Predigt
(Pastor Gert Kelter am Karfreitag 2004)
Gott versöhnt die Welt mit sich selbst
Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete
ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der
Versöhnung.
So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so
bitten wir nun an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott!
Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, damit
wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt. (2. Korinther 5,19-21)
Liebe Brüder und Schwestern,
wenn ein Mörder für 15 Jahren im Gefängnis verschwindet, muß
er sich darüber im Klaren sein, daß es drei Gründe für seine Strafe gibt:
1. Die Bevölkerung soll vor ihm geschützt werden. 2.
Potentielle Mörder sollen dadurch abgeschreckt werden, und 3. soll er selbst im
Gefängnis wieder gesellschaftsfähig gemacht, resozialisiert werden, also in
einem Sinne umerzogen, daß er wieder ein vollwertiges Mitglied der
nichtkriminellen Gesellschaft wird.
Bei diesen drei allgemein anerkannten Grundsätzen der Justiz,
Schutz, Abschreckung und Resozialisierung, fehlt ein Aspekt völlig: Das
ist der Sühnegedanke.
Und diesen Gedanken vermissen vor allem natürlich die Opfer
der Täter oder, wenn es um Mord geht, die Angehörigen der getöteten Opfer.
Was heißt „Sühne"? Im Wörterbuch findet sich die Umschreibung
„Wiedergutmachung", wobei das im Falle eines Mordes natürlich im landläufigen
Sinne nicht möglich wäre. Und dann folgt noch ein Hinweis auf die sprachliche
Verwandtschaft von „Sühne" mit dem Begriff „Versöhnung". „Christ ist erschienen,
uns zu versühnen", singen wir noch in der alten Fassung von „O du fröhliche".
Versöhnung hat also etwas mit Sühne zu tun und es scheint so
zu sein, daß echte Versöhnung zwischen Täter und Opfer die Sühne des Täters
voraussetzt.
Versöhnung ist also in diesem ursprünglichen Sinn nicht die
Übereinkunft zweier gleichberechtigter Personen, die sich „vertragen", also als
Vertragspartner einen Vertrag abschließen, der gewisse Streitigkeiten
einvernehmlich regelt. Versöhnung in diesem ursprünglichen Sinn ist überhaupt
keine Rechtsübereinkunft, sondern die tatsächliche Schaffung einer neuen
Situation dadurch, daß einer Sühne leistet und ein Ungleichgewicht zum Ausgleich
bringt.
Wenn man so will, stimmt die Wörterbuch-Umschreibung durch „Wiedergutmachung",
denn Versöhnung müßte dann eine wirkliche Wieder-Gutmachung einer schlimmen
Situation durch entsprechende Sühneleistung sein.
Der heutige Gefangene müßte, wenn er sehr tiefsinnig über
seine Situation nachdenkt, eigentlich zu der Erkenntnis gelangen: Man nimmt mich
von Seiten der Justiz als Täter überhaupt nicht ernst. Die Gesellschaft soll
erst vor mir geschützt werden, andere sollen durch mein Beispiel von ähnlichen
Taten abgeschreckt werden und dann soll ich umerzogen werden, um wieder ein
funktionierendes Mitglied der Gesellschaft zu werden. Aber wo bleibe ich als
Täter, als Mörder? Wo nimmt man mich mit meiner Schuld eigentlich ernst?
Es gibt Systeme, auch in demokratischen Strukturen, die den
Sühnegedanken noch ernst nehmen und darum bei Mord die Todesstrafe vorsehen. Das
Problem hierbei ist, daß ein solches System eine unfehlbare Justiz voraussetzt
und auch wirklich erfordert. Denn ein Justizirrtum mit der Folge der vollzogenen
Todesstrafe könnte wiederum nur gesühnt werden, wenn die irrenden Richter und
Staatsanwälte, sowie die falschen Zeugen ebenfalls hingerichtet würden. Und da
verbirgt sich schon wieder die Möglichkeit eines Irrtums, so daß die Kette von
Verbrechen und Sühne, von Gewalt und Sühne nicht abreißen würde. So bitter es
manchmal ist: Die Todesstrafe wird letztlich auch dem Sühnegedanken nicht
gerecht.
Gott nimmt uns Menschen als Verbrecher gegen die Göttlichkeit
todernst. Er fordert Sühne. Er entmündigt uns nicht, um uns gegen unseren Willen
in seinem Sinne umzuerziehen, sondern läßt uns unsere Freiheit, auch unsere
Freiheit, ihn zu ignorieren, gegen ihn zu rebellieren.
Er statuiert auch nicht nur ein Exempel zur Abschreckung,
weil er weiß, daß die Bestrafung des einen bei den anderen Kriminellen nur die
Meinung verstärkt, es gehe also nur darum, sich nicht erwischen zu lassen.
Gott fordert Sühne und läßt sie auch geschehen.
Er sieht nicht einfach nur über unsere Sünde hinweg, erklärt
sie per Dekret für unwichtig und streicht sie aus dem Sündenregister. Das hieße
auch: Die Menschen als Sünder, sich selbst als gerechten und Gerechtigkeit
fordernden Gott und die Sünde als Ursache des Unheils und des Todes nicht ernst
zu nehmen.
Der Freispruch Gottes ist nicht der Amnestieerlaß eines
Herrschers, der seine Großzügigkeit darin erweist, daß er überführte Verbrecher
straffrei entläßt.
Der Freispruch Gottes hat einen Grund, ist eine Entlassung in
die begründete Freiheit. Und das ist ein gewaltiger Unterschied.
Der Apostel Paulus schreibt: <Gott hat den, der von keiner
Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht.>
Das muß man einmal wörtlich nehmen und sich als Bild vor
Augen führen: Jesus Christus hat demnach nicht nur stellvertretend für unsere
Sünden die Todesstrafe auf sich genommen, die wir eigentlich verdient hätten,
sondern er selbst ist von Gott zur Sünde gemacht worden. Und jetzt unsere Sünde,
jetzt die Sünde der Welt selbst am Kreuz. Jetzt wird meine Sünde dort am Kreuz
gefoltert, geschlagen, verspottet, angespuckt, durchbohrt und am Ende getötet.
Und dann ist meine Sünde und die Sünde der Welt tot. Dann gibt es sie nicht mehr.
So drastisch will der Apostel Paulus die Kreuzigung Jesu Christi verstanden
wissen: Da wurde meine Sünde gekreuzigt und getötet, weil Gott seinen Sohn Jesus
Christus für uns zur Sünde gemacht hat.
Liebe Gemeinde, man hört und sagt vielleicht auch manchmal
diesen durchaus richtigen und hilfreichen Satz: Gott liebt den Sünder aber er
haßt die Sünde. Paulus erklärt uns, wie das zu verstehen ist: Gott hat demnach
nicht eigentlich seinen Sohn stellvertretend für uns Menschen ans Kreuz nageln
und töten lassen, denn uns Menschen und seinen eingeborenen, geliebten Sohn
liebt er ja. Sondern er hat Christus für uns zur Sünde gemacht, zur Sünde, die
er abgrundtief haßt und diese Sünde, die er haßt, die hat er getötet und
vernichtet.
Mit menschlicher Logik hat das nicht viel zu tun. Man kann
die Sünde des Mordes nicht aus dem Mörder herausoperieren, um dann diese Sünde
zu bestrafen oder zu töten und den Mörder dadurch davon zu befreien und ihn
wieder zu einem Nicht-Mörder zu machen.
Aber über die göttliche Logik läßt uns der Apostel nicht im
Unklaren, wenn er schreibt: <Denn Gott war in Christus und versöhnte, besser:
versühnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und
hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versühnung.>
Gott kann diese menschenunmögliche Operation also
gewissermaßen an uns durchführen. Er selbst ist in Christus, also mit Christus
identisch und eins. Und diesen Christus macht er für uns zur Sünde und sühnt
sie, indem er sie tötet und vernichtet.
„Übrig bleiben" nach diesem göttlichen Operations-Prozeß
sozusagen Menschen, deren Sünde von Gott selbst gesühnt, getötet und vernichtet
wurde; Menschen, die nun frei sind von der Sünde, die Gott ihnen nicht mehr
zurechnet, weil er sie vernichtet hat.
Dieses Wort von der Versühnung ist nun <aufgerichtet>. Im
Griechischen steht für den Begriff, den Luther mit ‚aufrichten’ übersetzt, das
harmlos wirkende Wort „setzen, stellen, legen". Aber es gibt eine Reihe von
Stellen im Neuen Testament, aus denen deutlich wird, daß dieses Wort, wenn es
von Gott ausgesagt wird, soviel wie „schöpferisch einrichten" bedeutet. Zum
Beispiel: Gott hat die Zeiten eingerichtet, also Tag und Nacht, Sommer und
Winter, Frost und Hitze, Saat und Ernte. Das sind schöpferische Ordnungen
Gottes. Oder auch: Gott hat die Glieder des Körpers eingerichtet. Darüber läßt
sich nicht diskutieren. Das hat Gott so geschaffen und geordnet. Und wer sich
innerhalb dieser Ordnungen bewegt, wer die Schöpfungsordnungen achtet und für
sich annimmt, wer den Tag nicht zur Nacht oder die Nacht zum Tag macht, wer in
die Umwelt nicht so eingreift, daß die Ordnungen Gottes dadurch zerstört werden,
der lebt im Frieden und gesund.
Und nun hat Gott also die Versöhnung aufgerichtet als eine
neue und ewige Ordnung. Gott, der Erlöser ist zugleich Gott, der Schöpfer. Durch
die Erlösung hat er der Schöpfung eine neue Ordnung gegeben.
Wir Menschen sind dadurch nicht entmündigt. Genauso, wie wir
die Ordnungen der Natur ignorieren, zerstören und durchbrechen können, können
wir das auch mit der Ordnung der Erlösung und Versöhnung.
Die vernichtete Sünde, die eigentlich über uns gar keine
Macht mehr hat, und von der wir befreit worden sind, können wir eigenmächtig
wieder annehmen, wieder in die Todesordnung der alten und vergehenden Schöpfung
eintreten.
Aber Gott will das nicht. Paulus ist dafür Zeuge, wenn er
schreibt: <So sind wir nun Botschafter, Gesandte, anstelle Christi, denn Gott
ermahnt die Menschen durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: laßt euch
versöhnen mit Gott.>
Es gibt gar nicht wenige Ausleger, die behaupten, man könne
an die Stelle dieses apostolischen „wir" immer auch „alle Christen" setzen. Wer
das mal versucht, etwa im Römerbrief oder auch in den Korintherbriefen, wird
schnell merken, wie absurd das dann klingt. Nein, der Apostel meint schon, was
er sagt, nämlich, daß es einen von Gott gesetzten besonderen Dienst gibt, der an
Christi Statt die Versöhnung Gottes anbietet und denen auch austeilt, die sie
nicht zurückweisen.
In gewisser Weise kann man natürlich sagen: Jeder Deutsche
ist irgendwie immer auch ein Botschafter seines Landes im Ausland. Und so
verstanden ist jeder Christ ein Botschafter an Christi Statt, der bittet: Laßt
euch versöhnen mit Gott.
Aber nicht jeder Deutsche schließt im Namen der
Bundesrepublik Deutschland verbindliche Verträge mit anderen Ländern oder dürfte
sie wirksam unterschreiben. Wir hätten dann vermutlich viele Kriegserklärungen
und wenig Friedensverträge, wenn das so wäre.
Der Dienst der apostolischen Botschafter an Christi Statt
zeichnet sich dadurch aus, daß diese Gesandten im Auftrag und Namen Christi
bitten. Obwohl sie den allmächtigen Gott vertreten, üben sie also keine
Zwang und keine Gewalt aus, sondern sie bitten: Laßt euch versöhnen mit Gott!
Schlagt die Versöhnung nicht aus, die Gott wirksam in Kraft
gesetzt hat, heißt das.- Da wird also kein Vertrag ausgehandelt, in den die
Menschen dann einwilligen könnten, nachdem ihre Forderungen und Bedingungen
eingearbeitet wurden.
Laßt euch versöhnen heißt: Erkennt im Glauben, im Vertrauen
und auch im Gehorsam an, das Gott eine neue Ordnung in der Welt aufgerichtet
hat, nachdem er die Sünde vernichtet hat, damit ihr leben könnt.
Das, liebe Brüder und Schwestern bedeutet „Sühne". Es ist
etwas von Gott wirklich und wirksam wieder gut gemacht worden, was wir aus uns
heraus nicht wieder gut machen könnten.
So ist das Wort vom Kreuz dasselbe wie das Wort von der
Versöhnung. Denn am Kreuz hat Gott die Welt mit sich versühnt.
„Christ ist erschienen, uns zu versühnen, freue dich o
Christenheit!" Oder, wie es in einem alten Karfreitagshymnus heißt:
„Dein Kreuz, o Herr, verehren wir, und deine heilige
Auferstehung preisen und rühmen wir: Denn siehe, durch das Holz des Kreuzes kam
Freude in alle Welt."
Amen.