Predigt

(Pastor Gert Kelter am Sonntag Trinitatis 2004)

Echte Gottesbegegnung

In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron, und sein Saum füllte den Tempel.
Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße, und mit zweien flogen sie.
Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!
Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens, und das Haus ward voll Rauch.
Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.
Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm,
und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, daß deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei.
Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich!
Und er sprach: Geh hin und sprich zu diesem Volk: Höret und verstehet's nicht; sehet und merket's nicht!
Verstocke das Herz dieses Volks und laß ihre Ohren taub sein und ihre Augen blind, daß sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen.
Ich aber sprach: Herr, wie lange? Er sprach: Bis die Städte wüst werden, ohne Einwohner, und die Häuser ohne Menschen und das Feld ganz wüst daliegt.
Denn der HERR wird die Menschen weit wegtun, so daß das Land sehr verlassen sein wird.
Auch wenn nur der zehnte Teil darin bleibt, so wird es abermals verheert werden, doch wie bei einer Eiche und Linde, von denen beim Fällen noch ein Stumpf bleibt. Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein. (Jesaja 6, 1-13)

Liebe Brüder und Schwestern,

setzt einmal ein durchschnittlich begabtes sechsjähriges Kind aus durchschnittlichen sozialen Verhältnissen vor drei verschiedene Spielmöglichkeiten: einen kleinen Gebirgsbach mit der Möglichkeit, Staudämme aus Steinen und Holz zu bauen, einen Sandstrand zum Burgenbauen und einen Game-Boy, also einen Kleincomputer mit eingespeicherten Spielen, das einen für Erfolg mit piepsenden Melodien belohnt. In der Mehrheit aller Fälle wird das Kind zum Computer greifen. Vielen Kindern fehlt es an Phantasie, Eigeninitiative, Konzentrationsfähigkeit und vor allem Wahrnehmungsfähigkeit. Diese Eigenschaften sind nicht mehr oft gefragt und werden deshalb häufig nicht mehr ausreichend gefördert.

Und so reagieren schon manche Kleinkinder eher auf computererzeugte Pieptöne als auf Vogelgezwitscher. Es gibt inzwischen eine Generation kontakt- und kommunikationsgestörter Kinder und Jugendlicher, die ihre sinnliche Wahrnehmungsfähigkeit zunehmend auf Computerimpulse eingeschränkt haben.

Und was haben diese Beobachtungen mit unserem Schriftwort aus Jesaja 6 zu tun? Im Grunde genommen tatsächlich gar nichts. Denn im Gegensatz zu der beschriebenen Unfähigkeit zur Wahrnehmung unserer Zeit, geht es bei Jesaja um ein Höchstmaß an Wahrnehmung. So nämlich möchte ich den Begriff „Vision" verstehen. Eine Vision ist das geistgewirkte Ergebnis eines Höchstmaßes an Wahrnehmungsfähigkeit für die Wirklichkeit des lebendigen Gottes, die es einzelnen, ausgewählten Menschen erlaubt, hinter die Kulissen gewöhnlicher Wahrnehmungsfähigkeit zu blicken, zu horchen, zu erkennen, ja zu riechen, zu fühlen und zu schmecken.

Liebe Gemeinde, in einer Welt, in der schon ein Normalmaß an Wahrnehmungsfähigkeit häufig nicht mehr in gesunder Weise vorhanden ist und in einer Gesellschaft, die diese eingeschränkte Wahrnehmung der Wirklichkeit für ganz normal hält, fällt der Bericht über die Berufungsvision des Propheten Jesaja zumindest aus dem Rahmen, wahrscheinlich für viele aber in die Rubrik „Märchen, Sage, Legende".

Was hier beschrieben wird, hat sich in dieser Zeit und Welt ereignet, nicht im siebenten Himmel eines religiös überspannten Gehirns. Das Jahr, als König Usija starb, läßt sich genau festlegen: Das war das Jahr 736 vor Christi Geburt. Der angegebene Ort, nämlich der Tempel in Jerusalem, ist kein U-topia, kein „Nicht-Ort", sondern genau lokalisierbar, auch wenn heute nur wenige Mauerreste von seiner Existenz zeugen. Und wir tun gut daran, uns den Propheten Jesaja nicht mutterseelenallein im Tempel vorzustellen, sondern inmitten einer Menge von opfernden und anbetenden Menschen. Während der Beter neben Jesaja nur wahrnimmt, was seinen Sinnen unmittelbar zugänglich ist, die Mauern des Tempels, der Vorhang des Allerheiligsten, die Gebet, die Gesänge, reißt für Jesaja diese Oberfläche für einige Augenblicke auf und gibt den Blick dahinter, den Blick hinter die Kulissen dieser Wirklichkeit frei. Wer immer im Jerusalemer Tempel anbetet, der weiß und der spürt es auch: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus und hier ist die Pforte des Himmels! Aber Jesaja wird hier einen Schritt weiter geführt. Er nimmt noch mehr, noch tiefer wahr: Ich sah den Herrn sitzen auf einem hohen, erhabenen Thron. Die Gegenwart Gottes wird ihm auf einmal ganz dicht und unmittelbar, so daß er sagen kann: Ich sah IHN. Was er dann beschreibt, sind dann allerdings doch nicht Gottes Konturen, sondern nur Zipfel seines Mantels. Wie sollte es auch anders sein? Kein lebender Mensch hat Gott je in seiner ganzen Herrlichkeit gesehen. Aber Jesaja ist ihm ganz nahe gekommen. Und das bleibt nicht ohne Folgen. Wenn Menschen von der Nähe und Herrlichkeit Gottes spürbar ergriffen werden, gehen sie aus einem solchen Erleben verändert wieder hervor. Das galt für Jesaja, das galt für Augustinus, das galt für Luther; aber das gilt auch für uns ganz gewöhnliche Christenmenschen. Gibt es nicht vielleicht doch auch in deinem Leben solche Momente gesteigerter Gotteswahrnehmung, aus denen du verändert wieder hervorgegangen bist?

Vielleicht bei der Konfirmation? Beim Empfang des Hl. Abendmahls? Bei der Lossprechung nach der Beichte? Vielleicht beim Hören oder Lesen einer ganz bestimmten Schriftstelle in einer besonderen Lebenssituation? Vielleicht durch das Erleben einer unfaßbaren Gebetserhörung in größter Not, einer Heilung oder Bewahrung?

Wo die Erfahrung von Gottes Nähe einen Menschen erfaßt, da verändert sich ein Mensch. Mehr oder weniger nachhaltig; das muß man einräumen. Aber die Veränderung hat doch in sehr vielen Fällen diesen einen Inhalt, der uns auch von Jesaja überliefert wird: Weh mir, ich vergehe. Wo die Heiligkeit Gottes so dicht erlebt wird, da kriecht es uns Menschen ins Bewußtsein, wie wenig wir zusammenpassen, wir Geschöpfe zu dem erhabenen Schöpfer. Da fällt auch das Gefühl in sich zusammen, daß man ein besonderer Auserwählter sein müsse, wenn man Gottes Gegenwart in dieser Intensität wahrnehmen darf. Da steigt die Erkenntnis hoch: Ich bin unreiner Lippen und ich wohne unter einem Volk von unreinen Lippen. Ich bin nur einer unter denen, die da neben mir knien und beten. Weh mir, ich vergehe!

Liebe Gemeinde, das wäre dann ein verläßlicher Hinweis darauf, daß es sich um eine echte Gottesbegegnung, eine wirkliche Gottesschau gehandelt hat, wenn einer aus diesem Erleben mit dem Bewußtsein hervorgeht, wie vergänglich, wie gering er doch angesichts der Herrlichkeit Gottes letztlich ist. Das ist nämlich das Gegenteil von schwärmerischer und selbstgefälliger Berauschtheit, die es längst nicht nur in charismatischen Kreisen gibt, sondern auch da, wo in vermeintlicher Nüchternheit jemand glaubt, eine besondere oder besonders tiefe geistliche Erkenntnis zu haben und dies an ganz bestimmte Ausdrucksformen von Frömmigkeit und Gotteserkenntnis binden will. Die Erfahrung der Nähe und Gegenwart Gottes führt unterschiedliche Menschen zu unterschiedlichen Ausdrucksformen der begeisterten Anbetung. Den einen zwingt es in die Knie, den anderen reißt es vom Stuhl, der eine schweigt ergriffen, der nächste muß vielstimmig singen, den einen drängt es noch näher an den Ort der Gegenwart Gottes, der andere weicht ehrfürchtig zurück, der eine erhebt die Hände, der andere faltet sie. Wenn wir Menschen sechs Flügel hätten wie Serafim, wäre die Vielfalt auch der körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten noch größer.

Von der Erkenntnis her, daß ich einzig und allein von Gottes gnädigem, vergebendem Wort lebe, erhält die himmlische Liturgie, die uns Jesaja ansatzweise, mit schwachen menschlichen Worten überliefert, aber damit auch die Liturgie unserer Gottesdienste, einen ganz bestimmten Sinn. Nicht schmückendes Beiwerk, nicht einlullende Dekoration ist diese Liturgie, sondern Mittel der Gnade des herrlichen Gottes: Das „Dreimalheilig", dieser Gesang der Serafim und aller himmlischer Geschöpfe, der Rauch, die Gesten und das Rufen: das alles hat Hinweis- und Verkündigungssinn, kann gar nicht prächtig und überirdisch genug sein, denn es weist auf die Gnadentat Gottes hin, die nun folgt: „Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, daß deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei."

Das, liebe Gemeinde, ist eine sakramentale Handlung. Durch symbolische, handgreifliche, sinnliche Mittel seiner Gnade schenkt uns Gott Vergebung und Versöhnung, Gemeinschaft mit ihm und neues Leben.

Gott entsühnt den Propheten Jesaja, nimmt seine Schuld von ihm. Alles gottesdienstliche Geschehen läuft doch bis heute darauf hinaus. Jesaja konnte noch nicht wissen, daß Gott ihm diese Vergebung aller Sünden nur im Blick auf den zusprechen wollte, auf dem die Strafe liegt, die ihn eigentlich hätte treffen müssen. Er konnte noch nicht wissen, daß der Gerechte und das Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, derselbe ist, der auf dem Thron saß und dem der Lobgesang der Serafim galt. Einige hundert Jahre später hatte ein Visionär namens Johannes auf der Insel Patmos ein ähnliches Erlebnis intensivster Gotteswahrnehmung. Auch er sah einen auf einem Thron sitzen, auch er hörte den Lobgesang: Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herr, der allmächtige, der da war und der da ist und der da kommt. Und dieser Lobgesang mündet schließlich ein in die große Stimme: Das Lamm, das erwürgt ist, ist würdig zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. In der Offenbarung des Johannes ist das nachzulesen. Und da ist es dann eindeutig und gewiß: Der Herr Zebaoth, der leidende Gerechte, von dem Jesaja schreibt, das Lamm, das erwürgt ist, sind der eine und ein- und derselbe wahre und einzige Gott. Und fragst du, wer der ist: Er heißt Jesus Christ und ist kein andrer Gott.

Liebe Brüder und Schwestern, darum geht es am Fest der heiligen Dreifaltigkeit: Nicht um die theologische Erörterung, wie man sich die Einheit in der Dreiheit erklären oder vorzustellen hat, sondern darum, daß der eine, heilige Gott den Menschen nahe kommt, sich ihnen offenbart, sich auf Augenhöhe wahrnehmen läßt und doch der ganz andere, der unfaßbare, geheimnisvolle und erhabene Gott bleibt.

Wenn wir, wie an jedem Sonntag, den Lobgesang der Serafim, das Dreimalheilig singen, dann vereinigen wir unseren irdischen Lobgesang, wie es ja auch im Großen Dankgebet, der sog. Präfation ausdrücklich heißt, mit dem Lobgesang der seligen Serafim und nahen uns so dem lebendigen Gott, der seine gnadenspendende Gegenwart an die unscheinbaren Elemente von Brot und Wein gebunden hat. Und wenn dann die Worte erklungen sind, die das Geheimnis unseres Glaubens bezeichnen, „Das ist mein Leib, für euch gegeben" – „Das ist mein Blut, für euch vergossen", dann spielen Zeit und Raum keine Rolle mehr. Dann stehen wir mit dem Propheten Jesaja vor Gottes Gnadenthron und empfangen, was er uns zusagt: Das für uns geopferte Osterlamm, das für uns vergossene Blut des Lammes zur Vergebung aller unserer Sünden. Und nur so ist es zu verstehen, daß wir eben an dieser Stelle des Gottesdienstes Christus, das Lamm Gottes, anbeten, das die Sünde der Welt getragen und weggenommen hat.

Amen.