Predigt
(Pastor Gert Kelter am Sonntag Exaudi 2004)
Vaterliebe
Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater,
der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf
Erden,
daß er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden
durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, daß Christus durch den
Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet
seid.
So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge
und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle
Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.
Dem aber, der überschwenglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder
verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde und in
Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. (Epheser 3, 14-21)
Liebe Brüder und Schwestern,
das Bild, das wir eben bei der Familiesegnung vor Augen
hatten, eine Mutter, ein Vater, beide miteinander verheiratet und zwei Kinder,
ist ein schon beinahe selten gewordenes Idyll. Immerhin wächst in Deutschland
schon ein Drittel aller Kinder bei ihren alleinerziehenden Müttern auf. Und bei
den anderen zwei Dritteln bedeutet die Tatsache, daß hier Mütter mit Männern
zusammenleben oder verheiratet sind, noch längst nicht, daß diese Männer auch
die leiblichen Väter der in der Familie lebenden Kinder sind. Und auch wo dies
der Fall ist, muß man bedenken, daß auch da die Väter deshalb nicht automatisch
wirklich als Väter präsent sind. Oft sind Väter durch ihre Berufstätigkeit kaum
für ihre Kinder als Väter erlebbar, weil ständig außer Haus. Und dann gibt es
leider auch noch die Fälle, wo Väter zwar physisch anwesend sind, aber als
Haustyrannen, als innerlich unbeteiligte, vielleicht trinkende oder sogar
gewalttätige Männer schlichtweg nicht das sind, was Väter für ihre Kinder sein
sollten und auch sein könnten. Wo sind die Männer, die ihren Kindern so Vater
sind, daß Kinder mit dem Begriff „Vater" etwas Positives, Geborgenheit und
Verläßlichkeit vermittelndes verbinden können?
Von einer vaterlosen Gesellschaft ist inzwischen unter
Soziologen und Psychologen warnend die Rede, in der Jungen und Mädchen die
Vaterfiguren zunehmend fehlen, so daß sie keine männlichen Personen als
vertrauensvolles Gegenüber haben, durch die sie entweder als Jungen eine
positive Geschlechtsidentifikation finden können oder als Mädchen im Gegenüber
zu dem Mann „Vater" ihre eigene geschlechtsspezifische Identität finden und
darin reifen können.
Im Kindergarten werden die Kinder vorwiegend von
Erzieherinnen betreut, in der Grundschule immer noch mehrheitlich von
Lehrerinnen.
Das alles hat höchst problematische Folgen für die
Gesellschaft. Es gibt inzwischen eine wachsende Zahl ernstzunehmender
Psychologen, die die Zunahme vor allem männlicher Homosexualität als neurotische
Entwicklungsstörung beschreiben, die in engstem Zusammenhang mit einer gestörten
Vater-Sohn-Beziehung steht und es so nicht in der nötigen Weise zu einer Reifung
des Selbstverständnisses eines Jungen als Mann kommen konnte. Problematische
Folgen hat die vaterlose Gesellschaft aber nicht zuletzt auch für das Gottesbild
heutiger Kinder und Jugendlicher, wenn ihnen Gott als Vater vorgestellt wird.
Ist Gott als Vater heutzutage überhaupt noch vermittelbar,
wenn Väter vielen Kindern eher als Schatten über ihrem Leben und nicht als Licht
erscheinen müssen und oft genug eher Grund und Anlaß zu Angst und Furcht bieten
und nicht zu Vertrauen? Wenn Kinder mit dem Begriff „Vater" immer weniger
Geborgenheit, Sicherheit, Zuverlässigkeit und heile Welt verbinden? „Der Herr
ist mein Licht und Heil, vor wem sollte ich mich fürchten" – können Kinder und
Jugendliche diese Aussage des Taufspruchs von Fabian heute noch mit Gott, dem
Vater positiv in Verbindung bringen?
Läßt es sich also noch predigen, daß der Apostel Paulus seine
Knie vor Gott, dem Vater beugt, das heißt, sich in der Gebetshaltung des Kniens
vertrauensvoll wie ein Kind an Gott wendet?
Das Knien, diese kindliche Geste, durch die ein Mensch sich
klein macht, sich vertrauensvoll einem anderen überläßt und gewissermaßen
ausliefert, sich einer Autorität beugt, setzt ein sorgloses und unbedingtes
Vertrauen voraus. Ursprünglich symbolisiert das Knien die Einstellung: Ich biete
einem anderen meinen entblößten und schutzlosen Nacken dar, weil ich erwarte,
daß dieser andere die Situation nicht dazu ausnützt, mir mit dem Schwert den
Kopf vom Rumpf zu trennen.
Gott als <Vater>! Im Alten Testament kommt diese Bezeichnung
nur 15 mal vor, davon nur einmal, und zwar als Zitat Gottes selbst, als
Gebetsanrede. Im Neuen Testament dagegen wird Gott 250 mal als Vater bezeichnet.
Als Christen kommen wir also an Gott, dem Vater nicht vorbei. In welcher Weise
wird nun Gott im Neuen Testament als Vater verstanden und bezeichnet?
Vor allem als Ursprung von Gnade, Frieden, Liebe und Glauben.
Im Brief an die Epheser kann der Apostel Paulus Gott auch als Vater insofern
bezeichnen, als er in ihm den Erzeuger des Glaubens erkennt. Gott ist aber auch
Vater im Sinne des Lebensspenders und Lebenserhalters, des Lebendigmachers, der
mit seiner Herrlichkeit den Tod besiegt. Und zwar den physischen Tod und auch
den geistlichen Tod, also das glaubenslose Dahinleben des Menschen, der Christus
nicht kennt und darum sein Leben ohne letzten Sinn führt und über den Tod hinaus
nicht erhalten kann. Vater ist Gott im Neuen Testament aber auch in einem Sinn,
der uns sicherlich sehr fremd geworden ist, nämlich als der König seines
Reiches, das durch Jesus Christus verkündigt wird, der die Menschen zum Glauben
und durch den Glauben zu Kindern Gottes, zu Erben dieses Reiches ruft und
beruft. Dahinter steht die Erfahrung und Vorstellung von einem guten, gerechten
und weisen König, der als „Landesvater" Garant für das Leben seines Volkes ist.
Liebe Brüder und Schwestern, Gott als Vater im Glauben der
Christen hat demnach nichts mit Gefühlen, Erfahrungen oder mit Psychologie zu
tun. Gott als Vater hat auch im biblischen Sinne nichts mit dem männlichen
Geschlecht zu tun. Die Väterlichkeit Gottes läßt sich nicht aus menschlichen
Erfahrungen ableiten, sondern ist Offenbarung: Gott ist der Ursprung von Gnade,
Frieden, Liebe und Glauben und insofern Vater. Das ist die Selbstoffenbarung
Gottes durch Jesus Christus. Ganz unabhängig davon, ob und wie ich meinen
eigenen Vater erlebt habe, hat das Geltung. Die Väterlichkeit Gottes ist auch
nicht einfach ein anderes Wort für „Männlichkeit". Daß Gott als Vater offenbart
wird, läßt nicht die Schlußfolgerung zu: Gott ist also ein Mann. Und weil diese
Gleichsetzung von Vater und Mann nicht funktioniert, ist es auch unsinnig und
falsch, aus vielleicht gutgemeinter Bemühung um Gleichberechtigung Gott
kurzerhand zur Mutter zu erklären, wie das in manchen theologischen
Neuinterpretationen der Bibel versucht wird. Das ist dann nicht mehr der Gott
der Bibel, nicht mehr der Gott, den Christus, der Sohn, als seinen Vater und den
rechten Vater über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, verkündet
hat.
Liebe Gemeinde, wenn der Apostel Paulus Gott als den „rechten
Vater über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden" bezeichnet, dann
macht er einen radikalen Unterschied, ja vollzieht eine Trennung zu allen
verbogenen, düsteren, unvollkommenen Vaterbildern, die sich durch Erziehung und
Erfahrung in unseren Köpfen und Seelen eingegraben haben.
Wenn Paulus von den Kindern spricht, dann spricht er indirekt
von der Taufe. Und zwar von der Taufe als einem radikalen Schnitt: Da wird ein
Mensch mit allen seinen irdischen Bindungen und Prägungen im Wasser der Taufe
ertränkt, ersäuft. Und er wiedergeboren als Kind, das von allen diesen
verdorbenen und verderbenden, nicht zum Ziel und zum Leben führenden Bindungen
befreit ist. Als ich getauft wurde, konnten also auch die noch so dunklen
Vaterschatten dieser Welt und dieses Lebens mein neues Leben als Christ nicht
mehr verdunkeln. Wenn ich nach meiner Identität frage, brauche ich mich nicht
mehr über meine Herkunft, meine Erziehung, meine Erfahrungen und meine kranke
Gefühlswelt zu definieren, um so etwas wie Selbstbewußtsein zu erlangen, sondern
über meine neue Geburt aus Wasser und Geist, durch die ich ein heiles, ein mit
Vergebung und Gnade, Liebe und Frieden beschenktes Kind Gottes, des rechten
Vaters geworden bin.
Das meint Paulus auch, wenn er von dem „inwendigen Menschen"
spricht. Er betet ja, daß die neugetauften Gemeindeglieder in Ephesus durch den
Geist Gottes, des Vaters „stark werden am inwendigen Menschen". Damit ist nicht
irgendeine Innerlichkeit gemeint, sondern der von innen her erneuerte, durch
Taufe und Glauben wiedergeborene Mensch. Noch ist er tauf-frisch, muß noch
wachsen, reifen, zunehmen an Stärke und Erkenntnis. Noch schieben sich die
Bilder des alten und vergangenen Lebens immer wieder vor das Neue wie Wolken vor
die Sonne. Aber diese Sonne, Christus, das Licht, die scheint schon in uns,
Christus wohnt schon in unseren Herzen, wie Paulus sagt. Und was können Wolken
gegen die Sonne ausrichten?
Der Herr ist seit meiner Taufe mein Licht und mein Heil.
Warum sollte ich mich vor den Wolken und Schatten des alten Lebens fürchten?
In der Taufe sind wir entwurzelt worden. Was uns mit dieser
vergänglichen und vergehenden Welt scheinbar schicksalhaft und unentrinnbar
verkettet und verwoben hatte, ist durchtrennt. Es hat uns nicht mehr im Griff.
Wir sind, wie der Apostel schreibt ganz neu „eingewurzelt" und zwar „in der
Liebe". Mit diesen neuen Wurzeln unseres Glaubens an Jesus Christus ziehen wir
alle Kraft für unser Leben aus dem Boden der Liebe Christi.
Und wenn wir jetzt hören: Gott ist unser Vater, dann hören
wir zugleich die Urbotschaft des Neuen Testaments und der Verkündigung Jesu,
nämlich: Gott ist die Liebe.
Und Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen
einziggeborenen Sohn Jesus Christus am Kreuz geopfert hat, damit alle, die an
ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Im Kreuz wird
offenbart, was das heißt: Gott ist die Liebe.
Ich denke, der Apostel Paulus will mit seinen für uns schwer
verständlichen Worten „So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die
Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi
erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der
ganzen Gottesfülle" auf das Geheimnis des Kreuzes hinweisen. Er malt es mit
diesen Worten geradezu vor unserem inneren Auge: Die Höhe und Tiefe des
vertikalen Kreuzesbalkens und die Breite und Länge des horizontalen
Kreuzesbalkens – darin allein ist Heil zu finden.
Das Zeichen Gottes, des Vaters ist nicht der angsteinflößende
Thron und eine Krone, aus der nie ein Zacken bricht, sondern das Kreuz und die
Dornenkrone. Vor dem, der sich so tief gebeugt hat, um uns Freiheit und Sinn,
Ziel und Frieden zu schenken, kann man voller Vertrauen in die Knie gehen, ohne
sich gedemütigt fühlen zu müssen. Vor diesem Vater zu knien heißt, sich in ihm
zu bergen, ihm sein Leben anzuvertrauen und es von ihm hell und heil machen zu
lassen.
Amen.