Predigt
(Pastor Gert Kelter am 3. Sonntag nach Epiphanias 2004)
Das Evangelium zuerst den Juden
Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Die
brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit
Ehrerbietung zuvor. Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im
Geist. Dient dem Herrn. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal,
beharrlich im Gebet. Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.
Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht. Freut euch mit den
Fröhlichen und weint mit den Weinenden.
Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern
haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug. (Römer
12,9-16)
Liebe Brüder und Schwestern,
Einer der Referenten der Studiengemeinschaft Wort und Wissen,
die vor 8 Tagen in den Räumen der Bethlehemsgemeinde ein Tagesseminar zum Thema
„Schöpfung und Evolution" gehalten haben, Dr. Harald Binder, sagte, als es über
die Frage der Entstehung des Lebens auf der Erde zu einer kritischen Diskussion
mit einem Tagungsteilnehmer kam, er sei sich vollkommen der Tatsache bewusst,
dass er sich vor Wissenschafts-Kollegen oder Studenten, vor denen er ähnliche
Referate hält, lächerlich macht.
Ein promovierter Chemiker, der im ganz normalen universitären
Hochschulbereich an einem Forschungsprojekt über Bernstein arbeitet, nimmt es
also bewusst in Kauf, sich in der Fachwelt lächerlich zu machen, weil für ihn –
gegen alle derzeitigen Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung - die
Aussagen der Bibel, also das Wort Gottes, mehr zählt und einen höheren Rang für
ihn einnimmt.
Ganz unabhängig davon, dass ich selbst Dr. Binder in der
konkreten Ansicht, um die es da ging, nämlich dass die Erde erst wenige tausend
Jahre alt sei und dies vom Wortlaut des Schöpfungsberichtes her so zu glauben
sei, nicht teile und denke, dass man als schrift- und bekenntnistreuer Christ
hier auf der Grundlage der Hl. Schrift auch zu anderen Ansichten gelangen kann,
hat mich diese klare Haltung tief beeindruckt: Da stellt sich ein moderner und
auch gar nicht weltfremd wirkender Naturwissenschaftler vor die Fachwelt und
bekennt: Für mich ist das Wort Gottes grundsätzlich und prinzipiell
verbindlicher als die Grundsätze der Naturwissenschaft. Der Mann hat meine volle
Hochachtung und ich frage mich selbst, ob ich als Pastor und Theologe im
Gespräch mit Nichtchristen eigentlich so kompromisslos bereit bin, mich
öffentlich der Lächerlichkeit preiszugeben oder ob ich nicht doch der Versuchung
nachgebe, zu glätten, bestimmte Dinge lieber nicht laut zu sagen und meine
Meinung für mich zu behalten.
Die entscheidende Frage ist dabei, und hier hilft uns der
Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom weiter, was das richtige
Motiv ist, sich des Evangeliums nicht zu schämen und es um den Preis, für
lächerlich gehalten zu werden, öffentlich zur Zeit und vor allem zur Unzeit zu
bekennen.
Paulus schreibt dazu: „Ich bin ein Schuldner der Griechen und
der Nichtgriechen, der Weisen und der Nichtweisen; darum, soviel
an mir liegt, bin ich willens, auch euch in Rom das Evangelium zu predigen."
Es gibt ja durchaus eine Motivation, einen Antrieb zum
öffentlichen Bekenntnis des Evangeliums, der darin begründet ist, dass man meint,
ich sei vor Gott dazu verpflichtet. Und zwar nicht nur in einem allgemeinen
Sinne, sondern sehr konkret: Ich ziehe mir den Zorn, den Unmut Gottes zu, ich
sündige im Grunde genommen, wenn ich jetzt meinen Mund nicht auftue, wenn ich
nicht mit jeder Faser meines Daseins in allen Lebenslagen widerspreche und
Gottes Wort bezeuge. Der Antrieb ist hierbei teilweise der Gehorsam, zu dem wir
als Christen tatsächlich auch verpflichtet sind. Teilweise ist es aber auch die
Angst vor Zorn und Strafe, oder vielleicht auch nur eine äußerliche Haltung
preußischen Pflichtbewusstseins, die einen dazu treibt. Und bei solcher
Motivlage schleicht sich dann auch schnell die Erwartung göttlichen Lohnes für
seinen Bekennermut ein.
Paulus sagt dagegen: Ich bezeuge das Evangelium nicht als
Schuldner Gottes, sondern als Schuldner der Griechen und Nichtgriechen, der
Weisen und Nichtweisen. Ich, der ich selbst mein Heil, meinen Frieden, meine
Erfüllung und meinen Sinn in Christus gefunden habe, bin es einfach den Menschen
schuldig, ihnen das Evangelium zu bezeugen. Und zwar allen Menschen, ganz egal,
ob es sich dabei um hochgebildete und kultivierte oder sehr einfach gestrickte
und ungebildete Menschen handelt. Und ich tue das nicht, weil ich mir davon
göttliche Belobigung erhoffe, sondern weil ich nicht anders kann; weil ich es
nicht mit ansehen kann, wie die vielen Menschen um mich herum in Schuld,
Ausweglosigkeit, Sinnlosigkeit, Verkehrtheit, Not und Tod versinken.
Merkt ihr, liebe Brüder und Schwestern, dass das ein
Unterschied ist?
Da will nicht einer Recht haben und andere ins Unrecht
setzen. Da redet einer aus Liebe, die ihn dazu drängt.
Die Liebe war schon vergangenen Sonntag ein zentraler
Begriff. Und das ist auch kein Wunder in der Epiphaniaszeit, in der es doch um
die Ausbreitung, das Offenbarwerden des fleischgewordenen Wortes Gottes vor
allen Völkern, also um das geht, was man Evangelisation und Mission nennt. Es
gibt viele unlautere Motive für Evangelisation und Mission. Rechthaberei,
Streitlust, Angst vor Strafe, äußere Pflichterfüllung, Erwartung von Lohn und
Lob – all das können Triebkräfte missionarisch-evangelistischer Aktivität sein.
Sogar sehr mutiger und beeindruckender Bezeugungen des Evangeliums. Aber nur die
‚Liebe ohne Falsch’, wie es im Predigtabschnitt des letzten Sonntags hieß, nur
die ungeheuchelte Liebe wird auch zum Ziel gelangen.
Ich möchte euch, und nicht nur, weil das ein guter Übergang
zum folgenden Vers ist, ein Beispiel aus unserem Pfarrbezirk nennen, von dem ich
gar nicht weiß, ob vielen dies überhaupt bekannt ist: Ein junger Mann aus der
Bethlehemsgemeinde, ich nenne auch seinen Namen: Dietmar Haaß, weil ich denke,
dass er sich des Evangeliums auch nicht schämt und nichts dagegen hat, ist vor
einiger Zeit für unbestimmte Dauer, sozusagen mit einem One-way-ticket, nach
Israel gereist. Er hat hier wirklich seine Zelte abgebrochen, seine
Arbeitsstelle gekündigt, lebt jetzt im Heiligen Land und gehört dort zu einer
judenchristlichen, einer messianischen Gemeinde. Er ist dabei einer Berufung
gefolgt, die sicherlich vielen von uns nicht nachvollziehbar und damit fremd
ist. Er selbst wusste nicht genau, ob er dort missionarisch unter den Juden
wirken sollte oder ob der Schwerpunkt bei der Versöhnung mit Israel, also
zwischen Christen und Juden, zwischen Deutschen und Israelis liegen würde. Nach
so kurzer Zeit ist das wohl auch noch nicht genau zu sagen. Aber das Motiv
seines Entschlusses ist die Liebe zu Israel, dem Volk Jesu Christi, dem
auserwählten Gottesvolk und die Überzeugung, dass das Evangelium von Jesus
Christus eine Kraft Gottes ist, die selig macht alle, die daran glauben, die
Juden zuerst und ebenso die Griechen. Und genau das sagt der Apostel Paulus, der
an anderer Stelle schreibt, er würde sogar seine eigene Seligkeit, also nicht
nur sein irdisches, sondern sogar sein ewiges Leben dafür hergeben, wenn sein
Volk Israel Christus im Glauben als Messias und Erlöser anerkennen würde.
Diese Bereitschaft zur völligen Selbstaufopferung aus Liebe
ist sein Motiv dafür, überall und immer wieder zuerst in die Synagogen zu gehen,
zuerst den Juden das Evangelium zu predigen.
Bevor ich fortfahre: Ich möchte euch herzlich bitten, diesen
Lebensdienst von Dietmar Haaß in eure Fürbitte aufzunehmen und Gott darum zu
bitten, dass er ihn segnet und ihn dem Volk Israel und der Kirche in Israel zum
Segen setzt. Ich würde ihm das sehr gerne bei Gelegenheit auch einmal mitteilen,
dass bei uns für ihn gebetet wird, weil er so schnell aus Deutschland
verschwand, dass ich keine Möglichkeit mehr hatte, ihn auch im Gottesdienst für
diesen Lebensabschnitt zu segnen.
Der Apostel Paulus, selbst ein geborener Jude, wie auch unser
Herr Jesus Christus ein geborener Jude war, sagt: Das Evangelium ist eine Kraft
Gottes, die alle, die daran glauben selig macht, und zwar zuerst die Juden.
Liebe Brüder und Schwestern, es gab in der frühesten
Kirchengeschichte einen Irrlehrer namens Marcion, der die erste christliche
Sekte begründet hat. Dieser Marcion lehnte das Alte Testament strikt ab und
schrieb auch das Neue Testament um, indem er alles, was an Israel und Judentum
erinnerte, einfach auslöschte.
An unserer Bibelstelle strich Marcion das Wort „zuerst".
Zuerst die Juden soll das Evangelium selig machen. Damit hatte der alte Ketzer
und Judenhasser Marcion besser begriffen als mancher unserer modernen
Leisetreter, die behaupten, nach Auschwitz dürfe man doch keine Judenmission
mehr betreiben, dass der Apostel Paulus an dieser Stelle ganz klar sagen will:
Den Juden gilt das Evangelium grundsätzlich und immer zuerst. Paulus wollte ja
nicht, was auch unsinnig gewesen wäre, mit seinem Satz beschreiben, dass rein
vom zeitlichen Ablauf her zuerst den Juden das Evangelium verkündigt worden ist,
und danach, als sie es nicht angenommen hatten, die Heidenvölker in den Blick
kamen. Das weiß jeder. Das muss nicht ausdrücklich gesagt werden. Nein, Paulus
legt hier eine prinzipielle Rangfolge der Mission fest und sagt: Immer und für
alle Zeiten gilt das Evangelium den Juden zuerst und erst dann den
Heiden.
Wenn man sich daraufhin die Missionsgeschichte ansieht, muss
man ziemlich betroffen feststellen: Die nachapostolische Kirche hat diesen
Grundsatz ganz schnell aufgegeben. Entweder, weil sie die Juden des Evangeliums
nicht für würdig erachteten, also aus einer antijüdischen Haltung, oder –das ist
die moderne Variante-, weil sie den Juden einen eigenen Heilsweg ohne Christus
zuspricht.
Wenn überhaupt, ist der Impuls zur Judenmission aber -
vielleicht überraschenderweise - vom Boden der lutherischen Kirche ausgegangen.
Auch wenn man Luther heute zu unrecht nachsagt, er sei einer der frühen
Antisemiten gewesen: Für ihn galt das Wort des Apostels Paulus. Er glühte vor
Eifer und Leidenschaft, wenn es darum ging, den Juden das Evangelium zu bezeugen
und er war geistlich verzweifelt, als sich seine Hoffnung auf eine schnelle und
massenweise Bekehrung der Juden nicht erfüllte. Nur so sind seine späteren,
allerdings auch nicht entschuldbaren Äußerungen gegen die Juden zu verstehen.
Und die späteren Judenmissionswerke sind verbunden mit lutherischen Namen wie
Spener, Callenberg, der lutherischen Mission für Deutschland in Dresden und
nicht zuletzt aus dem Raum der freien lutherischen Kirchen der Name des Pfarrers
Saul und seine Judenmission in Balhorn.
Liebe Gemeinde: Heute in Wort oder gar Tat für Israel und vor
allem für das Anliegen der Judenmission einzutreten, ist tatsächlich wieder ein
Grund sich zu schämen. Man hat dann mit scharfen Angriffen zu rechnen. Moderne
Israelis und moderne christliche Theologen schwingen dann sehr schnell die Keule
des Antisemitismus-Vorwurfes.
Aber dagegen ist immun, wer dem Wort des Apostels Paulus in
der Heiligen Schrift treu bleibt und mit ihm sagt: „Ich schäme mich des
Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes selig zu machen alle, die daran
glauben, die Juden zuerst."
Warum aber ist das für uns heutige Christen und für die
Kirche überhaupt von so großer Bedeutung? Weil wir damit bezeugen, dass Gott
nicht wortbrüchig geworden ist. Weil wir damit eben nicht sagen, die
Kirche sei das neue Israel und die Juden sind verworfen und verdammt. Weil wir
damit bekennen, dass Gott seinen Bund mit dem Volk Israel nicht rückgängig
gemacht hat, sondern dass ER treu und zuverlässig daran festhält. Einen
besonderen Heilsweg für Israel gibt es freilich nicht. Heil, Erlösung und
Rettung ist nur in dem einen Namen Jesus Christus. Das Neue Testament,
der neue Bund, ist kein Ersatz für den alten, sondern dessen Erfüllung und Ziel.
Gottes Treue, die Zuverlässigkeit seines Wortes, seine
absolute Verlässlichkeit und in all dem seine Liebe zu den Menschen, die er
erschaffen hat und die er auch erlösen will, wird darin bekannt und bezeugt.
Die gilt zuerst den Juden und ebenso auch den Griechen, den
Heiden, den Völkern und also uns. Den Unterschied gilt es aber festzuhalten:
Gott hat Israel als Volk erwählt, uns hat er als Einzelne aus den
Völkern erwählt. Aber allen gilt: Im Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes
offenbart, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben und führt zum Glauben und
besteht im Glauben an Jesus Christus, die menschgewordene Gnade und Liebe
Gottes."
Nicht das Gesetz ist eine Kraft Gottes, die selig macht,
sondern das Evangelium. Für das Israel nach dem Fleisch und für das Israel, das
aus dem Geist erzeuget ward, wie wir es gleich singen werden.- Christus ist
allein der gute Hirt, der Israel erlösen wird. Amen.