Predigt
(Pastor Gert Kelter am Tag der unschuldigen Kinder 2002)
Im Schnee blühen Rosen
Als sie aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel
des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine
Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir's sage; denn
Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen.
Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und
entwich nach Ägypten
und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was der Herr
durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Hosea 11,1): »Aus Ägypten habe
ich meinen Sohn gerufen.«
Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig
und schickte aus und ließ alle Kinder in Bethlehem töten und in der ganzen
Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen
genau erkundet hatte.
Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht
(Jeremia 31,15):
»In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel
beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit
ihnen.« (Matthäus 2,13-18)
„Wenn ich auch gar nichts fühle von deiner Macht, du
führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht. So nimm denn meine Hände und
führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich."
Liebe Brüder und Schwestern in Christus,
ich weiß: Mancher mag das Lied „So nimm denn meine Hände" von Julie Hausmann nicht besonders, weil es so rührselig ist und gerne bei Beerdigungen gesungen wird und uns also auch an Leiden, Tod und Sterben, an Beerdigung und Trauer erinnert.
Für mich ist dieses Lied aber ein Gebet, ein Gebet, das vollkommenes Vertrauen auf Gottes Schutz und Beistand, auf seine liebevolle Führung, auf seine Fürsorge, seinen alle Vernunft übersteigenden Frieden, seinen für mich immer und unter allen Umständen nur guten und gnädigen Willen ausdrückt.
<Ich kann allein nicht gehen, ich will die Augen schließen, ich fühle nichts von Gottes Macht.>
Mit diesen einfachen Worten bringt Julie Hausmann menschliche Lebensmüdigkeit zum Ausdruck. Eine Lebensmüdigkeit, die sich einstellt, wenn Leid, ganz gleich, ob äußeres, körperliches oder inneres, seelisches Leid zu groß wird.
Da ist keine eigene Kraftreserve mehr, da nützen Appelle an meinen Willen, meine Entscheidungskraft nichts. Da ist nur vollkommene Kapitulation vor den Umständen meines Lebens.
Gerade die dritte Strophe beschreibt diese totale Kapitulation besonders eindrücklich: Ich fühle nichts mehr von Gottes Macht. Sie zu sehen, sie zu erfahren – darauf könnte ich verzichten, weil mich mein Glaube doch ganz gewiss macht: Gott sitzt im Regiment, er regiert und leitet die Weltgeschichte und meine Lebensgeschichte mit großer, wenn auch nicht immer sofort sichtbarer und erfahrbarer Macht. Da fühle ich noch ganz tief in mir drinnen: Er ist da und handelt. Aber es kann eben auch passieren, dass dieses Gefühl nicht mehr da ist, dass ich von Gottes Macht, von seiner fürsorglichen Sorge um mich nichts mehr fühle.
Dann bleibt nur noch dieses Stoßgebet: Herr, nimm meine Hände und führe mich.
In der Nacht vor seinem Tod weckte mein Großvater, der alles andere als ein frommer Kirchenchrist war, meine Großmutter und fragte sie, wie die dritte Strophe des Liedes „So nimm denn meine Hände" lautete.
„Wenn ich auch gar nichts fühle von deiner Macht", antwortete sie ihm.
Ob der hl. Josef auch eines nachts aufwachte, schweißgebadet und voller Angst, weil er nicht wusste, wie es weitergehen sollte, weil er sich und seine Familie vor dem absoluten Ende sah? Er hatte sich voller Vertrauen darauf eingelassen, was der Engel Gottes ihm im Traum gesagt hatte: Begrabe deine Zweifel, lass dein Misstrauen. Maria, deine Verlobte, ist dir treu gewesen. Sie ist schwanger vom Heiligen Geist und wird den gebären, der das ganze Volk von seinen Sünden erlösen wird. Er hatte den Worten geglaubt und Maria nicht verlassen, wie er es ursprünglich geplant hatte, sondern sie zu sich genommen. Unter erbärmlichen Umständen war dann der Sohn zur Welt gekommen. Aber immerhin: Gottes Macht und seine schützende Fürsorge hatten sie erfahren. Keinen Raum in der Herberge hatten sie gefunden, aber doch einen Ort zum Bleiben.
Aber dann: Gerüchte machten die Runde, dass König Herodes in dem neugeborenen Kind, von dem einige sagten, es sei der König der Juden, einen Rivalen sah und anordnen ließ, alle Kinder, die zweijährig oder darunter sind, zu töten.
Bei den 800 Einwohnern, die Bethlehem damals hatte, kamen dafür höchstens 60 Säuglinge in Frage. Die Chance, dass man Jesus finden und töten würde, war nahezu hundert Prozent. Sollte das also das Ende sein? Da gab es doch kein Entkommen. Das Gefühl von Gottes mächtigem Beistand, von seiner souveränen Führung hatte ihn vollständig verlassen.
Vielleicht ist Josef aber auch mit diesen düsteren Gedanken an die völlige Ausweglosigkeit seiner Lage endlich eingeschlafen, bis plötzlich seine Alpträume jäh unterbrochen wurden: In die Dunkelheit mischt sich helles Licht. Ein Engel Gottes, derselbe, der ihn schon einmal getröstet und aufgerichtet hatte, sagt ihm: „Nimm das Kindlein und seine Mutter und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich’s dir sage."
Ägypten? Ausgerechnet Ägypten? Ein Jude verbindet damit Exil und Sklaverei. Hunderte von Kilometern durch feindliche Wüste. Was würde sie da erwarten?
Ägypten heißt Angst, Ungewissheit, schlechte Erfahrungen. Warum Ägypten?
Liebe Gemeinde: Wenn ich nicht mehr gehen, nichts mehr sehen, nichts fühlen und nichts mehr denken kann, dann sendet mir Gott seinen Engel und zeigt mir einen Weg. Und dieser Weg kann genau der sein, den ich am wenigsten gerne gehen würde, den ich am meisten fürchte und er mir am aussichtslosesten erscheint. Völlig abwegig. Vollkommen unwirklich. Der Evangelist Matthäus konnte rückblickend den Sinn erkennen, wenn er schreibt: ..."damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht: ‚Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.’
Es musste also nach Gottes Heilsplan so sein, dass der Erlöser Israels den Weg seines Volkes geht: Nach Ägypten ins Exil und von dort zurück ins gelobte Land. Die Heilsgeschichte erforderte es, dass Jesus das leidvolle Schicksal nicht nur der ganzen Menschheit, sondern auch und besonders des Volkes Israel teilte.
Das konnte Josef nicht wissen und nicht verstehen. „So nimm denn meine Hände und führe mich." Das war wohl sein Gebet.
„Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten."
Das war nicht vernünftiges Kalkül, das war keine rationale Einsicht, das war nicht das Gefühl, das Richtige zu tun, das war Gehorsam gegenüber Gottes Wort.
Hat dir, lieber Christ, Gott nicht schon längst gesagt, was du zu tun hast, um dein Leben wieder in die richtige Richtung bringen zu lassen?
Und hieß der Zufluchtsort, der dich vor dem Untergang rettet, nicht auch „Ägypten", also nicht auch „Weg der Angst, des Zweifels, der Wüstenentbehrung, der Ungewissheit?"
Du argumentierst noch, du wägst noch das Pro und das Contra gegeneinander ab. Aber Gottes Engel hat schon längst gesagt, was du tun sollst. Lässt du die Hände endlich sinken und betest: So nimm denn meine Hände und führe mich?
Du hast Angst vor Ägypten, du hast deine Erfahrungen gemacht mit der Wüste, mit dem Exil. Du weißt, was dich erwartet und darum zögerst du. Aber weißt du wirklich, vertraust du wirklich darauf, dass der Weg ins gelobte Land nur über Ägypten, nur durch die Wüste führt?
Manchmal ist die Geborgenheit des Vertrauten und Bekannten sehr trügerisch. Manchmal kann sie tödlich sein, weil sie Gottes Heilsplan mit dir widerspricht.
Manchmal meinst du, du hättest Verantwortung für die unschuldigen Kinder, die die Herodesse dieser Welt töten werden und weigerst dich, den Schauplatz des Verderbens zu verlassen, auch wenn Gottes Engel dich dazu drängt.
Aber dann stellst du dich dem Heilsplan Gottes entgegen. Dann siehst du Verantwortung, wo Gott sie dir schon längst abgenommen hat. Dann meinst du immer noch, du selbst müsstest dich und alle anderen retten, wo Gott schon längst mit seinem guten und gnädigen Willen alles zum Besten gekehrt hat.
Hätte denn Josef, wäre er geblieben und hätte er der Botschaft des Engels nicht gehorcht, das Wehklagen Rahels über ihre getöteten Kinder verhindert?
Er hätte es nicht und in Rahels Klage hätte sich Josefs Klage über den vorzeitigen Tod des Welterlösers gemischt.
Aus dem vielleicht gut gemeinten Ungehorsam wäre eine Katastrophe erwachsen.
134.000 abgetriebene Kinder im Jahre 2001 fragen ihre Mütter, warum sie nicht den Weg nach Ägypten, durch die Wüste gegangen sind, damit das Leben den Sieg behält.
134.000 getötete unschuldige Kinder allein in Deutschland. Und das sind nur die sogenannten „legal abgetriebenen" und statistisch erfassten. Die tatsächliche Zahl ist wahrscheinlich doppelt so hoch.
Dem gelobten Land des Lebens geht fast immer die Flucht aus dem Vertrauten, der Weg durch die Wüste, der Weg ins Exil voraus.
Gottvertrauen heißt: Ich kapituliere vor meinem Anspruch, mein Leben selbst planen und regeln zu können und in der Hand zu haben und bitte Gott: So nimm denn meine Hände und führe mich.
Er wird’s tun und dir deinen Engel senden und dir sagen, wohin du gehen sollst, damit du zum Ziel kommst.
In der Wüste wird er dir die Quelle des Lebens zeigen und im Schnee wirst du Rosen blühen sehen. Selbst dann, wenn die Kälte des Lebens dir alles Gefühl geraubt zu haben scheint.
Gott kommt zu uns.
Amen.