Es gibt keine absolute Wahrheit.

Dahinter steht die Überzeugung, dass in jedem Glauben, in jeder Religion ein Körnchen Wahrheit enthalten, von dem auch wir Christen noch etwas lernen können, an das wir im gemeinsamen, gleichberechtigten Gespräch anknüpfen und uns auf diese Weise aufeinander zu bewegen können.

Und gerne wird für diese Idee die sogenannte Areopagrede des Apostels Paulus bemüht. Hier sehe man doch, wie der Apostel „Mission" verstehe: Er lässt sich lobend über den heidnischen Götterglauben aus, knüpft an Vorhandenes an, erwähnt den heidnischen Glauben an den „unbekannten Gott", holt die Heiden also da ab, wo sie sind, und proklamiert schließlich Christus als genau diesen, bisher namentlich noch nicht bekannten Gott. Aber in seiner unendlichen Dialogbereitschaft erwähnt Paulus natürlich nicht den Namen Christus, um die armen Heiden nicht allzu sehr zu verschrecken. Den Hauptteil dieser Rede bildet die Beschreibung Gottes als Schöpfer, der keine menschlichen Tempel zur Anbetung brauche, sondern irgendwie „in uns allen" existiert. Das Ganze schließt mit einer kurzen Erwähnung der Auferstehung dieses unbekannten Gottes von den Toten und einem Angebot zum Glauben, einer Einladung zum Dialog. So ließe sich in etwas ironischer Weise der heute übliche Umgang mit unserem Abschnitt zusammenfassen.

Den Areopag stellt man sich dabei vor als antike Säulenhalle mit vielen Götteraltären und -standbildern, unter anderen eben auch einem Altar mit der Überschrift „Dem unbekannten Gott".

Liebe Gemeinde: Der Areshügel in Athen, das heißt nämlich Areopag eigentlich, ist kein Naherholungsgebiet für Athener, auch kein Tempel, sondern die uralte Gerichtsstätte Athens. Hier wurde Recht gesprochen, hier wurden Urteile gefällt, die über Leben oder Tod entschieden.

Und dass die erste Begegnung der christlichen Mission mit Heiden auf einem Gerichtsplatz erfolgt, ist kein Zufall. In der Tat: Die Areopagrede des Apostels Paulus ist keine erbauliche Gottesdienstpredigt für Christen. In der Tat: Christus wird nicht einmal namentlich erwähnt. Es stimmt: Die Fülle der christlichen Glaubensinhalte bleibt unausgesprochen. Umso interessanter ist es aber, dass Paulus in seiner Missionsrede aus dieser Fülle des Glaubens nur zwei Artikel zitiert: 1) Christus wird wiederkommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Und 2) Christus ist auferstanden von den Toten. Und der Glaube an den Auferstandenen rettet aus dem Gericht Gottes.

Die Areopagrede, liebe Gemeinde, ist Gerichtsrede. Beim Glauben an den Auferstandenen geht es um Leben oder Tod.

Der Areopag ist kein großer Markt der Möglichkeiten, auf dem Paulus den Gott Israels und Vater Jesu Christi als eine unter vielen Möglichkeiten anpreist und anbietet und seine Rede ist nicht die Eröffnung eines Dialogs, sondern Proklamation der einen und letzten Wahrheit, über die es nichts zu diskutieren gibt. Der Wahrheit, die man nur annehmen kann, um zu leben, oder die man ablehnen und sich damit gegen das Leben entscheiden kann.

Sieht man sich die Paulusrede genauer an und setzt dabei die moderne Brille einmal ab, wird man schnell feststellen, was Paulus wirklich sagt. Er bezeichnet nämlich alle bisherige Zeit als „Zeit der Unwissenheit" und damit auch die griechischen Philosophen, die Stoiker und Epikuräer als „Unwissende", als Dummköpfe. „Schwätzer" nennen darum die Philosophen den Apostel auch. Wenn man das Dialog nennen will, dann bitte. Aber von Aufeinanderzugehen kann dabei kaum die Rede sein. Am Evangelium von Jesus und von der Auferstehung scheiden sich die Geister.

Und Paulus setzt noch einen drauf: Über die Zeit der Unwissenheit habe Gott hinweggesehen, sagt er. Aber jetzt gibt es keine Ausflucht und kein Alibi mehr: Jetzt gebietet Gott den Menschen, dass sie umkehren. Das ist keine Einladung, die man ungestraft ablehnen dürfte.

Aber genau das ist Mission: Den Menschen ohne Christus den tiefen, den tödlichen Ernst ihrer Lage darzustellen und den Glauben an den Auferstandenen als einzigen Ausweg zu zeigen.

Liebe Mitchristen, jeder von uns, der sieht, dass ein anderer Menschen gerade im Begriff ist, eine Flasche mit Gift an den Hals zu setzen, weil er den Inhalt für Limonade hält, würde keine Sekunde zögern, ihm die Flasche zu entreißen und ihm klipp und klar zu befehlen: Lass das, das ist dein Tod.

Wir würden das deshalb tun, weil wir den Ernst der Lage erkannt haben und selbst die aggressivste Methode für angemessen halten, den unwissenden anderen von seinem todbringenden Vorhaben abzubringen. Aber in unserem Leben als Christen und in der Kirche haben wir da Hemmungen. Kann es daran liegen, dass wir selbst den Ernst der Lage nicht erkennen wollen oder noch gar nicht erkannt haben?

Und wenn das so ist: Haben wir dann eigentlich das Großartige, das Befreiende, das Wunderbare begriffen, das es für uns bedeutet, erlöst zu sein, zu Christus zu gehören? Leben wir dann eigentlich aus der Überzeugung und der Gewissheit, dass uns nichts und niemand mehr aus der Hand Gottes reißen kann? Ist unser Kirchenjubel am Sonntag Jubilate dann ein befreites Jauchzen aus vollem Herzen und vollem Halse oder nur die pflichtschuldige Reaktion auf die Aufforderung „Sag schön Danke!", mit denen wir Kindern, die gerade von der netten Tante ein paar ach so praktische Socken oder Schulhefte geschenkt bekommen haben, so etwas wie Freudenbekundungen entlocken wollen?

Liebe Brüder und Schwestern: Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, dann fasziniert uns an Jesus vieles, aber das Entscheidende hat unser Leben noch gar nicht gar ergriffen und durch und durch geprägt.

Es geht uns glatt ein, was das Evangelium über die Nächstenliebe verkündet. Das lässt sich in unserem Tugendkatalog ganz gut unterbringen. Auch dass da einer, wie Jesus es tat, bis zum bitteren und blutigen Ende seinem Auftrag treu bleibt, nötigt uns zur Ehrfurcht. Seine Menschlichkeit, seine Mitmenschlichkeit zumal, lässt uns nicht kalt. Aber das allsonntägliche Bekenntnis „auferstanden von den Toten", das reißt uns nicht wirklich vom Hocker. Das wird mitgesprochen, nicht bestritten und bezweifelt, es macht uns nichts aus. Aber dieses „es macht uns nichts aus" ist im Grunde die radikalste Widerlegung des Auferstehungsglaubens. Denn entweder ist Christus auferstanden; dann allerdings sieht die Welt und dann sieht mein Leben völlig anders aus. Oder er ist nicht auferstanden; dann bleibt alles beim Alten. Und das sollte mir „nichts ausmachen"?

Dann ist es natürlich nicht weiter erstaunlich, dass wir lieber auf den bequemen Dialog, auf das gemütliche Miteinander in versöhnter Verschiedenheit setzen als auf die Missionsrede, die Gerichtspredigt ist. Dann passt es auch, dass wir lieber unseren Frieden und freundliche Kontakte zu jedermann behalten wollen, als unsere Umwelt mit dem tödlichen Ernst der Lage eines Menschen ohne Christus zu konfrontieren.

Paulus musste sich von den Philosophen damals, also den Weisheitsliebenden, als „Schwätzer" bezeichnen lassen und erntete von vielen seiner Zuhörer Spott. Aber etliche waren auch aufgewacht aus dem falschen Schlaf der Sicherheit und wollten mehr darüber hören und etliche, heißt es, „hingen ihm an und wurden gläubig".

Aus denen wurden Menschen, die „in Christus" sind, für die das Alte vergangen ist und für die ein Neues geworden ist. Die lebten nicht mehr in der ständigen Angst, mit diesem Leben sei alles aus und darum müsse man hier und jetzt möglichst alles und zwar sofort haben. Die zerbrachen nicht mehr an ihren Sorgen, weil sie wussten, dass der auferstandene Herr für sie sorgt. Die wussten, dass beim Sterben ihrer Angehörigen und Freunde nicht nur ein Mensch unwiederbringlich von ihnen geht, sondern dass er heimgeht, nachhause kommt; dass Gott ihnen nichts wegnimmt, sondern ein Leben vollendet und zur Fülle des Lebens der Auferstehung bringt. Die waren sich des Ernstes der Lage bewusst, aber wussten zugleich und nur darum, dass unser Versagen, unser Schuldigwerden ab jetzt unter der wirksamen Vergebung Gottes steht, dass wir jeden Tag wieder neu anfangen dürfen, unbeschwert und wie neugeboren.

Das sind die, denen Ostern „etwas ausmacht", die sich darüber freuen wie reich beschenkte Kinder und darum jubeln und singen und jauchzen, „ob es jetzt auch kracht und blitzt".

Das sind die, die sonntags im Gottesdienst das Glaubensbekenntnis nicht nur abspulen, sondern wirklich als „Lobopfer ihres Bekenntnisses" vor Gott bringen. „Am dritten Tage auferstanden von den Toten". Das ist kein Lehrsatz, das ist ein Lobhymnus, weshalb wir das Glaubensbekenntnis von Zeit zu Zeit auch ganz bewusst als gesungenes Loblied vor Gott bringen.

Solche Menschen also sind die, die vor dem Ernst des Gerichtes, in der Kraft des Wortes Gottes und durch das Werk des Heiligen Geistes mit Glauben beschenkt werden.

Moderne Zeitgenossen würden wohl sagen, das seien die „Missionsopfer".

Ein solches „Opfer" möchte ich gerne sein und den „Täter", den Dreieinigen Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten, dafür preisen und über meine Erlösung jubeln.

Amen.