Predigt
(Pastor Gert Kelter am Sonntag Sexagesimae 2004)
Die Ruhe Gottes
Wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken, so wie Gott
von den seinen.
So lasst uns nun bemüht sein, zu dieser Ruhe zu kommen, damit nicht jemand zu
Fall komme durch den gleichen Ungehorsam.
Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes
zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch
Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und
aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen. (Hebräer
4,10-13)
Liebe Brüder und Schwestern,
Das Bild auf dem Sonntagsblatt zeigt einen Diakon mit
aufgeschlagenem, vor sich gehaltenem Evangelienbuch und zwei Helfern, die
brennende Kerzen halten und das Evangelium flankieren. Auf diese Weise begibt
sich der Diakon in einer kleinen Prozession vom Altar zum Lesepult oder zur
Kanzel, von wo aus dann das Evangelium vom Diakon zunächst verlesen und dann der
Gemeinde vom Pastor ausgelegt wird.
An einem Sonntag, der das „Wort Gottes" zum Thema hat, hätte
ich wohl auch die Abbildung einer Bibel, also eines auf- oder zugeschlagenen
Bibelbuches wählen können, habe ich aber nicht. Warum?
Weil Gottes Wort lebendig und kräftig ist, wie es auch den
Hebräern wieder neu ins Bewusstsein gerufen werden musste. Weil es eine Stimme
ist, die man hören kann und soll; eine Stimme, die mich immer wieder neu „heute",
das heißt: ganz aktuell und ganz persönlich ruft. Zur Erkenntnis, in die
Entscheidung, zur Umkehr, in die Geborgenheit, zur Ruhe.
Gott ist keine fromme oder philosophische Idee, kein stummer
Götze, keine ferne, schweigende Allmacht oder Vorsehung, sondern Gott spricht zu
den Menschen und offenbart sich so und nicht anders. Darin unterscheidet sich
der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Vater Jesu Christi, von allen
heidnischen Göttern und Götzen.
Dass Gottes Wort uns als Bibelwort überliefert und erhalten
ist, ist eine notwendige Lösung, damit es uns unverfälscht erhalten bleibt, aber
auch eine Notlösung, wenn auch eine, für man nicht dankbar genug sein kann.
Das Wort Gottes gehört aber eigentlich nicht zwischen zwei
Buchdeckel und dann ins Regal. Es gehört auf die Kanzel, in den Gottesdienst,
ins Leben der Gemeinde und der Kirche. Es gehört auch nicht in erster Linie in
Buchform in zwei fromme Hände eines einsamen Menschen. Es gehört unter die Leute,
unter die Christen in den Kirchen und unter die Nichtchristen auf die Straßen
und Plätze, weil es lebendige Anrede des lebendigen Gottes ist, der von Anfang
an und immer wieder und am Ende in seinem Sohn Jesus
Christus zu seinem Volk gekommen ist, um mit ihm zu sprechen.
Der Unterschied zwischen dem Bibelbuch und dem lebendigen, in
der Lob- und Dankfeier des Gottesdienstes verkündeten Wort Gottes ist so groß
wie der zwischen einer E-Mail und einem persönlichen Gespräch. Sicherlich: Auf
beiden Wegen lassen sich Informationen weitergeben. Aber wenn sich Kommunikation
auf Schreiben und Lesen reduziert, bleibt manches auf der Strecke, was Kraft und
Lebendigkeit des mündlichen und persönlichen Wortes ausmacht.
Das Bild von der Evangelienprozession unterstreicht alle
diese Gedanken: Weil wir Gottes Wort nicht anders haben als in Schriftform, ist
das Evangelienbuch dargestellt. Aber es ist ein Mensch, der dieses Gotteswort
sinnbildlich vom erhabenen, heiligen Thron auf dem Altar die Stufen hinunter zum
Volk Gottes trägt. Es sind lebendig flackernde und leuchtende Kerzen, die
ausdrücken, dass dieses Wort nicht nur Informationen über den Glauben
„beinhaltet", sondern ein Lebenswegbegleiter, ein Licht auf meinem Wege und
meines Fußes Leuchte ist.
Gottes lebendiges Wort legt symbolisch den Weg vom Altar zur
Kanzel zurück wie Gott selbst einen Weg in unsere Welt, in unser „Fleisch"
zurückgelegt hat, um ganz bei uns zu sein. Und auf diesem Weg ist das Wort in
Bewegung. Es ist nicht starr und statisch, sondern zieht umher.
Wie ein fahrender Platzregen, hat Luther gesagt, zieht das
Evangelium durch die Welt.
Gottes Wort in der Evangelienprozession im Gottesdienst – das
ist nicht „etwas", das ich in meiner Hand „habe", wie einen Kontoauszug, der mir
mitteilt, was ich besitze, sondern der König der Welt, der Einzug hält, um sein
Volk zu trösten, zu regieren mit Ermahnung, Ermunterung und Wegweisung und es
reich zu beschenken.
Ein „Jahr mit der Bibel", das nur der Information über die
Bibel und ihrer Inhalte dient, aber nicht der Kraftentfaltung des lebendigen
Gotteswortes vor allem auch im Gottesdienst der Gemeinde, hätte sein Ziel
verfehlt und wäre nur eine unter vielen „Aktionen" einer aktionistischen Kirche,
die ihre Lebensmitte, nämlich das lebendige und kräftige Gotteswort, schon
längst verloren hat und das zu vertuschen sucht.
Liebe Gemeinde, wenn ich diese Verse aus dem Hebräerbrief
höre, dann denke ich nicht an die Bibel, sondern an eine Evangelienprozession
und eine lebendige Verkündigung, die wachrüttelt, aufrichtet, tröstet und
stärkt. Und nicht nur, weil man damit auch Konfirmanden und Jugendliche sinnvoll
an der Feier des Gottesdienstes beteiligen könnte, frage ich mich, was uns
eigentlich davon abhält, diesen alten, so aussagekräftigen kirchlichen Brauch
wieder einzuführen, wo er in Vergessenheit geraten ist.
Vom Wort Gottes wird aber auch gesagt, es sei schärfer und
durchdringender als jedes zweischneidige Schwert und ein Richter der Gedanken
und Sinne des Herzens.
Ein Schwert wurde nicht nur als Stichwaffe, sondern
vorwiegend als Schlagwaffe gebraucht. Schwerter mit nur einer scharfen Seite
müssen mit viel Geschick und Kraft so geführt werden, dass die geschärfte Seite
trifft. Die stumpfe Seite würde das gewünschte Ziel nicht erreichen.
Ein zweischneidiges Schwert trifft immer mit der „richtigen",
mit der scharfen Seite, kommt immer zu seiner durchdringenden Wirkung. Das Bild
vom zweischneidigen Schwert will also nichts anderes sagen als das, was in der
alttestamentlichen Lesung heute über die Wirkung des Wortes Gottes gesagt wurde:
Wo es als lebendiges Wort verkündigt wird und auf Menschen trifft, hat es immer
eine Wirkung, und zwar die, die von Gott beabsichtigt ist. Es kommt nicht leer
zurück, sondern tut, was Gott gefällt und ihm gelingt, wozu Gott es gesandt hat.
Letzte Woche erhielt ich einen Anruf eines begeisterten
Menschen, der in leitender Funktion für den Arbeitskreis Christlicher
Publizistik ehrenamtlich tätig ist. Dieser Mann teilte mir eigentlich nur mit,
dass er mir bzw. unserer Gemeinde eine Einladung zu einem Tagesseminar mit
niedersächsischen Landespolitikern und Leuten aus der Wirtschaft per Post
zuschicken wird.
Da könnte man sich natürlich fragen: Warum schickt er’s denn
nicht einfach? Dann hätte ich’s gelesen und vielleicht reagiert, die Einladung
vielleicht angenommen und weitergegeben, vielleicht aber auch nicht. Auf jeden
Fall hätte ich nicht geschlagene 30 Minuten meiner Zeit mit einem
Telefongespräch verbringen müssen. Aber genau das ist der Punkt: Dieser vom
Evangelium begeisterte Mensch möchte eben nicht nur Informationen verschicken,
sondern andere Christen davon überzeugen, dass es notwendig ist, mit allen
Mitteln und auf alle erdenkliche Weise gerade die Menschen, die Verantwortung,
Macht und Einfluss haben, mit dem lebendigen Gotteswort zu erreichen. Und das
geschieht durch eine halbstündige Lebens-Predigt mit Zeugnissen darüber, wie er
selbst von Gottes Wort getroffen und ergriffen wurde ganz anders, als durch
Papierversand. So redet er nicht nur mit denen, die er als Multiplikatoren, als
Vervielfältiger gewinnen möchte, sondern auch mit Ministerpräsidenten,
Wirtschaftsbossen und Presseleuten.
Das Evangelium ist ein Richter der Gedanken und Sinne des
Herzens: Passt das zusammen –
Evangelium und Richter?
Wir müssen zum Schluss noch einen Blick auf die Situation der
Gemeinde werfen, an die diese Verse ursprünglich gerichtet waren. Da hatte sich
die junge Kirche nämlich schon ganz gut eingerichtet in dieser Zeit und Welt. Da
war das Gotteswort schon zum ehrfurchtsvoll bewahrten Schatz der Kirche geworden.
Die Menschen waren religiös, aber liefen Gefahr, die lebendige und klare Mitte
zu verlieren. Engelverehrung stand hoch im Kurs, wie auch heute wieder, wo
irgendein pfiffiger Autor ein Buch geschrieben hat, in dem er eine Fülle von
Engeln für alle Stimmungs- und Lebenslagen erfindet und mit meditativen Bildern
und Versen versieht. Es ist übrigens auffällig, wie viele Protestanten, die bei
der Vorstellung einer feierlichen Evangelienprozession Schüttelfrost kriegen,
weil das ja in manchen katholischen Gemeinden auch vorkommt, von diesen
erfundenen Engeln aber ganz hingerissen sind.
Die Hebräer also hatten die Sehnsucht nach der Ruhe Gottes,
die seinem Volk noch vorhanden ist, aus dem Blick verloren und beruhigten sich
mit allerlei religiösem Getue.
Da greift der Apostel ein und ruft die Gemeinde zurück zum
lebendigen Wort Gottes: Nur darin findet die Kirche immer wieder das Kriterium,
den Maßstab für Wahrheit, Leben, Richtung und Ziel.
Das ist gemeint, wenn es heißt: Gottes Wort ist ein Richter
der Gedanken und Sinne des Herzens. Wer sich, wie die Hebräer damals, in
Engelverehrung gefällt, aber auch, wer eine andere Form angepasster,
verweltlichter Religiosität pflegt, dem gilt: Heute, wenn ihr meine Stimme hören
werdet, so verstockt eure Herzen nicht! Dadurch wird aufgedeckt, was nur
religiöser Schmus ist, was uns einlullt und eine irdische Seelenruhe vorgaukelt,
die uns vom Ziel der Ruhe Gottes abbringt. Die Ruhe Gottes – das ist nichts
anderes als das ewige Leben, als die Seligkeit.
Müsste nicht jetzt eigentlich noch eine längere Predigt
darüber folgen, was denn konkret bei uns und in unserer Gemeinde das „religiöse
Getue" ist, mit dem wir uns in Ruhe, manchmal in geradezu hektischer Ruhe wähnen
aber in Wirklichkeit Gefahr laufen, von der Mitte abzukommen? Schaden würde das
nicht und wir würden manches finden. Aber viel wichtiger ist, dass wir heute die
Verheißung dieser Ruhe Gottes selbst wieder neu ergreifen, uns davon ergreifen
lassen: Das ist ja die Wirkung des lebendigen und kräftigen Wortes Gottes. Wenn
ich heute nachhause gehe und mich darüber freuen kann, dass dieses Leben nicht
alles ist, dass aber alles in diesem Leben einen guten und heilsamen Sinn für
mich hat; wenn es mich tröstet und auf meinem Weg weiterbringt, dass ich weiß:
Ich habe ein Ziel; wenn ich wieder neu erkennen konnte, was mich hier an
vergänglichen, unwichtigen Dingen alles bindet und zur Verzweiflung treiben
will, wo ich doch frei davon bin, dann ist Christus wieder die Mitte. Dann habe
wieder etwas von der Sabbatruhe geschmeckt, die doch nur ein Vorgeschmack auf
die Ruhe ist, die dem Volk Gottes noch vorhanden ist. Amen.