Predigt
(Pastor Gert Kelter am Sonntag Septuagesimae 2002)
Gottes freie Gnade.
Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist denn Gott ungerecht?
Das sei ferne!
Denn er spricht zu Mose (2. Mose 33,19): »Wem ich gnädig
bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich
mich.«
So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes
Erbarmen.
Denn die Schrift sagt zum Pharao (2. Mose 9,16): »Eben dazu habe ich dich
erweckt, damit ich an dir meine Macht erweise und damit mein Name auf der ganzen
Erde verkündigt werde.«
So erbarmt er sich nun, wessen er will, und verstockt, wen er will.
Nun sagst du zu mir: Warum beschuldigt er uns dann noch? Wer kann seinem Willen
widerstehen?
Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Spricht
auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich so?
Hat nicht ein Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß zu
ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen?
Da Gott seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun wollte, hat er mit großer
Geduld ertragen die Gefäße des Zorns, die zum Verderben bestimmt waren, damit
er den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtue an den Gefäßen der Barmherzigkeit,
die er zuvor bereitet hatte zur Herrlichkeit.
Dazu hat er uns berufen, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den
Heiden. (Röm.9,14-24)
Liebe Brüder und Schwestern,
kann Gott, der doch allmächtig ist, einen Stein erschaffen, der so schwer ist, dass er ihn selbst nicht heben kann?
Bevor die Konzentration der Gemeinde für den Rest der Predigt auf diese philosophische Denksportaufgabe gerichtet bleibt, will ich dazu ein paar Antwortmöglichkeiten liefern: Könnte er es, dann hätte er ein Problem geschaffen, das er selbst nicht lösen kann, wäre also nicht allmächtig. Könnte er es aber nicht, dann liegt es ebenfalls auf der Hand, dass Gott nicht allmächtig ist. Es gibt nur einen Ausweg aus der Misere: Gott verzichtet in seiner allmächtigen Freiheit auf eine Möglichkeit, die durchaus in seiner Macht stünde. Mit anderen Worten: Gott erschafft ein Problem, das er nicht löst. Nicht, weil er es nicht könnte, sondern weil er es nicht will.
Und damit sind wir genau dort, wo Paulus uns seine Gedanken zur Allmacht, zur Freiheit und zur Barmherzigkeit Gottes darlegt. Es scheint nämlich so zu sein, dass Gott in unserer Welt Dinge zulässt, die für uns ein unlösbare Probleme darstellen und uns mit diesen Problemen allein lässt, obwohl er das ändern könnte. Er ist ja allmächtig. Aber diese Probleme werden für uns dadurch umso problematischer, dass wir ja auch glauben, Gott sei barmherzig. Da stellt sich die Frage, warum Gott, der in seiner Allmacht Dinge zulässt, sie nicht wenigstens aus Barmherzigkeit wieder wegschafft. Es sei denn, er ist entweder nicht allmächtig oder aber - was vielleicht noch schwerer zu ertragen wäre - gar nicht barmherzig, sondern unberechenbar, willkürlich und boshaft oder zumindest völlig verborgen und unbegreiflich.
Konkreter: Zwei Kinder wachsen in derselben Familie auf, sei es eine christliche oder eine unchristliche. Aber das eine Kind kommt zum Glauben an Jesus Christus, das andere will davon nichts wissen. Die Voraussetzungen waren gleichermaßen gut oder schlecht, aber das Ergebnis ist ganz unterschiedlich, obwohl Gott doch will, dass allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.
Wenn man dieses Beispiel in der Form einer theologisch-philosphischen Denksportaufgabe formuliert und dann hinzufügt: Warum ist das so?, dann nimmt man die Position eines Pharisäers ein, der Gott auf die Probe stellt.
Das ist die Position, die der Apostel Paulus, der ja ein Pharisäer war, eine lange Zeit seines Lebens eingenommen hat. Aber das ist nicht mehr die Position des Apostels, aus der heraus er die Sätze geschrieben hat, die wir eben gehört haben. Inzwischen war ja aus dem gesetzestreuen Eiferer Saulus, der glaubte, sich durch die strenge Befolgung der Gebote und ihrer Auslegungen das Heil verdienen zu können, der bekehrte Paulus geworden. Er hatte erkannt, dass alles in seinem Leben Gnade war. Er hatte durch die Begegnung mit dem auferstandenen Christus vor Damaskus begriffen, dass er - wie er selbst schreibt - der größte unter allen Sündern ist, der geringste unter den Aposteln, dass aber Gottes Gnade gerade in seiner Schwachheit mächtig ist.
Paulus hatte verstanden, dass Gott es zugelassen hatte, dass er verstockt war wie Pharao und wie alle Menschen von Natur aus, dass er als Gefäß des Zornes ein Werkzeug des Bösen war, das Not und Leid und Tod über andere Menschen gebracht hatte. Aber eben auch, dass Gott sich seiner erbarmt hatte. Aus Gnade, in absoluter göttlicher Freiheit.
So persönlich getroffen fragt Paulus nicht mehr „Warum?", sondern er rühmt Gottes Barmherzigkeit und Gnade und dankt für seine Berufung. In diesem geläuterten Glauben an die Gnade Gottes macht er sich nun Gedanken um den Weg Israels. Und der macht ihm große Sorgen.
Er weiß, dass nur der vertrauensvolle Glaube an Jesus Christus als den Messias, den Herrn und Erlöser der Weg zum Leben ist. Und er sieht, dass ein großer Teil seines Volkes, das er liebt, mit dem er sich identifiziert, um das er bangt, noch auf dem falschen Weg ist.
Israel ist verstockt, so wie der Pharao verstockt war und wie er selbst verstockt war. Aber Verstockung heißt nicht ewige Verdammnis oder endgültiges Verderben. Das kann Paulus an seinem eigenen Leben ablesen. Und nur für sein eigenes Leben kann er Antworten auf die Frage nach dem Warum versuchen.
Seine eigene Verstockung war ein Meilenstein auf dem Weg zur Erkenntnis Gottes. Zurückschauend wird ihm klar, dass er auch in der Zeit der Verstockung von Gott mit großer Geduld getragen wurde, nicht etwa verworfen war. Und diese Erkenntnis tröstet ihn auch im Blick auf Israel. Hätte er denn die Tiefe der Gnade Gottes jemals erfahren, jemals diese brennende Liebe zu Christus erlebt, wenn ihm dieser Abschnitt seines Lebens erspart worden wäre? Und ist nicht vielleicht gerade diese teilweise Verstockung Israels der Weg Gottes für sein auserwähltes Volk, um es schließlich doch zum Ziel, zum Heil zu bringen? Und darf jemand behaupten, Israel sei endgültig verworfen, weil es jetzt verstockt ist?
Paulus kann darauf keine allgemeingültige Antwort geben. Aber für sich und sein Leben kann er sagen: Es ist Gottes Freiheit, die Mittel und Wege zu wählen, die mich zum Ziel gebracht haben. Es ist nicht meine Sache, ihm dabei Vorschriften zu machen, ihn zu kritisieren oder im Rückblick über die Hürden und Tücken auf diesem Weg zu klagen.
Liebe Mitchristen, das ist der vertrauensvolle Glaube an den allmächtigen und barmherzigen und vielmehr noch: an den gnädigen Gott, der Gott Gott sein lässt und sich ihm mit Leib und Seele, mit Herz und Verstand vorbehaltlos anvertraut. Das ist der rettende Glaube, der immer unterstellt und darauf baut, dass Gottes Wille für mich ein guter und gnädiger Wille ist.
Und dieser Glaube wird geschaffen und geschenkt in der Begegnung mit Jesus Christus und durch IHN selbst. Das gilt für den Apostel Paulus und das gilt für jeden von uns.
Denn nur in Jesus Christus lässt sich Gott so erkennen, wie er wirklich ist und von uns Menschen erkannt werden will. Als den Allmächtigen und den Barmherzigen, der uns aus Liebe als sein Gegenüber erschaffen hat. Und zwar mit der notwendigen Freiheit, seine Liebe auch abzulehnen und zurückzuweisen. Als den, der das Risiko der Liebe auf sich genommen hat, das darin besteht, dass wir Menschen uns von ihm abwenden und ihn mit seiner enttäuschten Liebe allein lassen. Und als den, der dennoch darauf verzichtet, uns in seine Gemeinschaft zu zwingen, sondern das Leiden seiner enttäuschten Liebe auf sich nimmt. In Jesus Christus erkennen wir den leidenden Gott. Im Leiden Gottes sind seine Allmacht, seine Freiheit, seine Barmherzigkeit und seine Gnade vereint. Im Leiden Gottes sind diese scheinbaren Widersprüche aufgehoben.
Die Menschheit als Ganze hat sich von Gott losgesagt, ihm ins Angesicht widersprochen und ist eigene, gott-lose Wege gegangen. Und alles, was nicht durch die Quelle des Lebens gespeist wird, endet letztlich im Tod. Wenn die Kirche von Erbsünde spricht, dann meint sie nichts anderes, als dass wir alle unter den Folgen dieser grundsätzlichen Abkehr vom lebendigen Gott zu leiden haben und - jeder für sich und jeden Tag - daran Anteil haben.
Aber auch dieses selbstverschuldete Leiden erträgt Gott, erduldet er, nimmt es auf sich. Unser pharisäisches Fragen nach dem „Warum?" müsste vor dieser Einsicht verstummen. Es ist Gottes freie Gnade. Er schuldet sie uns nicht, wir können sie nicht verdienen, nicht einfordern oder einklagen.
Warum mussten am 11. September so viele unschuldige Menschen ihr Leben lassen und warum konnte Gott das zulassen? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass in allem, Gottes Gnade gegenwärtig ist und wirkt, dass nichts sinnlos ist und nichts ohne Gottes Willen geschieht.
Und ich weiß, dass ich selbst nicht unschuldig bin und das Gericht Gottes vielfach verdient hätte. Ich weiß, dass ich keinen Grund zur Klage gehabt hätte, wäre ich unter den Opfern gewesen. Und ich weiß, dass es nichts als Gnade ist, nichts als pure Barmherzigkeit, dass ich in Frieden und Sicherheit leben kann, dass ich gesund bin, mein Auskommen habe, nicht frieren und nicht hungern muss, dass ich mich im Glauben an Gott geborgen und behütet weiß, vor nichts und niemandem Angst zu haben brauche, meine Sorgen im Gebet Gott abgeben kann, von ihm geführt und geleitet werde, zurechtgewiesen und zur Ordnung gerufen, aber in allem zum Ziel gebracht.
Martin Luther hat nie über diese Verse des Apostels Paulus gepredigt. Aber er musste als Professor eine Vorlesung darüber halten und hat seinen Studenten gesagt:
„Doch mahne ich hier: Keiner stürze sich in diese Grübeleien hinein, dessen Geist noch nicht gereinigt ist, dass er nicht in den Abgrund des Grauens und der Verzweiflung falle, vielmehr reinige er zuvor die Augen des Herzens mit der Betrachtung der Wunden Christi. Denn auch ich würde darüber nicht lesen, wenn mich nicht die Ordnung der Vorlesung und die Pflicht dazu nötigte. Das ist stärkster Wein und vollkommenste Speise, das feste Brot der Vollkommenen, d.h. Theologie im eigentlichen Sinne des Wortes, von der der Apostel sagt: Wir reden von einer Weisheit, die den Vollkommenen eignet. Doch ich bin ein kleines Kind, das der Milch bedarf und nicht der festen Speise. So tue auch, wer mit mir ein kleines Kind ist. Sicherheit genug bieten die Wunden Jesu Christi, die Felsklüfte."
Amen.