Predigt

(Pastor Gert Kelter am Sonntag Miserikordias Domini 2002)

Gott des Friedens.

Der Gott des Friedens aber, der den großen Hirten der Schafe, unsern Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt hat durch das Blut des ewigen Bundes,
der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. (Hebräer 13, 20-21)

Liebe Brüder und Schwestern,

Menschen aller Zeiten und aller Kulturen haben bei dem Bild vom Hirten, der seine Herde weidet, instinktiv Frieden empfunden. Maler und Musiker haben versucht, diesen Frieden mit ihren Mitteln einzufangen und wiederzugeben. Was ist es eigentlich, das uns angesichts einer Herde mit ihrem Hirten signalisiert: Hier ist alles in Ordnung, hier ist Frieden?

Möglicherweise ist es diese menschliche Ursehnsucht nach einer „heiligen Ordnung", einer Hierarchie, wie das auf griechisch heißt. In der heiligen Ordnung ist alles im Gleichgewicht. Da ist einer, auf den man vertrauen kann, dem man sich vorbehaltlos und vollkommen angstfrei anvertrauen kann, der für einen sorgt, einen beschützt und verteidigt. Die Strukturen sind klar und überschaubar, die Rollen nicht austauschbar. Ein Schaf ist ein Schaf und kein Hirte und kann auch keiner werden. Würde der Hirte fehlen, vermittelte das Bild einer hirtenlos grasenden Herde dem Betrachter eher den Eindruck von Gefahr und Schutzlosigkeit. Am hohen Stab des Hirten erkennen die Schafe: Der Hirte ist noch da, hat alles im Blick und alles ist in Ordnung. Wenn wir dem folgen, werden wir grünes Gras, saftige Weiden und frisches Wasser finden. Der bahnt uns den Weg, auch durch dunkle Täler, der zeigt uns, wo es langgeht, der wehrt Gefahren ab und würde eher sich selbst als uns dem Feind opfern. Unfrieden entsteht, wenn diese heilige Ordnung bedroht wird oder zerbricht, wenn die Schafe sich zu Hirten aufwerfen oder der Hirte es leid ist, die große Verantwortung zu tragen und sich zum Schaf macht, wenn Schafe nur noch anderen Schafen vertrauen und auf eigene Faust auf die Suche nach fetter Weide gehen.

Der kleine Friede unseres irdisches Lebens, liebe Gemeinde, steht und fällt damit, dass wir in - wenn schon nicht heiligen, so doch vertrauten und bedingt zuverlässigen Ordnungen und Strukturen leben. Es ist schlimm und erschütternd, wenn wir jetzt erleben müssen, dass unter denjenigen, die bei uns gewissermaßen ein „weltliches Hirtenamt" innehaben, also den Politikern, auch solche sind, die sich als korrupt und bestechlich erweisen, auf deren Unabhängigkeit und Unbestechlichkeit man sich also nicht verlassen kann. Da macht sich Rechtsunsicherheit breit und die führt zu Unfrieden. „Pax et Iustitia" -Frieden und Recht- steht auch heute noch unter vielen Staatswappen und bildete jahrhundertelang den Leitgedanken aller Staatsideale: Frieden durch eine zuverlässige, für alle verbindliche Rechtsordnung. Man muss aber nicht unbedingt das Staatswesen bemühen, um den inneren Zusammenhang zwischen der Ordnung und dem Frieden zu verstehen: Es gibt auch die Ordnung, das Gleichgewicht unseres Körpers. Wird das gestört, weil eine Krankheit uns befällt, ist es schnell aus mit unserem inneren Frieden und unserer Zufriedenheit. Es gibt die Ordnung in einer Ehe, in der eine Frau kein Mann und ein Mann keine Frau ist, die Ordnung innerhalb einer Familie, in der Eltern keine Kinder und Kinder keine Eltern sind, die Ordnung innerhalb einer Gemeinde und in der Kirche, in der Pastoren keine Gemeindeglieder und Gemeindeglieder keine Pastoren sind. Jede menschliche Beziehung braucht eine Ordnung, um gelingen zu können. Kurz: Unsere menschliche Ursehnsucht nach Frieden, zu dem auch Freiheit, Freundschaft, also gelungene Beziehungen und Freude, also innere heitere, gelassene Zufriedenheit gehören, ist nicht zu stillen ohne die Herstellung einer heiligen Ordnung, einer absolut zuverlässigen, unverbrüchlichen Struktur oder eben auch: Nicht ohne jemanden, der diese Ordnung garantiert.

Es ist interessant festzustellen, dass in den germanischen Sprachen die Worte Frieden, Freiheit, Freundschaft und Freude eng miteinander verwandt sind. Die Wurzel bildet das althochdeutsche „fridu", was sowohl ‘Schonung’ als auch ‘Freundschaft’ bedeutet. Eine Schonung ist nach heutigem Sprachgebrauch ein - wie man bezeichnenderweise sagt: umfriedetes, also durch einen Zaun geschütztes Waldgebiet, in dem kleine, schutzbedürftige Baumsetzlinge vor Wildverbiss geschützt und geschont im Frieden aufwachsen können.

Im 1. Korintherbrief erinnert der Apostel Paulus die korinthischen Christen daran, dass Gott kein Gott der Unordnung, sondern des Friedens sei und macht damit deutlich, dass aus der Unordnung Unfrieden folgt.

Vom Gott des Friedens ist nun auch in unserem Abschnitt aus dem Hebräerbrief die Rede. „Gott des Friedens" - das ist geradezu einer der Eigennamen Gottes. Das ist der, der „den großen Hirten der Schafe, unseren Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt hat durch das Blut des ewigen Bundes." Von diesem Frieden Gottes heißt es im sogenannten Kanzelsegen aus dem Philipperbrief, er sei „höher als alle Vernunft", also vollkommen anders als der irdische, menschliche Frieden. Der Friede Gottes kann dich auch dann umfangen, wenn du auf den Trümmern einer zerbrochenen Ehe sitzt, wenn eine schwere Krankheit deine vertraute Lebensordnung aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Der Friede Gottes kann dich auch dann tragen und prägen, wenn die Ordnung eines geregelten Arbeitstages durch Arbeitslosigkeit von heute auf morgen fällt, wenn Menschen, denen du vertraut hast, dich enttäuschen, wenn Menschen, die vielleicht jahrzehntelang deinem Leben Struktur, Sinn und Ausrichtung gegeben haben, sterben, wenn weltliche und geistliche Institutionen und Organisationen versagen.

Aber das setzt ein unbedingtes Vertrauen zu dem Gott des Friedens voraus, der sich in Jesus Christus als der Gute Hirte offenbart hat. Mit anderen Worten: Das setzt voraus, dass du dich diesem Hirten vorbehaltlos anvertraust wie ein Schaf, dass du dich in die heilige Ordnung Gottes als ein Teil seiner erlösten und freigekauften Herde eingliedern lässt.

Liebe Mitchristen: Ich möchte das Nocheinmal an einem persönlichen Beispiel verdeutlichen, weil es mir wichtig ist, diese Aussage nicht nur als abstrakten Kanzel- und Predigtlehrsatz stehen zu lassen: Ich bin in einer Ehe aufgewachsen, die zu meiner Kinder- und Jugendzeit sehr spannungsreich war. Es gab oft Streit, heftigen Streit, und Kinder können, wenn solche Ehestreitigkeiten vor ihren Augen und Ohren ausgetragen werden, nicht einschätzen, wie tief und ernst die Differenzen der Eltern sind. Übrigens, ein Hinweis an alle Eltern in diesem Zusammenhang: Es mag sehr modern und fortschrittlich scheinen, wenn Eltern ihre Kinder in alles mit einbeziehen, nichts vor ihnen verbergen und sie wie kleine Erwachsene behandeln, wenn insbesondere Mütter ihre Söhne als Vertraute und Verbündete in die Auseinandersetzungen mit dem Ehemann mit hineinziehen. Aber ihr ladet große Schuld damit auf euch und richtet enormen Schaden damit an. Kinder haben dann panische Angst davor, dass die Eltern sich trennen und die vertraute Ordnung zerbricht, die einem Halt und Geborgenheit bedeutet. In diesen, oft auch nächtlichen friedensbedrohenden Situationen, in denen- aus meiner Kindersicht jedenfalls- alle irdischen Sicherheiten infrage gestellt schienen, musste sich mein damals noch eher diffuser und unausgeprägter Kinderglaube bewähren. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln." Daran habe ich mich festgehalten, gegen alles Erleben und gegen allen Augenschein. Und weil sich diese vorbehaltlose Unterordnung unter diesen Guten Hirten wirklich bewährt hat, weil dieses Vertrauen nicht enttäuscht wurde, weil es mich damals innerlich unabhängig von irdischen und äußeren Bindungen und Bedingungen machte, habe ich wahrscheinlich auch bis heute wenig Sympathien für alles und jeden, was unter dem Deckmantel von Liberalität und Fortschrittlichkeit an den alten, bewährten Grundfesten des vertrauenden Glaubens an Christus, den Gott des Friedens rütteln will. Ich denke auch, es ist kein Zufall, dass alte und verwirrte, vor allem aber auch sterbenskranke und sterbende Menschen, die in ihrem Leben am Glauben festgehalten haben und sogar solche, die ganz davon weggekommen waren, den 23.Psalm vom Guten Hirten bis zuletzt sprechen und mitbeten können. Ich habe selbst schon erlebt, dass Sterbende nach tagelanger Bewusstlosigkeit kurz vor ihrem Tod für wenige Minuten ihr Bewusstsein zurückerlangten und zumindest tonlos und nur an den Lippenbewegungen erkennbar, den 23. Psalm mitbeteten.

Nun haben wir aber inzwischen die alte römische Aufforderung ernstgenommen, die da lautete: ‘Aude sapere - wage zu denken’ und sind kritisch und misstrauisch geworden gegenüber jeder Autorität, jeder unkritischen Unterordnung.

Das hat sicherlich auch sein Gutes. Viel Unfreiheit und Unfrieden, viel Leid und Elend sind dadurch entstanden, dass Menschen in ihrer Sehnsucht nach Frieden und damit auch in ihrer Sehnsucht nach heiligen, zuverlässigen Ordnungen den falschen Hirten gefolgt sind und auf die falschen Ordnungen vertraut haben.

Aber das macht es uns heute auch schwer, mit der kindlichen Einfalt eines Schafes unser ganzes Vertrauen auf den Guten Hirten Christus zu setzen. Zuviel „vernünftiges Denken" schiebt sich dazwischen, zuviel Zwang zur Logik, zuviel anerzogenes Misstrauen und sicher auch zuviel Angst vor Enttäuschungen.

Mit der gesetzlichen Aufforderung: „Nun wirf dein Misstrauen über Bord, überspringe einfach die bedrückende Wirklichkeit, die dich umgibt, vergiss deine Zweifel und Einwände!" ist es nicht getan. Mit dem Vertrauen auf meine eigene Kraft kann ich Gott das gläubige Vertrauen, das den Frieden bringt, nicht abzwingen und abtrotzen. Martin Luther hat sehr gut erkannt: „Die Anhänger der Sekten reden immer etliche Worte, aus denen man wahrnimmt, dass ihr Herz im Zweifel ist: ich hoffe, ich sei fromm, ich sei gerecht. Ein Christ aber (sagt): Ich tue, was ich kann. Was ich nicht tue, das zahlt das Leiden Christi für mich. Ich bin selig in Christus, diese Zuversicht soll mir niemand nehmen." (Luther Deutsch 9, S.243)

Nicht aus eigener Kraft und Vernunft, sondern „der heilige Geist des Gottes des Friedens, der mache uns tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was, wo, wann und wie es ihm gefällt."

Was gefällt ihm aber? Dass wir nicht am Unfrieden dieser Welt zerbrechen, sondern umfangen werden von dem Frieden Gottes, der höher ist alle Vernunft und unser Vertrauen und unsere Hoffnung auf ihn allein setzen. Und wenn wir das als den wahren und wirklichen Willen Gottes anerkennen, des Guten Hirten, der diesen Willen dadurch besiegelt hat, dass er sein Leben für uns Schafe geopfert hat, wenn wir also die Liebe Gottes in Jesus Christus erkennen, in seinem Wort und in den Mitteln seiner Gnade, dann wirkt und schafft Gottes Geist aus uns Steinen Abrahams Kinder und erfüllt uns mit seinem Frieden.

Um uns damit beschenken zu lassen, sind wir heute wieder hier.

Amen.