Beichtansprache
(Pastor Gert Kelter am Sonntag Miserikordias Domini 2004)
Christus wird meine neue Identität
Aber nun sind wir alle wie die Unreinen, und alle unsre Gerechtigkeit ist wie ein beflecktes Kleid. Wir sind alle verwelkt wie die Blätter, und unsre Sünden tragen uns davon wie der Wind. (Jesaja 64, 5)
Liebe Beichtgemeinde,
Gesine Schwan heißt die Kandidatin für das Amt des
Bundespräsidenten. In einer Fernsehsendung vergangene Woche stellte sie sich den
Fragen eines Journalisten und gab damit Einblicke in ihr ganz persönliches Leben.
Mein erster Eindruck war: Das ist eine sympathische, intelligente Frau, ein
bißchen zu schrill für meine Begriffe und –wie ich jedenfalls aufgrund des
ersten Eindrucks zunächst vermutete- sicherlich niemand, der von traditionellen
christlichen Glaubensinhalten besonders viel hält. Um so überraschter, positiv
überraschter, war ich, als Frau Schwan sich als überzeugte römisch-katholische
Christin zu erkennen gab, die aus einem unkirchlichen Elternhaus stammt und sich
erst mit 20 Jahren ganz bewußt taufen ließ. Sie hatte vor einigen Jahren ihren
Ehemann durch Krebs verloren und antwortete auf die Frage, was ihr in dieser
Zeit die meiste Kraft gegeben habe: Das Gebet und die Feier des Gottesdienstes.
Sollte also Frau Schwan unsere neue Bundespräsidentin werden, dann hätten wir
eine überzeugte Christin an der Spitze unseres Landes, die Gottes Wort hört und
liest, die ihre Kraft im Gebet findet und sonntags im Gottesdienst zu treffen
ist. Und das ist allemal gut für unser Land.
Als dann der Journalist aber wissen wollte, warum sie nicht
evangelisch, sondern römisch-katholisch geworden sei, gab sie eine
hochinteressante und theologisch gut begründete Antwort: Vor allem, sagte sie,
liebe sie den Gottesdienst in der traditionellen Form der Messe, die sie schon
als Kind und Jugendliche, obwohl ungetauft, gerne und oft mitgefeiert habe. Dann
aber, und darauf kommt es mir heute morgen an, sagte sie, sei ihr das
Menschenbild der römischen Kirche sympathischer als das der evangelischen
Kirche. Nach römischer Vorstellung sei der Mensch nämlich durch die Erbsünde
nicht durch und durch verderbt, sondern habe so etwas wie einen guten Kern, den
es zu nutzen und zu aktivieren gelte. Nach lutherischer Auffassung sei der
Mensch dagegen Sünder durch und durch und dieses Selbstbewußtsein als Sünder vor
Gott könne sie so nicht teilen.
Liebe Beichtgemeinde, damit hat Frau Schwan einen der
wesentlichen theologischen Unterschiede zwischen römischem und lutherischem
Glauben genau markiert. Aus diesem grundsätzlichen Unterschied folgen eine ganze
Reihe von falschen Auffassungen, etwa über die Bedeutung der guten Werke, den
Opfercharakter der Messe, die Funktion der Kirche, die Stellung der Heiligen und
vor allem auch die Mitwirkung der Jungfrau Maria an der Erlösung und manches
andere, was man landläufig für typisch römisch hält.
Frau Schwan spricht sicherlich vielen aus der Seele, wenn sie
sagt: Das kann doch nicht sein, daß der Mensch aus sich heraus vor Gott gar
nichts Akzeptables, Anerkennenswertes und damit auch Gutes vorbringen kann, daß
er vor Gott nur als Sünder steht und ganz ausschließlich auf Gottes Gnade
angewiesen sein soll, ohne selbst etwas tun zu können, ohne in sich irgendeine
Kraftreserve, eine Ressource zum Guten zu haben.
Liebe Brüder und Schwestern, wenn der Mensch tatsächlich
einen guten, unverdorbenen Kern hätte, dann müßte jede Beichte eine sehr
bedrückende, niederschmetternde und düstere Angelegenheit sein, denn allein
durch die Tatsache, daß ich etwas zu beichten habe, räume ich ja ein, daß ich
meine Möglichkeiten nicht genutzt habe, daß ich versagt habe. Und was ist, wenn
ich Sonntag für Sonntag dieselben Sünden zu beichten habe, wenn sich kein
deutlicher Fortschritt, kein geistliches Wachsen einstellt, wenn ich in mir
suche und nichts finde, was da gut und unverdorben wäre, obwohl es doch etwas
geben müßte? Bin ich dann nicht irgendwann völlig unwürdig, immer wieder
Gottes Vergebung zu erbitten und zu erwarten, daß er sie mir auch schenkt,
obwohl ich meinen vermeintlich möglichen Anteil an der Überwindung von Schuld
und Sünde mein Leben lang nicht leiste? Muß ich dann nicht in der Angst leben,
daß Gott irgendwann sagt: Jetzt ist Schluß, jetzt ist der Punkt erreicht, an dem
ich mich nicht mehr von dir ausnutzen lasse, bevor du nicht deine Möglichkeiten
genutzt hast und mir wenigstens einen Teilerfolg präsentierst?
Liebe Gemeinde, das biblische Menschenbild ist nicht
optimistisch, sondern realistisch. Der Glaube an das Gute im Menschen ist nicht
biblisch. Er ist ein Irrglaube, den auch Karl Marx geteilt hat, wenn er sagte,
daß man nur die gesellschaftlichen Bedingungen ändern müsse, um das Gute im
Menschen zu aktivieren, so daß man in einer guten und gerechten Gesellschaft
auch schließlich gute und gerechte Menschen habe. Auf diesem Irrglauben beruhen
alle menschlichen Ideologien. Auch die Demokratie.
„Es ist kein Mensch so gerecht auf Erden, daß er nur Gutes
tue und nicht sündige", sagt der Prediger Salomo." „Sie sind alle abgewichen und
allesamt verdorben; da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer", betet der
Psalmist. Es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln
des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten", schreibt der Apostel Paulus an die
Römer. Und der Prophet Jesaja bezeugt, daß auch das, was wir für Gerechtigkeit
halten, vor Gott wie ein beflecktes Kleid erscheint, uns also nicht rettet,
erlöst und befreit.
Nein, Christus ist nicht gekommen, um uns ein bißchen unter
die Arme zu greifen bei unseren Bemühungen um das Gute, er ist nicht gekommen,
um unser Leben etwas lebenswerter zu machen, sondern um uns aus Tod und
Verderben, von Sünde, Tod und Teufel zu erretten, zu befreien, zu erlösen. Er
allein kann das. Er allein vollbringt das. Er allein schenkt uns den Glauben,
schafft in uns den erneuerten Willen und gibt das Vollbringen.
Und darum, aber auch nur darum, ist jede Beichte, jede
Lossprechung ein Freudenfest der Versöhnung. Denn Christus fordert von mir keine
Vorleistungen, keinen Eigenanteil. Was er fordert, ist das bedingungslose
Vertrauen auf seine Gnade; was er fordert, ist der Glaube, daß er allein uns von
unserer Sünde reinigen kann und will und wird, wenn wir ihm
vertrauen und auf nichts anderes, auch und schon gar nicht unseren guten Kern,
unsere ganze Hoffnung setzen.
Christus füllt uns nicht die halbvollen Hände, sondern
die leeren Hände mit seiner Gnade.
Der Glaube an das Gute im Menschen endet immer in der
Enttäuschung und in der Verzweiflung. Jesus Christus, der Arzt der Kranken,
macht uns nichts vor. Er läßt uns nicht unsere Illusionen über unseren wahren
Zustand, weil er nicht will, daß wir daran zugrunde gehen, sondern, daß wir uns
helfen und heilen lassen.
Weil Gott uns nicht über uns selbst täuscht, brauchen wir
auch nicht über uns enttäuscht zu sein, wenn wir immer wieder feststellen, daß
wir unseren Ansprüchen, unserem Wunsch, immer perfekter zu werden, niemals
entsprechen. Es ist nicht bedrückend, sondern beglückend zu wissen, daß wir
einen Erlöser haben, der uns aus einer unversiegbaren Quelle der Liebe und Gnade
jeden Morgen neu die leeren Hände füllt. Die Trauer über unsere Sünde hat seit
dem Sieg Jesu Christi über Sünde, Tod und Teufel ihre Macht über uns verloren,
wenngleich sie nicht einfach verschwunden ist und sogar die Voraussetzung dafür
bleibt, daß wir die Freude in Fülle haben. Wir leben nicht mehr im Bann der
Sünde und nicht mehr im Bann der Trauer. Seit ich in meiner Taufe mit Christus
begraben wurde und mit ihm auferstanden bin, brauche ich nicht mehr verzweifelt
in mir selbst das Gute zu suchen und in Traurigkeit zu versinken, wenn ich da
nichts finde. Denn seitdem finde ich Christus in mir, der mich gerecht spricht,
der für mich gelitten hat und gestorben ist und meine neue Identität geworden
ist, die vor Gott gilt.
Darum bekennen wir uns als arme, elende, sündige Menschen vor
Gott und bitten um Vergebung, um die Gaben und die Kraft des Heiligen Geistes.
Und darum schenkt uns Gott auch, worum wir ihn bitten und mit diesen Gaben die
Freude am geschenkten neuen Leben, die nur der empfinden kann, der zum Tode
verurteilt war und die Freiheit geschenkt bekam.
Amen.