Beichtansprache
(Pastor Gert Kelter am Sonntag Miserikordias Domini 2002)
In unserem Stande.
Erkennet, dass der HERR Gott ist! Er hat uns gemacht und nicht wir selbst zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide. (Psalm 100,3)
Liebe Beichtgemeinde,
auf die Frage, welche Sünden es denn seien, die man beichten solle, antwortet Martin Luther im Kleinen Katechismus: „Da sieh deinen Stand an nach den Zehn Geboten, ob du Vater, Mutter, Sohn, Tochter seiest, in welchem Beruf und Dienst du stehst: ob du ungehorsam, untreu, unfleißig, zornig, unzüchtig, streitsüchtig gewesen bist, ob du jemand Leid getan hast mit Worten oder Werken, ob du gestohlen, versäumt oder Schaden getan hast."
Ein römischer Theologe hätte damals auf dieselbe Frage geantwortet: Alle. Alle Sünden soll man beichten und zwar vollzählig, weil sonst keine gültige Absolution erteilt werden kann.
Luther setzt Schwerpunkte und nennt als erstes Kriterium: Sieh deinen Stand an. Das heißt: Gott hat dieser Welt eine Ordnung gegeben, eine natürliche, weltliche Ordnung, die darum aber nicht weniger eine Ordnung nach Gottes Willen ist. Und er hat dich an eine ganz bestimmte Stelle innerhalb dieser Ordnung gesetzt, dich mit Verantwortung, bestimmten Gaben und Fähigkeiten ausgezeichnet, dir die Würde eines bestimmten Standes verliehen, in dem du dein Leben in Verantwortung vor Gott bestehen und leben sollst. Luther zählt auf: Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Beruf und Dienst. Aber dazu zählt unausgesprochen natürlich auch jeder andere Stand, also jede andere Verantwortlichkeit innerhalb des von Gott geordneten Beziehungsgefüges zwischen den Menschen. Ehemann- oder Ehefrausein, Geschwistersein, Pate-, Tante-, Onkelsein, Politiker-, Angestellter- oder Vorgesetztersein, Nachbarsein, Freundsein, ehrenamtlicher Mitarbeitersein, Bürgersein und so weiter.
Der Stand, von dem Luther spricht, ist also nichts Unbeweglich-statisches, sondern etwas ungeheuer Lebendiges und Facettenreiches, vielfach Verknüpftes. Immer aber bedeutet Stand: In einer bestimmten Beziehung zu anderen Menschen stehen.
Man bräuchte wahrscheinlich einen leistungsfähigen Computer, um herauszufinden, aus wie vielen unterschiedlichen Verknüpfungen unser ganz persönlicher „Stand" eigentlich besteht. Und den bräuchte man erst recht, wenn man jede dieser Verknüpfung mit jedem der Zehn Gebote vergleichen wollte. Also zum Beispiel: Ich bin gegenüber meinem Sohn Vater. War ich in dieser Verknüpfung ungehorsam gegenüber der mir von Gott übertragenen väterlichen Verantwortung, war ich untreu in meinen Vaterpflichten, unfleißig, zornig, unzüchtig, streitsüchtig, habe ich meinem Sohn Leid zugefügt in Worten und Werken, habe ich in dieser Beziehung gestohlen, also vielleicht dem Sohn etwas vorenthalten, was ich ihm schuldig bin? Nun bin ich als Vater aber auch Ehemann und müsste anhand der Zehn Gebote wiederum weiterforschen. Als Vater und Ehemann bin ich aber auch Angestellter und Bürger, Pate und Onkel, Nachbar, Vereinsmitglied und Freund. Und so weiter. Eine unendliche Liste von Fragen und eine unendliche Liste von Antworten, also von Einzelsünden würden sich daraus ergeben.
Luthers Weisung wörtlich zu nehmen und sie vielleicht Sonntag für Sonntag bis in die letzten Verknüpfungen hinein durchzubuchstabieren, hieße, nie zum Ende zu kommen und unter der Last der Sünden und der Sünde zu zerbrechen. Das wäre am Ende schlimmer und fürchterlicher als es unter dem Papst je gewesen ist.
Dass Luther das nicht will und meint, liegt auf der Hand. Warum dann aber diese Betonung des Standes? Einmal, weil es gut und nützlich ist, wenn man einmal nur anhand einer dieser Verknüpfungen, eines Standes, in dem wir stehen, erkennen, wie es um uns steht. Das bewahrt uns vor falscher Selbstsicherheit und vor Selbstgerechtigkeit. Ich mag ja als Bürger keine Steuern hinterziehen und einigermaßen glimpflich durch wenigstens 7 von 10 Gebote kommen. Aber wie sieht es mit mir als Nachbar, als Mutter, als Freund, als Gemeindeglied aus?
Die Betonung des Standes als Teil einer ganz bestimmten Beziehung führt mich aber weiter zu einer sehr grundsätzlichen Betrachtung: Zur Betrachtung meines Standes vor Gott. Vor Gott nämlich, so sagt Luther in demselben Zusammenhang der Beichte, soll man sich aller Sünden schuld geben, auch die wir nicht erkennen, wie wir im Vaterunser tun, wenn wir beten: „Und vergib uns unsere Schuld".
Die Grundbeziehung jedes Menschen ist die zu Gott, den wir über alle Dinge fürchten, dem wir über alle Dinge vertrauen und den wir über alle Dinge lieben sollen.
Diese Grundbeziehung haben wir nicht selbst gewählt, können ihr auch nicht entrinnen, uns aus keiner daraus folgenden Verantwortung stehlen. Er hat uns gemacht und nicht wir selbst zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide.
Hier der Hirte, dort die Schafe. Unumkehrbar und unwiderruflich. Und in diesem Stand gehören wir nun alle zusammen auf die Seite der Schafe: Väter, Mütter, Kinder, Gemeindeglieder, Pastoren, Chefs und Untergebene, Arme und Reiche, Kluge und Dumme, Weiße und Schwarze.
Und wer jetzt noch behauptet, im Licht der Zehn Gebote keine Sünde an sich feststellen zu können, wer jetzt noch behauptet, in seinem Stand als Teil der Herde Gottes den Guten Hirten wirklich über alle Dinge zu fürchten, zu lieben und ihm zu vertrauen, der betrügt sich selbst und nennt Gott einen Lügner und die Wahrheit ist nicht in ihm.
Dient aber diese Selbstprüfung unter dem Gesichtspunkt des Standes letztlich nur der totalen Zerknirschung, der völligen Demütigung?
Ganz und gar nicht. Dass Gott dich an eine ganz bestimmte Stelle in der Weltordnung gesetzt hat, dass er dir dazu Verantwortung und Gaben geschenkt hat, bedeutet, dass er dir eine Aufgabe im Leben gegeben hat, dass dein Leben an deiner Stelle und unter den ganz besonderen Bedingungen deines Lebens einen Sinn hat. Das heißt aber auch, dass Gott kein Beschäftigungstherapeut ist, der den Menschen für die 70, 80 oder 90 Jahre ihres Erdenslebens ein bisschen was zu spielen in die Hand gibt. Denn Gott verlangt Rechenschaft von dir. Er will wissen, ob und wie du in deinem Stand und in Verantwortung vor ihm, der dich dahin gesetzt hat, dein Leben lebst. Du bist ja ein Bestandteil im Heilsplan Gottes, kein Zufallsprodukt und kein Spielzeug. Es ist überhaupt nicht gleichgültig, wie du beispielsweise deinen Stand als Pate ausfüllst, wie du als Großmutter deine dir zugewiesene Aufgabe erfüllst, wie du deine Gaben in der Gemeinde einsetzt, wie du mit deinen Mitmenschen umgehst, ihnen Verlockung oder Hindernis zum Glauben und zum Evangelium bist. Alles hat Bedeutung und alles ist wichtig. Du bist in deinem Stand mit seinen vielfältigen Verflechtungen kein kleines Rädchen im Getriebe, auf das man notfalls verzichten könnte. Das verleiht dir Würde, aber mit der Würde auch die Bürde einer Verantwortung. Du könntest sie nicht tragen, weil du ihr aus eigener Kraft nie vollkommen gerecht werden kannst. In der letzten Beziehung, in unserem Stand vor Gott, leben wir nicht aus der Kraft des Erreichten, sondern nur aus der Kraft der Vergebung. Aber diese Kraft ist wirklich eine Kraft, nicht nur der juristische Federstrich auf dem unendlich langen Schuldschein, sondern neue Begabung mit Glauben, mit Hoffnung, mit Gewissheit, mit Liebe und Dankbarkeit, mit Gelassenheit und Freude.
Alles Gaben, die wir brauchen, um in unserem Stand zu tun, was uns aufgetragen ist und wozu Gott uns in diese Welt gesetzt hat. Amen.