Predigt
(Pastor Gert Kelter am 2. Sonntag nach Epiphanias 2004)
Einüben in die Liebe
Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an.
Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit
Ehrerbietung zuvor.
Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem
Herrn.
Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.
Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.
Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.
Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.
Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern
haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug. (Röm
12, 9-16)
Liebe Brüder und Schwestern,
Zur Zeit wird darüber spekuliert, in absehbarer Zeit den
Wehrdienst und damit auch den Zivildienst abzuschaffen. 95.000 junge Männer
leisten in Deutschland ihren Zivildienst in sozialen Einrichtungen. In einem
Radiointerview wurde letzte Woche der Vorsitzende der CDU-Sozialausschüsse,
Hermann-Josef Ahrends, danach gefragt, ob dann nicht entsprechend viele neue
Stellen für Pfleger, Krankenschwestern, Altenpfleger und andere soziale Berufe
geschaffen werden könnten und müssten und dies die Lage auf dem Arbeitsmarkt
positiv beeinflussen könnte.
Die Antwort, die ich sinngemäß wiedergebe, fand ich für einen
Politiker bemerkenswert. Sie lautete: „Wir werden das Problem der menschlichen
Zuwendung nicht lösen können, auch wenn der Bund Milliarden in die Schaffung
neuer Arbeitsplätze im sozialen Bereich investierte, wenn nicht Menschen da sind,
die aus Liebe zu den Menschen und um der anderen Menschen willen helfen wollen.
Was die Zivis leisten, können hauptberuflich Tätige nicht ersetzen und der
Sozialstaat wäre trotz perfekter Pflege kalt wie eine Hundeschnauze."
Der Gegenvorschlag Ahrends lautete, man solle die 850
Millionen Euro, die der Zivildienst jährlich für den Bund kostet, besser in
freiwillige soziale Dienste wie das Freiwillige Soziale Jahr investieren.
Menschliche Zuwendung aus Liebe contra perfekte
professionelle Pflege – ist das ein zulässiger Gegensatz? Sicher ist beides
notwendig. Aber die Gefahr perfekter professioneller Pflege ohne menschliche
Zuwendung aus Liebe und um des Menschen willen besteht. Das gilt grundsätzlich
und das gilt noch mehr für uns Christen. Davon handelt der Abschnitt des
Apostels Paulus, den wir heute betrachten.
Dieser Abschnitt beginnt mit dem Satz „Die Liebe sei ohne
Falsch", wörtlich: Sie sei nicht heuchlerisch, frei von Heuchelei. In den elf
Kapiteln zuvor hatte der Apostel ausführlich deutlich gemacht, was es für uns
bedeutet, dass Gottes Liebe in Jesus Christus für uns Gestalt angenommen hat,
was es heißt, dass wir um Christi willen geliebte und erlöste Kinder Gottes sind,
welche Bedeutung es hat, dass uns in unserer Taufe durch den Heiligen Geist
Gnadengaben geschenkt wurden, allen voran der Glaube, die Liebe und die Hoffnung.
Im 1. Korintherbrief nimmt Paulus diese Gedanken auf und sagt ganz klar, dass
die Liebe die Größte aller Gnadengaben sei.
Wenn er dann in unserem Abschnitt über die Konsequenzen
schreibt, dann hat das also nicht den Klang einer Mahnung, einer Forderung nach
Eigenleistung oder einer gesetzlichen Einschüchterung. Denn wir haben ja zuvor
etwas geschenkt bekommen, von dem nun gilt: Das sollen wir nicht für uns
behalten oder nur für uns selbst genießen, sondern weitergeben.
Heuchlerische, vorgeschützte Liebe – das ist die Perfektion
der kalten Hundeschnauze, vor der der Politiker warnte.
Man kann es auch anders ausdrücken:
Glaube ohne Liebe macht fanatisch.
Wahrheit ohne Liebe macht unnahbar.
Gerechtigkeit ohne Liebe macht rechthaberisch.
Ehre ohne Liebe macht hochmütig.
Freundlichkeit ohne Liebe macht heuchlerisch.
Ordnung ohne Liebe macht kleinlich.
Frieden ohne Liebe macht feige.
Toleranz ohne Liebe macht beliebig.
Wissen ohne Liebe macht überheblich.
Reichtum ohne Liebe macht geizig.
Dienst ohne Liebe macht hartherzig.
Nachfolge ohne Liebe macht selbstsicher.
Die linke Seite dieser Liste scheint die ideale christliche
Gemeinde zu beschreiben. In ihr herrschen Glaube, Wahrheit, Gerechtigkeit, Ehre,
Freundlichkeit, Ordnung, Frieden, Toleranz, Katechismuswissen auf hohem Niveau,
gesunde Finanzen, ansprechende Räumlichkeiten, viele ehrenamtliche Mitarbeit und
persönliche Frömmigkeit der Gemeindeglieder. So sehen wir uns vielleicht selbst.
Und so sehen wir uns auch gerne. Aber dann kann es sein, dass jemand von außen
hinzukommt, über gut besuchte Gottesdienste und hohe Kollektenergebnisse, das
schöne Gemeindehaus und die freundliche Begrüßung an der Kirchentür staunt, aber
nach einiger Zeit wegbleibt, ohne vielleicht genau sagen zu können, was ihm da
bei uns nicht gefallen hat.
Natürlich kann so etwas immer viele Gründe haben, die nicht
bei der Gemeinde liegen. Aber wir sollten nicht zu voreilig davon ausgehen, dass
das so ist. Es könnte sein, dass die Mitte fehlt. Die Mitte dieser Liste heißt
jeweils „Liebe". Und dann bliebe auf der rechten Seite der Eindruck einer
Gemeinde, die dogmatisch und fanatisch, menschlich unnahbar, rechthaberisch,
hochmütig, heuchlerisch, kleinlich, hartherzig und selbstsicher wäre.
Liebe Brüder und Schwestern, dann wären wir kalt wie eine
Hundeschnauze.
Dann wären wir, wie es der Evangelist Samuel Keller
gelegentlich nannte, „Leuchtturmchristen", also solche, die eine weitgespannte
Tätigkeit entfalten und ihr Licht in die Ferne senden; aber am Fuß des
Leuchtturms ist es kalt und dunkel.
Man kann die vielen Einzelaspekte, die der Apostel in diesen
wenigen Versen aufzählt, gar nicht in einer einzigen Predigt ausführlich
beleuchten. Aber es hilft schon, einige Gesichtspunkte näher zu betrachten. Z.
B. „Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient
dem Herrn." Diese drei Aussagen gehören zusammen und meinen alle dasselbe.
Ich will das mal an einem Beispiel demonstrieren, mit dem ich
mich vielleicht in die Nesseln setze; ich tue es aber trotzdem:
Wenn ich mir die Gottesdienstbesuchszahlen ansehe und diese
Ziffern mit den Namen des jeweiligen Pastors vergleiche, stelle ich fest, dass
Vertretungsgottesdienste generell deutlich schlechter besucht sind und hierbei
bei bestimmten Vertretungspastoren auch noch besondere Einbrüche festzustellen
sind.
Da lehne ich mich nicht eitel zurück und denke stolz: Die
wollen eben nur mich hören, sondern stelle eher traurig stimmende Vermutungen an
und frage mich, was bei den 40 oder 50, die zu solchen Gottesdiensten dann nicht
erscheinen, sonst eigentlich die Motive sind, den Gottesdienst mitzufeiern. Die
Liebe zu Christus, seinem Wort und Sakrament müsste uns doch zum Loben, Danken
und Anbeten treiben. Die Liebe zur Gemeinde und zur Kirche, die an solchen
Sonntagen etwa auch gegenüber Gästen einen eher trost- und leblosen Eindruck
macht, müsste uns doch stimulieren. Die Liebe zu den anderen Gemeindegliedern,
die natürlich lieber mit einer großen Gemeinde als mit leeren Bänken
Gottesdienst feiern, müsste uns doch bewegen. Die Liebe zu dem Organisten, der
sich vorbereitet, zu den Küstern, die alles für den Gottesdienst bereitmachen,
zu dem Vertreter, der sonntags sehr früh aufsteht und sich auf den Weg macht,
der vielleicht weiß, dass die Predigt nicht seine größte Stärke ist, aber doch
gerne der Gemeinde diesen Dienst tut, das sollten doch die Motive sein.
Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im
Geist und dient nicht euren Erwartungen und Vorstellungen von einem
gottesdienstlichen Event, sondern dient dem Herrn.
Und noch einen zweiten Gesichtspunkt, den der Apostel nennt,
möchte ich aufgreifen:
„Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch
herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug."
Auch diese drei Einzelaussagen gehören zusammen und meinen
dasselbe.
Hohe Dinge – was könnten das heutzutage für Dinge sein?
Ansehen, statistische Größe, Jugend - das sind solche Werte, die man als hohe
Dinge bezeichnen könnte.
Nehmen wir als Beispiel mal die Zachäusgemeinde in Hildesheim,
also unsere direkte Schwestergemeinde, mit der wir in einem Pfarrbezirk zusammen
gehören. Wenn alle Glieder der SELK, die in oder nahe bei Hildesheim wohnen,
sich zu dieser Gemeinde hielten, wäre das ein enormer Impuls für die kleine
Zachäusgemeinde. Aber viele nehmen lieber große Entfernungen in Kauf, um in eine
„richtige Kirche" zu fahren mit einer „richtigen Orgel", als die Gemeinde vor
Ort zu stärken und zu unterstützen. Das wirkt ihnen vielleicht zu sektiererisch,
das könnte meinem Ansehen schaden, wenn ich vor Kollegen oder Bekannten sagen
müsste, dass ich sonntags dorthin gehe. Oder die paar alten Leute singen mir zu
schlecht oder elektronische Orgeln sind grundsätzlich unter meinem Niveau. Da
fahre ich lieber 30 Kilometer und mache die Großen größer und die Reichen
reicher und die Kinderreichen kinderreicher und die Musikalischen musikalischer.
Nach den hohen Dingen trachten – ja, mir ist natürlich auch
manchmal danach. Aber dann mache ich immer wieder die Erfahrung, dass es einen
selbst reich und zufrieden macht und es schließlich gar keine Überwindung mehr
kostet, wenn man sich zu den geringen Dingen herunterhält, wie es Paulus
ausdrückt. Auch da ist für mich selbst die kleine Hildesheimer Gemeinde das
beste Beispiel. Ich gebe zu, dass ich anfangs widerwilligst, unfroh und aus
reiner Pflichterfüllung diese Aufgabe übernommen habe, weil ich sie übernehmen
musste und Widerstand zwecklos war. Und es hat durchaus fast ein Jahr der Übung
gekostet, bis ich eine andere Einstellung dazu gewinnen konnte. Genau genommen
war das eine Einübung in die Liebe. Und das Überraschende war: Man wird nicht
ärmer, sondern reicher und die Zeit, die man aufwendet, ist kein Opfer, das man
bringt und die einem an anderer Stelle dann fehlt und Stress auslöst. Sondern
man kann feststellen, dass man manches bisher getan hat, was nicht dringend
nötig war, dass man einen Teil seiner Zeit wirklich verschwendet hat, weil man
vielleicht darauf bedacht war, Erwartungen wichtiger Leute zu erfüllen und in
deren Ansehen zu steigen oder dass manches von anderen genauso gut oder sogar
besser erledigt werden kann als von einem selbst.
Dieses Einüben in die Liebe, liebe Gemeinde, ist aber dennoch
nötig, weil uns die Liebe von Christus als Gnadengabe geschenkt wurde und nicht
von der Natur als natürliche Eigenschaft. Die Liebe wird nicht vom Instinkt,
sondern vom Glauben gelenkt. Und der Glaube ist nicht ein für allemal und in
Vollendung einfach da, sondern immer auch eine lebenslange, immer wieder neu
einzuübende, zu trainierende Lebensbewegung.
Man sagt von manchen Künstlern: Der ist ein begnadeter
Pianist oder Maler. Aber ohne Übung, ohne Überwindung der eigenen Trägheit und
Unlust, ohne dauerhaftes Einüben nützt die ganze Begnadung nichts. Haltet euch
nicht selbst für klug, sondern werdet klug durch die Einübung in die Liebe.
Das Evangelium, die Verheißung, die tröstliche Zusage, die in
diesen tatsächlich auf den ersten Blick gesetzlich klingenden Worten des
Apostels liegt, muss man sich wirklich dazu denken. Aber sie liegt in der
Erfahrung, die Millionen von Christen vor uns gemacht haben, wenn sie von sich
selbst abgesehen haben, wenn sie selbstvergessen, aus lauter Freude und
Dankbarkeit Christus gegenüber alles, was sie taten, als Christusdienst
begriffen hatten. Die Erfahrung lässt sich in dem Wort Freude zusammenfassen.
Und nicht von ungefähr ist wohl auch deshalb dieser fordernde Abschnitt dem
heutigen Sonntag zugeordnet, der unter dem Thema „Christus, der Freudenmeister"
steht. In dem ist Freude in allem Leide. Durch den wir haben himmlische Gaben.
Und die größte unter ihnen ist die Liebe. Amen.