Predigt
(Pastor Gert
Kelter am Sonntag Laetare 2002)Leidensgenossen Jesu.
Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus
Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der
uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in
allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von
Gott.
Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch
reichlich getröstet durch Christus.
Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir
Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit
Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden.
Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden
teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben. (2. Korinther 1, 3-7)
Liebe Brüder und Schwestern,
inzwischen werden auch in unserer Kirche schon Stimmen laut, die sich für die Übernahme des neuen evangelischen Gesangbuches, EG genannt, einsetzen. Und sicherlich gibt es darin einige Lieder, die singenswert sind. Einige davon haben darum auch Eingang in unser Gemeindeliederbuch gefunden. Trotzdem ist was dran an der volkstümlichen Frage, die eigentlich auf die Konfessionszugehörigkeit, also das Bekenntnis abzielt und lautet: Welches Gesangbuch hast du? Ein Kirchengesangbuch ist eben nicht nur eine Musikalie, sondern ein Spiegel des Glaubens und des Bekennens derer, die es annehmen und in ihren Gottesdiensten verwenden.
Ich könnte einen langen Vortrag darüber halten, warum die Lutherische Kirche das neue EG unter keinen Umständen übernehmen dürfte, will aber euer Augenmerk heute nur auf ein Détail lenken. Im alten Gesangbuch, dessen Stammteil wir ins Ev.-Luth. Kirchengesangbuch übernommen haben, finden wir noch die Rubrik „Gottvertrauen, Kreuz und Trost". Im neuen EG stehen die entsprechenden Lieder, allerdings um 11 alte Trostlieder, z.T. sogar solche von Paul Gerhardt, reduziert, unter der Rubrik „Angst und Vertrauen". Da fragt man sich, ob die noch ganz bei Troste sind. Umso mehr, als eine kurz vor Erscheinen des neuen EG von der EKD in Auftrag gegebenen Umfrage herauskam, dass die meisten ihrer Mitglieder von der Kirche vor allem Trost erwarten. Trost ist nicht mehr ‚in’, wird als billige Vertröstung beiseite geschoben und zusehends durch therapeutische Begleitung, Beratung, Coaching und Supervision ersetzt. Aber das ist etwas anderes.
Es gibt den auf den ersten Blick etwas dümmlichen Spruch, es sei am besten, evangelisch zu leben und katholisch zu sterben. Will heißen: Siebzig, und wenn’s hoch kömmt achtzig Jahr von der Kirche und ihren Geboten in Ruhe gelassen werden und dann, wenn’s ans Sterben geht, versehen mit den Tröstungen der heiligen Kirche heimgehen.
Und so gesehen ist - auf den zweiten Blick - dieser Spruch nicht mehr ganz so dümmlich, zeigt er doch immerhin, dass für jeden der Zeitpunkt kommt, wo einem um Trost sehr bange ist, wo das Leben mit allen Erfolgen und Niederlagen, mit Anerkennung und Besitz nichts mehr zählt, wo die Kunst von Ärzten und Wissenschaft an ihre Grenzen kommt. Und droht sich Trostlosigkeit breit zu machen und das Leiden wird übermächtig und es scheint keine Hoffnung und keine Zukunft mehr zu geben. Und dann, dann fliehe ich vor der Verzweiflung zu Gott, dem Vater und zu Mutter Kirche wie ein Kind zu seinen Eltern und weine und bitte nur noch: Tröste mich!
Und dann, liebe Brüder und Schwestern, kommt es auf zweierlei an: Erstens auf einen Tröster, der selbst getrost in Gott ist, selbst getröstet, und zweitens darauf, dass ich überhaupt trostfähig bin, empfänglich für den Trost, der mir wieder Hoffnung und eine neue Zukunft schenken will, selbst wenn mir nur noch wenig Zeit auf dieser Welt geblieben ist.
Lieber Bruder, liebe Schwester: Kannst du von dir selbst sagen, du könntest gut trösten? Oder fühlst du dich hilflos und betreten an den Betten von Schwerkranken oder wenn Menschen in deiner Gegenwart plötzlich hemmungslos anfangen zu schluchzen, dir ihr ganzes Elend ausbreiten und offensichtlich untröstlich zu sein scheinen?
Doch, ich kenne das. Da sitzt man sprachlos, findet keine Worte, scheut sich vor Gesten, versucht sich mit gutgemeinten Weisheiten und frommen Sprüchen über die peinliche Lage hinwegzuretten. Aber fromme Sprüche und andere Blüten unserer Hilflosigkeit können sehr verletzend wirken, stoßen den Trostlosen in seine Trostlosigkeit, in die bodenlose Einsamkeit seines Leidens.
Einsamkeit des Leidens, das ist das Schlimmste. Und darum ist der erste Schritt zu echtem Trost die Gemeinsamkeit des Leidens, die Gemeinschaft der Leidenden.
Der Apostel Paulus formuliert das so: Sind wir aber in Not, so ist es zu eurem Trost und Heil, und werden wir getröstet, so geschieht das auch zu eurem Trost; er wird wirksam, wenn ihr geduldig die gleichen Leiden ertragt, die auch wir ertragen.
Paulus kann den Leidenden Trost spenden, weil er selbst leiden kann. Also: Nicht, weil er selbst auch leidet, sondern weil er in geistlicher Kraft leiden kann.
Da geht es nicht um ein gefühliges Mitleid nach der Weise: Ach Gott, kann der einem aber leid tun; wie gut, dass es mich nicht getroffen hat! Da geht es um ein Mittragen des sprachlosen, stummen Leidens anderer in der eigenen getrösteten Gewissheit, dass im Leiden Sinn liegt, wenn in der Kreuzesnachfolge Christi geschieht und dass dieser Sinn auch erglaubbar, manchmal auch erkennbar ist. Christlichem Trost geht es im Unterschied etwa zum Buddhismus nicht um Vermeidung eines angeblich sinnlosen Leidens, auch nicht um dessen Überwindung, sondern um die Kraft, im Leiden Sinn zu erkennen, im Leiden den leidenden Gott am Werke zu sehen und so das Leiden getrost tragen zu können.
Paulus schreibt: Er, der Gott und Vater Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater des Erbarmens und der Gott alles Trostes, Er tröstet uns in aller unserer Not, damit auch wir die Kraft haben, die zu trösten, die in Not sind durch den Trost, mit dem wir auch von Gott getröstet werden.
Die Leidensgemeinschaft mit den Elenden setzt die Trostgemeinschaft mit Christus voraus. Ein Tröster muss selbst bei Troste, muss selbst getröstet sein.
Wilhelm Löhe, im 19. Jahrhundert lutherischer Pfarrer im fränkischen Neuendettelsau, litt sehr unter dem frühen Verlust seiner Frau und unter den Anfeindungen, denen er wegen seines eindeutigen lutherischen Bekenntnisses durch die bayerische Landeskirche ausgesetzt war. Löhe schreibt einmal, er lebe ein Leben in getröstetem Elend. Getröstetes Elend - da ist nichts von dem jämmerlichen Elend zu spüren, das die Trostlosigkeit verbreitet. Da ist aber auch nichts zu sehen von der erbärmlichen gezwungenen Dauerfröhlichkeit, die man in sektiererischen Kreisen so häufig antrifft, weil Christen ja angeblich immer fröhlich sein müssten, um allen zu zeigen, was für ein glückliches Leben mit Jesus sie führen.
Getröstetes Elend: Das reicht ganz tief und tut so gut, weil das Leid nicht verdrängt und weggefrömmelt wird, sondern spürbar umfasst wird von Gottes Erbarmen, von seiner Liebe, seiner Vergebung und seiner Verheißung. Von Löhe sagten die fränkischen Bauern, die zu seiner Parochie gehörten: Bei dem kann man gut sterben.
Liebe Gemeinde: In unserer Taufe ist nicht nur Christus unser Genosse, unser Gott-mit-uns, unser Immanuel geworden, sondern wir sind auch Schicksals- und Leidensgenossen Jesu Christi geworden. Mit Christus begraben in den Tod.
Und weil das so ist, weil Christus alles Leid, alles Elend, allem voran aber unsere Schuld zu seinem Leid und Elend gemacht hat, weil der, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde geworden ist, ist auch alles Leid und alles Elend und alle Schuld eingebettet in das Leiden Christi. Wer Christ ist, wer Jesus Christus nachfolgt, der wird von Not und Traurigkeit und der Erfahrung von Sünde und Versagen nicht verschont. Petrus hat es uns vorgelebt, Paulus hat es uns vorgelebt und alle Apostel und Heiligen mit ihnen und nach ihnen. Wer uns weismachen will, Christsein heiße unbeschwertes Glück, der hat nichts begriffen.
Christusnachfolge ist Kreuzesnachfolge. Aber die Leidensgemeinschaft mit Christus umfasst eben auch und nur darin und dadurch die Trostgemeinschaft mit Christus.
Denn wir sind mit Christus begraben in den Tod, damit, so wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, auch wir als neue Menschen in einem neuen Leben leben können.
Vergebung und dadurch Trost und neues Leben - das sind die Früchte des Leidens Christi für uns, die Frucht, die das Weizenkorn nur bringen kann, wenn es in den Boden fällt und erstirbt.
Amen.