Beichtansprache
(Pastor Gert Kelter am Sonntag Septuagesimae 2002)
Die Kunst des Loslassens.
Wir wollen euch aber, liebe Brüder, nicht im Ungewissen lassen über die, die entschlafen sind, damit ihr nicht traurig seid wie die andern, die keine Hoffnung haben. Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die, die entschlafen sind, durch Jesus mit ihm einherführen. (1.Thess 4,13-14)
Liebe Beichtgemeinde,
kann denn Trauer Sünde sein?
Paulus legt nahe, dass es eine Trauer geben kann, die sich gegen die Hoffnung versündigt, eine Form der Trauer, die einen auf die Seite der Ungläubigen, der Hoffnungslosen stellt und damit durchaus eine Absage an Gottes Treue, seine Zusagen und Verheißungen, also Sünde ist.
Damit wir uns recht verstehen: Trauer ist an sich etwas Notwendiges, Erlaubtes und Hilfreiches. Heute spricht man von Trauerarbeit, die geleistet werden muss. Und in der Tat: Die Trauer ist ein guter Weg, den jeder gehen sollte, der einen schmerzlichen Verlust erlitten hat. Trauer ist auch wirklich Arbeit, die man zu leisten hat. Trauer ist also etwas Aktives, nichts Passives, das einfach nur über einen kommt und in das man sich fallen lassen kann. Zur guten und heilsamen Trauer eines Christen gehört die Erkenntnis, dass ich etwas loslassen, künftig auf etwas verzichten muss, was mir von Gott anvertraut wurde, was mir sehr lieb und wichtig war, was mein Leben reich und fröhlich gemacht hat. Es kann sein, dass es sich dabei um einen Menschen, einen Lebensgefährten handelte. Es kann sein, dass es sich dabei um meine Gesundheit, meine Arbeitsstelle, die Fürsorge für meine Kinder, um Besitz, um inneren oder äußeren Frieden gehandelt hat.
Trauer stellt sich ein, wenn ich einen Verlust erlitten habe. Dann kommt es darauf an, welche Bedeutung dieser Verlust für mich hat. Wenn ich das, was ich verloren habe, für die Quelle, den Mittelpunkt, den Sinn und das Ziel meines Lebens halte, dann kann das für einen Christen nur heißen: Ich habe Gott verloren. Ich habe Jesus Christus verloren. Ist das nicht der Fall, dann handelt es sich bei meinem Verlust um etwas, was zwar schwer wiegt, was mein Leben möglicherweise stark verändert, auch beeinträchtigt, was loszulassen mir äußerst schwer fällt, aber doch den Sinn meines Lebens, die Mitte und Quelle, das Ziel und den Wert meines Lebens nicht berührt.
Jeder von uns hat bestimmte Hoffnungen und Erwartungen an sein Leben. Manche Menschen haben sogar einen regelrechten Lebensplan, einen Entwurf mit festen Vorstellungen, wie ihr Leben verlaufen soll. Solche Wünsche sind zulässig. Aber für Christen gilt, was auch für jedes Gebet, für jede Bitte und jede Fürbitte gilt: Dein Wille, Herr, geschehe. Und dieser Wille, das glaube ich, ist ein guter und gnädiger Wille für mich, wie auch immer er aussehen wird.
Auch Jesus Christus, der ja nicht nur wahrer Gott, sondern auch wahrer Mensch war, hatte sicher Wünsche, Hoffnungen, Pläne und Vorstellungen für sein Leben und Wirken. Auch er empfand Trauer, musste lernen loszulassen, sich in Gottes Willen zu fügen, immer gleichförmiger zu werden mit dem Willen des Vaters. Er ist diesen Weg des vertrauenden Gehorsams bis zum Ende gegangen. Bis zum Tod am Kreuz. Aber dort hat er nicht an seinem irdischen Leben festgehalten, sondern gesagt: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.
Und in diesem vollkommenen Gehorsam ist er gerade nicht gescheitert, hat er gerade nicht verloren, sondern gesiegt und alles gewonnen. Nicht für sich, sondern für uns.
Es wird irgendwann die Stunde für jeden kommen, in der ich auch den letzten mir noch verbliebenen scheinbaren Besitz loslassen muss. Das ist die Stunde meines eigenen Todes und die bedeutet den Verlust meines irdischen Lebens.
Liebe Gemeinde, ich habe Sterbende gesehen, die es in ihrem Leben nie gelernt haben, loszulassen, die keinen Verlust ertragen und überwinden konnten und die sich auch im Sterben so sehr an ihr irdisches Leben klammerten, dass sie es nicht loslassen konnten und wochen- ja monatelange Kämpfe auszustehen hatten, bis sie endlich sterben konnten.
Ars moriendi - die Kunst zu sterben nannte man im Mittelalter geistliche Übungen des Loslassens, die zu innerem Frieden, zu tiefem Gottvertrauen, zu erfülltem Leben und zu friedlichem, seligem Sterben führen sollten.
Im Grunde besteht diese Kunst darin, alles als von Gott verliehene Gnade zu erkennen, nichts als ewigen Besitz und auf nichts seine Hoffnung zu setzen als auf Gott allein.
In den vor uns liegenden Wochen der Fasten- und Passionszeit haben wir wieder die Möglichkeit, uns in die ars moriendí, die Kunst des Loslassens, des Verlassens auf Christus hin einzuüben. In dieser Formulierung liegt ein mehrfacher Sinn: Ich verlasse mich. Also: Ich sehe von mir und meinen Wünschen, Vorstellungen und Erwartungen ab, nehme mich selbst nicht mehr so wichtig, bilde nicht selbst den Mittelpunkt meiner Ziele und Gedanken.
Aber auch: Ich verlasse mich ganz auf Gott, auf Jesus Christus, seine Verheißungen und Versprechungen. Ich lerne, dass Gott mir nichts missgönnt, mir nichts vorenthält oder schuldig bleibt, wenn ich verzichte, loslasse, frei werde von den Menschen und Dingen, die mir so wichtig und bedeutsam erscheinen. Es sind doch alles Bindungen, die mich fesseln und unfrei machen, die mich knebeln und knechten und verhindern, dass ich die Freiheit der Kinder Gottes erlange.
Es gibt eine Zeit und ein Recht des Trauerns. Aber es gibt auch eine Grenze der Trauer, die zu überschreiten Sünde wäre. Und es liegt viel daran, diese Grenze zu erkennen. Ein grenzenlos trauernder Christ ist kein Christ. Und ein Mensch, der nach einem Verlust nur noch traurig ist, Gott verklagt und ihm unterstellt, den Sinn seines Lebens zerstört zu haben, der hat keine Hoffnung, hat seine Hoffnung auf das falsche Pferd gesetzt und steht auf der Seite derer, die keine Hoffnung haben.
Lasst uns still werden und Gott um Vergebung bitten für unseren Kleinglauben, unsere falschen Sorgen, unser Selbstmitleid, unser Misstrauen und unseren Neid auf die, die unserer Meinung von Gott begünstigter sind als wir selbst.
Und lasst uns Gott bitten, dass er uns mit dem Geist des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe, der Dankbarkeit, des Vertrauens, der Geduld und der Zufriedenheit beschenke, damit wir diese neue Woche versöhnt beginnen und ihre Wege im festen Vertrauen auf Gottes Gnade und Beistand gehen können.
Amen.