Predigt
(
Pastor Gert Kelter am Tag der Auferstehung Christi 2002)Alle Hoffnungen erfüllt.
Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling
unter denen, die entschlafen sind.
Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen
Menschen die Auferstehung der Toten.
Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig
gemacht werden.
Ein jeder aber in seiner Ordnung: als Erstling Christus; danach, wenn er kommen
wird, die, die Christus angehören;
danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er
alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt vernichtet hat.
Denn er muss herrschen, bis Gott ihm »alle Feinde unter seine Füße legt«
(Psalm 110,1).
Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod.
Denn »alles hat er unter seine Füße getan« (Psalm 8,7). Wenn es aber heißt,
alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm
alles unterworfen hat.
Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan
sein dem, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott sei alles in allem. (1.
Korinther 15, 20-28 )
Liebe Brüder und Schwestern,
man würde erschrecken oder sollte es jedenfalls, wenn man wüsste, wie viele Politiker, Wirtschaftsführer, Wissenschaftler und Kulturschaffende, wie viele einflussreiche und maßgebliche Menschen in unserem Land verstrickt sind in abergläubische Vorstellungen und Praktiken. Dieselben Leute, die uns regieren und prägen, vermeintlich moderne und aufgeklärte Menschen, die tagtäglich mit hochkomplizierten Informations- und anderen Technologien umgehen, lassen ihre futuristischen Büroräume nach den Prinzipien des heidnisch-chinesischen Feng Shui gestalten, lassen sich von hochbezahlten astrologischen Scharlatanen Horoskope erstellen oder die Karten legen und richten sich in ihren Entscheidungen danach, pendeln ihre Wohnungen aus, um angeblichen kosmischen Strahlungen oder gefährlichen Erdstrahlen auf die Spur zu kommen. Sie glauben an die Kraft des positiven Denkens, lassen sich bei Rebirthing-Seminaren rückführen in frühere Leben, verbringen Urlaube in Ashrams der Baghwan-Sekte oder sind der Überzeugung, die Pyramiden und andere Relikte früher Hochkulturen seien durch außerirdische Wesen geschaffen worden.
Das alles ist in bestimmten Kreisen vollkommen salonfähig. In der neuen alten Hauptstadt Berlin lebt ein ganzer Wirtschaftszweig inzwischen vom Aberglauben der Mächtigen, Schönen und Reichen und es gruselt einen, wenn man sich vorstellt, dass irgendwelche neuzeitlichen Rasputins als graue Eminenzen im Hintergrund die modernen Zaren und ihren Hofstaat beeinflussen und gängeln könnten.
Interessanterweise gibt es aber in dieser Kaste nur sehr wenige überzeugte Christen, die offen zu ihrem Glauben stehen und sich dadurch in ihrem Reden und Handeln leiten lassen.
Dieselben Leute, die bis zum Hals im Aberglauben stecken, haben für die christliche Botschaft oft nur ein müdes Lächeln übrig: Wer glaubt schon an solche Wunder wie die leibliche Auferstehung der Toten irgendwann am Sankt-Nimmerleins-Tag? Das Christentum als Arme-Leute-Religion?
Der christliche Glaube mit seinem Festhalten an historischen Tatsachen als Fundament hat für viele den Geruch des Primitiven. Da wird aufs Jenseits vertröstet. Für die Gebildeten aller Zeiten war das nichts. Den Juden nur ein Ärgernis, aber den Griechen, den heidnischen Gebildeten und um Erkenntnis bemühten war’s immer schon eine Torheit. Heute nicht wesentlich anders als damals in Korinth, und das bis in die christliche Gemeinde hinein. An die Auferstehung schon in diesem Leben in einem geistlichen, spirituellen Sinne wollte man wohl glauben, aber an die leibliche Auferstehung von den Toten, an die Auferweckung der in Christus Entschlafenen am Jüngsten Tag, an ein Gericht, das Ende aller Dinge, an die Neuschöpfung, in einem realistischen, sich zukünftig ereignenden Geschehens eben nicht.
Es ist auffällig, dass der Apostel Paulus gar nicht den Versuch macht, diese Leute mit Engelszungen und unter Aufbietung gelehrter Rhetorik, Anlehnung an griechisches Denken und Appell an Vernunft und Logik auf seine Seite zu ziehen. Auf dem Areopag in Athen hatte er vor den heidnischen Griechen noch ganz anders argumentiert, hatte sich in ihre Vorstellungs- und Götterwelt hineinversetzt und schließlich auf die Statue des „unbekannten Gottes" gezeigt mit der Botschaft: Den verkündige ich euch heute, und der heißt Jesus Christus. Aber hier redet er zu solchen, die sich als Christen bezeichnen, die getauft waren und im christlichen Glauben unterwiesen, aber wieder zurückgefallen sind in die alten Vorstellungen, die sich angepasst hatten, die sich ein zeitgemäßes Christentum zurechtgeschneidert hatten. Was auf den ersten Blick so wenig bemüht, ja lieblos aussieht, hat Methode und Grund: Es gib in der Kirche nur ein „Drinnen" und ein „Draußen". Und „drinnen" ist, wer die Fundamente akzeptiert. Darum schießt der Apostel den Korinthern wie eine Breitseite ohne wenn und aber nichts anderes als die historische Grundtatsache des christlichen Glaubens vor den Bug: „Nun aber ist Christus auferstan-den von den Toten und der Erstling unterdenen geworden, die da schlafen."
Für Paulus stellt es kein besonderes Wunder dar, dass Gott Christus und mit Christus alle, die an ihn glauben, von den Toten erwecken kann. Für ihn ist das Wunder, dass Gott das überhaupt will! Durch die Gottlosigkeit der Menschen ist der Tod gekommen. Das Menschengeschlecht ist ein aufrührerisches, abtrünniges, gottfernes Geschlecht, das Gott nicht den geringsten Grund bietet, es zu lieben, zu erlösen, aus dem Tod herauszuführen in ein neues, ewiges Leben, zurück in die ursprüngliche Liebesgemeinschaft mit Gott. Aber er tut es! Er hat es getan! Weil er es wollte. Und er wollte es aus Liebe. Und tat er es, indem er das Leiden an der Gottlosigkeit der Menschen bis zum Tod am Kreuz selbst aushielt und durchlitt. Das ist das Wunder. Und erst jetzt beginnt die Predigt, die Verkündigung, das Lehren und das Trösten. Erst jetzt kann das alles auch beginnen und nur für die, die es glauben. Aber denen, und gebe es Gott, dass wir dazu gehören, hilft der Apostel nun auch aus ihren Zweifeln und Anfechtungen. Ein Zweifel, eine Anfechtung, die uns vielleicht auch nicht ganz fremd ist, lautet: Wenn die Auferstehung Christi von den Toten bereits geschehen ist und damit doch eigentlich die Erlösung besiegelt und vollbracht ist, warum müssen wir dann noch dieses Leben mit seinem Leiden, seinen Versuchungen und Verfolgungen überstehen? Warum ist das Reich Gottes, die Herrschaft des Christus dann noch so wenig spürbar, sichtbar, erfahrbar? Warum diese lange Zeit bis zum Ende?
Für den Apostel ist das nicht der Erweis einer Panne im göttlichen Heilsplan, sondern im Gegenteil Bestandteil dieses Planes, Teil einer völlig klaren Ordnung. „Der Erstling Christus, danach die Christus angehören, wenn er kommen wird, danach das Ende, wenn er vernichtet haben wird alle Herrschaft und alle Obrigkeit und Gewalt."..."Wenn aber alles ihm untertan sein wird, alsdann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles untergetan hat, auf dass Gott sei alles in allem."
Zunächst wird hier wieder deutlich: Paulus spricht nur die Christen an, die, die zu Christus gehören. Über die anderen und deren Schicksal redet er an dieser Stelle nicht. Darum tun wir's auch nicht und verschieben das auf eine andere Predigt, vielleicht am Ende des Kirchenjahres, wenn vom Gericht die Rede sein wird. Aber den Christen gilt: Sie sind durch Taufe und Glauben Glieder am Leib Christi, dessen Haupt Christus selbst ist. Das Bild vom Leib Christi verwendet Paulus wenige Kapitel zuvor in demselben 1.Brief an die Korinther und ganz besonders auch im Brief an die Gemeinde in Ephesus.
Und dann sagt er also: Christus, das Haupt, ist der Erstling derer, die von den Toten auferstehen. Und wie bei einer Geburt zuerst der Kopf des Kindes erscheint, wenn der aber erschienen ist, „hindurch" ist, der ganze Leib geradezu automatisch nachgezogen wird, so ist es auch in der Auferstehung von den Toten: Dass Christus, das Haupt, auferstanden, durch den Tod und ins österliche Licht des neuen Lebens hindurchgedrungen ist, ist geradezu die Garantie dafür, dass der Leib, die Kirche, also wir mit ihm auferstehen werden. Oder, um Luther zu zitieren: „Wie die Weiber sagen: ist des Kindes Haupt geboren, so hat’s nicht not."
Das aber ist geschehen und gewiss.
Jetzt kommt Paulus aber auf die Zeit zu sprechen, in der wir leben. Er kennzeichnet sie als Zeit der Christusherrschaft vor dem Ende und sagt, indem er Psalm 8 zitiert: „Denn er muss herrschen, bis dass er alle Feinde unter seine Füße legt. Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod."
Um noch einmal das Bild von der Geburt eines Kindes aufzunehmen und zugleich einen vertrauten Begriff aus den Evangelien, den Jesus selbst verwendet: Die Zeit, in der wir leben, die Zeit zwischen der Auferstehung des Erstlings, des Hauptes und dem endgültigen Nachgezogenwerden des Leibes, der Kirche, der Christen, ist die Zeit der Wehen, des Geburtsschmerzes. Wohl mit der Gewissheit: Es wird gelingen, weil das Wichtigste bereits geschafft ist, weil das Haupt bereits die Herrschaft angetreten hat und herrscht, aber eben doch schmerzhaft, geradezu gewalttätig.
Die feministische Theologin Helga Sorge, die sich heute nur noch „Elga" nennt, weil das „H" ihres Vornamens sie so an „Herr" und „Herrschaft" erinnert, schreibt in einer Meditation zu unseren Versen, es überkomme sie dabei eine „ohnmächtige Aggressivität", weil soviel von „unterwerfen, vernichten, untertan machen und herrschen" die Rede sei, typische männliche Verhaltensweisen also, die der Frauenfeind Paulus hier Christus zuordnet und die sich die männerbeherrschte Kirche natürlich immer zueigen gemacht habe. Die Dame hat zumindest eine theologische Meise. Und es ist schon putzig, wie unbedarft sie zugibt, auf die von ihr festgestellte Aggression nicht anders zu reagieren als mit Aggressivität.
Aber andererseits gibt sie damit vermutlich unfreiwillig Zeugnis für die biblische Wahrheit, dass die Zeit zwischen Ostern und der Wiederkunft Christi kein Friedensreich, sondern Kampfzeit, kein neutrales Zwischenstadium, sondern Entscheidungszeit ist, in der Christus und seine Feinde gegeneinander kämpfen und in der es sich entscheiden und offenbaren wird, wer zu Christus gehört und wer zu seinen Feinden gehört.
Während dieser ganzen Zeit ist aber eines immer schon entschieden: Wer zu Christus gehört, gehört zum Sieger, wer zu seinen Feinden gehört, gehört zu den Verlorenen.
In dieser Zwischenzeit streitet aber Christus für uns und ER nimmt es mit der Aggressivität seiner Feinde auf und weckt sie natürlich auch immer dann, wenn Sein Wort hörbar wird, Sein Machtanspruch laut wird. Und diese Aggressivität bekommen auch die zu spüren, die zu ihm gehören. Sie tragen das Leiden Christi an ihrem Leibe. Elgas Sorgen um mich selbst und um diese Welt möchte ich nicht haben; habe ich, haben wir Christen aber auch nicht.
Denn seit Ostern, liebe Gemeinde, wissen wir, dass der Kampf entschieden ist und wer der Sieger ist. Das macht gelassen und hoffnungsvoll. Das lässt geduldig aushalten und fröhlich in Trübsal. Das macht frei und bewahrt uns davor, Trost, Halt und Gewissheit in falschen Bindungen, also bei falschen Verbündeten zu suchen, seien es Aberglaube, Macht, Besitz, unbegrenzter Lustgewinn oder was auch immer. Das befreit uns auch vor der Angst, zu kurz zu kommen und etwas zu verpassen, also letztlich vor der Angst, dass wir im Tod verloren sind und zu nichts werden, sodass wir in diesem Leben noch alles mitnehmen und alles erreichen müssten.
Am Ende, das wissen wir, wird Gott sein alles in allem. Das heißt nun eben gerade nicht, dass sich alles in Wohlgefallen, alles im göttlichen Sein auflösen wird, sondern dass Gott über alles, was sich ihm und seiner Liebe und seinem Willen zur Erlösung in den Weg stellt den Sieg behalten wird. Und dann regiert eben keine Aggressivität, kein Leid, keine Enttäuschung und nicht einmal der Tod. Dann werden sich für die, die zu Christus gehören, alle Hoffnungen erfüllt haben. Sie werden die sein, die Gott ursprünglich gewollt hat, heil und voller Frieden und in allem werden sie Sinn und Geborgenheit und Leben haben.
Und das, weil Christus von den Toten auferstanden ist.
Amen.