Predigt
(Pastor Gert Kelter am Letzten Sonntag nach Epiphanias 2004:
Darstellung des Herrn / Mariä Lichtmess)
Christus - wahrer Mensch
Weil nun die Kinder von Fleisch und Blut sind, hat auch er's gleichermaßen
angenommen, damit er durch seinen Tod die Macht nähme dem, der Gewalt über den
Tod hatte, nämlich dem Teufel,
und die erlöste, die durch Furcht vor dem Tod im ganzen Leben Knechte sein
mussten.
Denn er nimmt sich nicht der Engel an, sondern der Kinder Abrahams nimmt er sich
an.
Daher musste er in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er barmherzig würde
und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu sühnen die Sünden des Volkes. Denn
worin er selber gelitten hat und versucht worden ist, kann er helfen denen, die
versucht werden. (Hebräer 2,14- 18)
Liebe Brüder und Schwestern,
Der letzte Sonntag nach Epiphanias wird immer gefeiert,
ganz gleich, ob es in einem Jahr nur einen oder fünf Sonntage nach dem
Epiphaniasfest gibt. Das Evangelium berichtet von der Verklärung Jesu vor den
Augen der Apostel Petrus, Jakobus und Johannes, von der es heißt, dass Jesu
Angesicht wie die Sonne leuchtete und seine Kleider weiß wie das Licht wurden.
Verklärung hat also etwas mit Sonne und Licht zu tun und meint ja auch soviel
wie abschließende Offenbarung und Klärung der Frage, wer Jesus wirklich und
eigentlich ist. Die Stimme Gottes aus der Wolke bringt zusätzlich sozusagen
akustisch Licht in die Sache, wenn es heißt: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem
ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören."
Mit der Verklärung Jesu könnte man die weihnachtliche
Festzeit, die von der Menschwerdung des Wortes in der Geburt Jesu bis zur
öffentlichen Erscheinung Jesu als Christus und Messias aller Völker reicht, für
abgeschlossen halten.
Aber, und deshalb hat sich wohl mancherorts die Sitte
erhalten, die Weihnachtsbäume bis zum 2. Februar noch stehen zu lassen, die
sogenannte Darstellung Jesu im Tempel bringt noch einen letzten, aber ganz
bedeutenden Aspekt der Menschwerdung Gottes hinzu, bildet damit gleichermaßen
den Auftakt zu dem nun beginnenden irdischen, menschlichen Leben Jesu.
Mariä Lichtmess nennt man diesen Tag übrigens deshalb, weil
nach den ältesten Berichten der frommen Pilgerin Ätheria dieses Fest - damals
noch das einzige Geburtsfest Christi - von den Christen in Jerusalem mit
Lichterprozessionen begangen wurde.
Worum geht es?
Nach dem Gesetz mussten jüdische Frauen 40 Tage nach einer
Geburt eines Sohnes dem Tempel fern- und zuhause bleiben. Nach der Geburt eines
Mädchens erhöhte sich diese Zeit sogar noch auf zwei Wochen und 66 Tage.
Offenbar, und für uns kaum nachvollziehbar, verunreinigt die Geburt eines
Mädchens kultisch noch stärker als die eines Jungen. Der blutige Vorgang einer
Geburt hatte sie unrein gemacht und erst nach Ablauf einer Reinigungszeit und
der Darbringung eines Reinigungsopfers war es den Frauen wieder gestattet,
Heiliges zu berühren und das Heiligtum zu betreten.
Aus diesen wirklich sehr alttestamentlichen und archaischen
Vorschriften hat sich übrigens auch in unserer Kirche noch bis tief ins 20.
Jahrhundert der Brauch erhalten, dass Mütter erst nach der Zeit des sog.
Wochenbettes, und das sind ziemlich genau die erwähnten 40 Tage, wieder am
Gottesdienst teilnahmen und ihren sog. „ersten fröhlichen Kirchgang" hatten, der
sogar in den Abkündigungen eigens erwähnt wurde. Damit hängt auch die früher
deshalb auch „Muttersegen" genannte Segnung nach der Taufe eines Kindes
zusammen, die heute als Eltern- oder Familiensegen mit ganz anderer Bedeutung
immer noch üblich ist. Eine der wesentlichen Aufgaben der Paten bestand darum
auch darin, das neugeborene Kind, das meist schon am Tag seiner Geburt oder
wenigsten sehr kurz danach getauft wurde, „über die Taufe zu halten", wie man
sagte, weil die Mütter eben noch nicht wieder zur Kirche kamen und kommen
durften.
Maria und Josef, die Eltern Jesu, bringen also nach der
vorgeschriebenen Zeit ihren Sohn in den Tempel und opfern die vorgeschriebenen
Reinigungsopfer als Sühneopfer. Mit diesem Schritt wird folgendes deutlich: Es
bedeutet das Heraustreten bzw. ‚Herausgetretenwerden’ des Kindes Jesus
aus der engsten Unmittelbarkeit der ersten Lebenstage in fast ausschließlichem
Kontakt mit der Mutter. Die Darstellung Jesu in der Öffentlichkeit des Tempels
ist auch eine Form der Preisgabe in der Öffentlichkeit. Die Zeit des absoluten
Mutterschutzes ist damit nicht nur für die Mutter, sondern eben auch für das
Kind vorbei. Das Leben dieses neugeborenen Menschen tritt damit ein in die
Öffentlichkeit der Menschheit. Und noch etwas: Die erste öffentliche Handlung,
die im Zusammenhang mit der Geburt Jesu, wie jedes jüdischen Knaben, erfolgt,
ist die Unterwerfung unter das Gesetz des Mose: Es wird ein Sühnopfer
dargebracht. Erst dann beginnt das Menschleben. Der Bibelspruch aus Galater 4,
der auch dem 2. Februar zugeordnet ist, lautet darum auch: „Als die Zeit erfüllt
war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz
getan." (Gal 4,4)
Das alles unterstreicht den Glaubenssatz der Kirche: Christus
ist wahrer Mensch.
Dass Christus wahrer Gott sei, dass er nur einen Scheinleib
besessen hat, dass Gott sozusagen wie die Götter der Antike vorübergehend auf
Erden wandelt und die Gestalt eines Menschen annimmt, dass er also auch nur
scheinbar gelitten hat und gestorben ist und also auch nicht leibhaft
auferstanden ist, weil er, Gott, ja nicht leibhaft unseren menschlichen Tod
gestorben ist, das gehörte zum religiösen Standardrepertoire des Altertums und
das glaubten auch viele von Jesus Christus.
Um die Auseinandersetzung mit diesem frommen Irrtum geht es
in einer Reihe von apostolischen Briefen und unter anderem auch im Hebräerbrief.
Die Christen müssen wissen, dass der christliche Glaube keine philosophische
Idee ist, sondern sagt: Gott ist wahrer Mensch geworden. Er hat unser Fleisch
und Blut angenommen, hat unser Leben gelebt, und zwar mit allen Konsequenzen und
bis in die tiefsten Abgründe hinein, er ist unseren Tod gestorben und auferweckt
worden, damit auch uns die Auferstehung des Fleisches zuteil wird.
Warum ist die Betonung der wahren Menschheit Jesu so wichtig?
Die Frage stellt sich schon deshalb, weil ja heute, ganz anders als bei den
Empfängern des Hebräerbriefes, an der wahren Menschheit Jesu nicht gezweifelt
wird. Im Gegenteil: Jesus Christus wird häufig auf sein Menschsein reduziert. Er
war eben auch nur ein Mensch, wenn auch ein sehr frommer, sehr mit Gott
verbundener, sehr erleuchteter, sehr vorbildlicher Mensch, aber doch nicht
mehr. Und am Ende hat das Böse über die Liebe gesiegt.
Für den Verfasser des Hebräerbriefes steht etwas ganz anderes
im Vordergrund: 1. Ein Mittler des Heils, ein echter Hoherpriester, der sich
selbst für die Schuld der Menschen aus Fleisch und Blut zum Opfer bringt, muss
selbst ein wirklicher Mensch von Fleisch und Blut sein, muss die Menschheit in
sich vereinigen. Sonst wäre das Opfer kein Opfer, sondern nur eine
Symbolhandlung. Ein wirklicher Mensch braucht zum Leben das tägliche Brot, hat
Hunger und Durst, kann müde und traurig werden.
Weil nun 2. der Mensch leidensfähig ist und das bewusste
Leidenkönnen zum Menschsein gehört, darum kann auch Christus nur als der
leidende Gottesknecht sein priesterliches Amt erfüllen.
Weil 3. weiter die Versuchung eine wesentliche Form des
Leidens ist und umgekehrt das Leiden auch eine Quelle der Versuchung ist, darum
musste Christus im Sinne einer göttlichen Notwendigkeit auch versucht werden wie
wir. Und zwar in allem, ausnahmslos und in der größten denkbaren Schärfe und
tiefsten Unerbittlichkeit.
Weil schließlich 4. der Tod der Gipfelpunkt des Leidens ist,
das zum Menschsein gehört, nicht nur der Augenblick des Sterbens, sondern vor
allem das Bewusstsein sterben zu müssen, die Angst davor und das Grauen
drumherum, das uns ja von Tieren so maßgeblich unterscheidet, musste Christus
auch getötet werden.
Das sind die vier Folgen aus der Menschwerdung Gottes, aus
denen erst deutlich wird, was es heißt: Christus ist wahrer Mensch.
Darum heißt es im Hebräerbrief auch: Christus nimmt sich
nicht der Engel an, sondern der Kinder Abrahams. Denn auf die Engel trifft kein
einziges der vier genannten Kriterien für wahres Menschsein zu. Sie sind wohl
Geschöpfe Gottes, geschaffene und nicht göttliche oder gottgleiche Wesen. Das
haben sie mit uns gemeinsam. Aber sie sind keine Menschen, sie haben keine
menschlichen Bedürfnisse, sie müssen nicht leiden, nicht in der Versuchung
leiden und nicht sterben.
Aber nur auf diesem schweren, aber eben auch ganz
herkömmlichen Menschenweg erlangt der Hohepriester Christus die Barmherzigkeit,
die nicht aus dem Mitleid, sondern aus dem Mit-Leiden kommt. Das ist ein
erheblicher Unterschied. Mitleid kann bekanntlich von dem sprichwörtlichen „hohen
Ross" haben, ohne selbst betroffen zu sein. Aber Christus sitzt nicht auf einem
hohen Ross, sondern auf einem Esel, um im Bild zu bleiben. Er kennt, was wir
kennen, weiß, was wir wissen, leidet, was wir leiden. Er hilft uns, worin er
selbst gelitten und worin er selbst versucht worden ist. Und hiervon heißt es:
In allem. Ausnahmslos.
Und doch ist Jesus der einzige wahre Mensch, der zwar in
allem versucht wurde wie wir, aber darin ohne Sünde geblieben ist. Das macht ihn
zum wahren Hohenpriester und unterscheidet ihn von allen menschlichen
Hohenpriestern, dass er selbst ohne Sünde ist, dass er also zugleich ganz auf
der Seite der Menschen und ganz auf der Seite Gottes ist. So wird er zum
Mittler. So wird sein Lebensopfer ein ganz und gar reines und vollkommenes und
makelloses Opfer. So kann Christus als wahrer Mensch für die Sünde der
Menschheit sterben und damit ein Opfer bringen, dass wirklich den Ausgleich, den
Frieden, die Versöhnung schafft.
Liebe Gemeinde, der hohepriesterliche Dienst Jesu Christi ist
ein ganz und gar seelsorglicher Dienst. Denn der, der ihn tut, kennt die, für
die er diesen Dienst tut, weil er selbst Mensch geworden ist.
Luther konnte sagen, dass wir Christen auch füreinander zum
Christus werden sollen, also in den hohepriesterlichen Dienst Christi eintreten
sollen.
Damit wollte er nicht andeuten, dass ein Mensch dem anderen
sein Leben als Opfer für dessen Sünden darbringen kann, aber doch, dass ein
Mensch einem anderen nur dann wirklich helfen kann, wenn die Christen
untereinander zu Brüdern und Schwestern werden, die leiden, wenn andere leiden
und sich freuen, wenn sich andere freuen. Nur so kann aus distanziertem Mitleid
echte Barmherzigkeit werden.
Wer das geistlich verstanden hat, der wird das Bekenntnis zur
wahren Menschheit Jesu nicht im Sinne einer flachen und oberflächlichen Kumpanei
Gottes mit den Menschen verstehen, der wird auch das Bekenntnis zur wahren
Gottheit Jesu nicht als störende Distanzierung empfinden, sondern der wird
staunend den Trost und die Hoffnung seines Lebens aus dem Bekenntnis ziehen: <O
Wunder groß: Marien Schoß hat heut das Heil empfangen. O Wunderfreud: Gott
selbst wird heut ein wahrer Mensch empfangen.< Amen.