Predigt
am 22.2.2009, Sonntag Estomihi, Pastor Michael Schaetzel
Markus 8, 31-38 (Reihe I)
Jesus fing an, seine Jünger zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren. Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh weg von mir, Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist. Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird's erhalten. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden? Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.
Auf der Flughafenstraße in Langenhagen ist am Donnerstagabend ein Taxifahrer gegen eine Ampel geprallt, liebe Gemeinde. In der Hannoverschen Allgemeinen war zu lesen, der Fahrer habe die rote Ampel zu spät erkannt und sei, um einen Auffahrunfall zu vermeiden, vom Weg abgekommen. Aus der Spur geraten war der 43-Jährige offenbar schon vorher, denn er hatte nicht nur seinen Wagen, sondern auch selbst ordentlich getankt: 2,9 Promille Alkohol im Blut, weiß die Presse – und titelt: „Taxifahrer im Vollrausch“.
Um das Leben in der Spur geht es in dieser Predigt, liebe Gemeinde – und dabei zunächst um einen, der sich auf die Überholspur begibt und etwas unsanft zurückbeordert wird: Petrus! Eben noch war er es gewesen, der so richtig durchgestartet war. Jesus, dieser Wanderprediger aus Nazareth, dem er und die anderen elf Jünger sich angeschlossen hatten, hatte sie gefragt, für wen sie ihn halten – nun, nachdem einige Wege mit ihm gegangen waren, einiges mit ihm erlebt – Zeit hatten, sich einen Eindruck zu verschaffen, ein Urteil zu bilden. Und Petrus hatte in ungebremstem Glaubenselan zu erkennen gegeben, dass er in diesem Jesus Gott selbst in Person sieht: „Du bist Christus“, sagt er, so Markus, nach der Überlieferung des Matthäus: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ Mehr bist du als einer, dessen Worte wir gerne hören, dessen Gesellschaft uns gut tut, den wir gerne zum Freund haben, der sich tatkräftig helfend für seine Mitmenschen einsetzt. Der bist du, auf den wir und unsere Vorfahren lange schon gewartet haben, gibt Petrus zu erkennen: der Retter, den Gott schickt, der Helfer, mit dem Gott uns zur Seite tritt, der Erlöser, mit dem Gott uns herauslösen will aus allem, was uns das Leben zur Hölle machen will.
Theorie bestanden, möchte man meinen, und jetzt kommt der praktische Teil: Jesus knüpft an die Antwort des Petrus an, wenn er nun davon spricht, dass er, Jesus – eben als der von Gott zu den Menschen geschickte Christus – viel leiden muss, verworfen werden muss, getötet werden muss. Davon mag Petrus nun gar nichts hören. Das darf doch nicht wahr sein! Der Christus – von dem erhoffte man sich wohl ein machtvolles politisches Eingreifen, von dem erwartete man hoffnungsvoll Besserung der Lebensverhältnisse, Aufzeigen positiver Perspektiven, Frieden und Wohlbefinden. Auf ihn wollte man aufmerksam hören, zu ihm aufschauen, ihn wollte man als den starken Mann achten und verehren, mit ihm sollte es aufwärts gehen. Endlich! Und jetzt? Leiden? Verworfen werden? Getötet werden? Das passt so gar nicht zu den Erwartungen an den Messias, den Heilsbringer, den Christus, das passte so gar nicht zu den Hoffnungen, die man auf ihn setzte. Und da schert Petrus aus und wechselt die Spur, tritt heraus aus dem Kreis der Jünger, zu denen Jesus gesprochen hatte, nimmt diesen Jesus beiseite und spricht aus, was er eben noch gedacht hatte: Das darf doch nicht wahr sein! Wie kannst du so etwas sagen? Leben sehen wollen wir dich, anerkannt und siegen sehen wollen wir dich – aber doch nicht leidend, verworfen, getötet. Du musst da was verwechselt haben, Meister, war ja auch alles in bisschen viel in den letzten Tagen und Wochen.
Jesus reagiert unmissverständlich und weist Petrus in die Schranken, zurück in die Spur: „Geh weg von mir, Satan!“ – Und wenn man das so hört, kann man eigentlich nur annehmen, dass Jesus seinen Petrus in die Wüste schickt: Hau ab! Lass dich hier nicht mehr blicken, du Teufel.
Tut er aber nicht. Wenn er Petrus einen „Satan“ nennt, dann will Jesus damit unmissverständlich zum Ausdruck bringen, dass dieses Ansinnen des Petrus, Jesus auf seinem vorzeichneten Weg aufhalten zu wollen, teuflisch ist: dass sich da der zu Wort meldet – durch Petrus –, dem alles daran gelegen ist, den Weg Christi aufzuhalten, weil es ein leidvoller Weg sein wird, der aber letztlich nicht im Leid endet, sondern das Böse, den Bösen, den Satan | Teufel besiegt. Dieses Veto, dieser Einspruch gegen den Weg, den Jesus geht „muss“, ist teuflisch, das heißt: diametral Gott entgegen; denn dieses „muss“ besagt in biblischem Wortlaut: Es ist der von Gott unbedingt vorgezeichnete Weg. Einen anderen darf es nicht geben, weil Rettung und Heil der Menschen billigen und einfacher nicht zu haben sind.
Jesus schickt den Petrus nicht in die Wüste. Die Anweisung „Geh weg von mir“ bedeutet ihrem engeren Wortsinn nach: „Hinter mich!“ – und damit nichts anderes als: Zurück in die Spur, Petrus! Du bist ungestüm vorgeprescht, hast den Weg der Nachfolge verlassen und bist mit mir zusammengestoßen. Du hast dich mir in den Weg gestellt, wolltest mich auf einen anderen Weg lenken. Sicher hast du es gut gemeint – mit mir, aber sicher auch für dich selbst: Aber du wirst sehen, dass Gottes Wegen mitunter so ganz anders sein können als du denkst: und an allem Ende immer zu deinem Guten.
Liebe Gemeinde, was folgt ist im Grunde nichts anderes als die Aufbereitung des Themas in Variationen, nun in einer breiteren Öffentlichkeit. Hatte sich die Szene bis jetzt im Jüngerkreis abgespielt, so bittet Jesus jetzt pauschal das Volk dazu – und wir dürfen uns getrost einreihen: und hören, was er zu sagen hat über den Weg in der Nach-Folge, in der Lebensspur diesem Jesus nach, auf dem Lebensweg hinter Christus her.
Als Menschen sind wir unterwegs, gehen durch die vergehende Zeit unsere Lebenswege. Als christlich glaubende Menschen sind unsere Lebenswege Wege in der Spur Christi: Auf ihn hin ausgerichtet gehen wir ihm nach, lassen uns von ihm Wege weisen und dürfen uns in seinem Rücken geborgen fühlen.
Wir erfahren in dieser Spur viel Gutes, viel Gelingendes, Beglückendes: Behütetes Durchs-Leben-gehen, erfolgreiche Schritte in Schule und Beruf, freundliche, ja liebende Wegbegleiter, Wegstrecken guter innerer Zufriedenheit, Schritte guter Gesundheit oder gesundheitlicher Besserung, Sonnen beschiene Streckenabschnitte: greifbarer Segen Christi und lauter Grund zum Danken.
Wir erfahren aber auch etwas von dem paradoxen Charakter des irdischen Wegen Christi: Wie er ganz gegen menschliches Denken und Wünschen unwegsames Gelände durchqueren, Schattentäler durchwandern musste, um zielstrebig zu vollenden, wozu Gott ihn auf den irdischen Lebensweg gesetzt hatte, so mutet Gott auch uns zu, in der Vorläufigkeit dieser Zeit und Welt mit manchen Enttäuschungen und Entbehrungen, Kümmernissen und Nöten, Angriffen und Ängsten zu leben – und das alles nicht nur trotz unseres Lebens in der Spur Christi, sondern auch wegen unseres Weges in der Nachfolge: Denn auch daraus, dass wir uns mit unserem Leben diesem Christus verschreiben, auf hin uns ausrichten, ergeben sich Gefahren, Niederlagen, Enttäuschungen, Angriffe, Kümmernisse: Weil wir uns menschlich gerne abwegig orientieren, sich in uns die Meinung breitmacht, wir müssten es so eng nicht sehen mit dem Anspruch Christi auf unser Leben; weil wir den Blick zu sehr auf uns selbst richten und dadurch weg von ihm und eigensinnig leben; weil auch ein Deutlichwerden unseres Glaubens unbequem werden kann: weil man Christen peinlich findet und weil man mit einem Leben nach christlichen Werten aneckt und out ist.
Jesu Weg-Kunde lässt an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig. Er will uns klaren Wein einschenken. Ein bisschen Nachfolge geht nicht. Ein Reisekatalog für die Teilnahme an ausgewählten Wanderwegen ist nicht vorgesehen. An seine Leute hat er den Anspruch, dass sie sich einreihen, absehen von sich, hinsehen auf ihn, auf ihn sein Leben ausrichten, zu ihm sich halten, zu ihm sich bekennen, ganzheitlich in der Spur Christi leben. Das ist ihm deshalb so wichtig, weil er unbedingt vermeiden möchte, dass wir mit unserem Leben auf der Strecke bleiben. Er will uns unbedingt ans Ziel bringen: Schon jetzt möchte er uns in so enger Gemeinschaft mit sich wissen, dass darin unsere unendliche Zukunft schon beginnt: dass das vermeintliche Ende nur noch Übergang in die ewige Zeit ist: weil er uns längst kennt, wird er uns durchwinken in die Herrlichkeit und sich nicht verschämt abwenden. Da kommt dann unser Leben, kommt dann unsere Seele an ihr Ziel, zur Erfüllung.
Vermeiden möchte er, dass wir uns an Vorläufigkeit verlieren, dass wir auf die falsche Karte setzen: zu viele Kompromisse schließen, zu viel Halbherzigkeit an den Tag legen, zu viel Zugeständnisse machen an diese Zeit und Welt. „Hinter mich!“ So hören auch wir, weil da unser Lebenswanderweg auf Ziel programmiert ist, auf Gelingen, Frieden und Heil: anbruchweise erleben wir es hier, immer wieder, Gott sei Dank, vollendet und unangefochten werden wir es dort erleben in seiner Ewigkeit, die wir mit ihm zu teilen eingeladen sind.
Bleibt am Ende noch eines. Und dazu komme ich noch einmal auf den eingangs erwähnten promillereichen Unfallverursachen zurück. „Für uns wird dieser Fahrer nicht wieder arbeiten“, zitiert die HAZ den Geschäftsführer der Taxizentrale. Und das ist ja wohl auch richtig so. Zu den paradoxen Gegebenheiten in Gottes Welt gehört, dass es da anders zugehen möchte, weil der, der sich nach Abwegen und Irrfahrten wieder einreiht in die Spur Christi die Gnade vor dem Recht erfährt: Zeit unseres Lebens kümmert sich Christus um uns: dass wir in allem Hin- und Hergerissensein menschlichen Lebens zurückfinden in die Spur und die Spur halten, immer wieder neu und doch zugleich auch kontinuierlich. Damit wir, was ein weiteres Paradoxon ist, immer mehr werden, was wir sind: solche, die unzertrennbar zu ihm gehören, Weggefährten des Christus, von ihm mit Kurs Ewigkeit unterwegs. Und das – nun wirklich am Ende – nicht so, dass er mit starrem Blick geradeaus die hinter ihm gar nicht wahrnehmen würde, sondern gerade so, dass er als der, der den Weg anführt, zugleich hilfreicher Wegbegleiter ist. Ihm dürfen wir uns alle Schritte unseres Lebensweges anvertrauen, etwa mit dem Eingangsvers des heutigen Introitusgebetes, der ebenfalls – wer hätte das noch gewusst? – das Wegmotiv aufnimmt: „Sei mir ein starker Fels,und eine Burg, dass du mir helfest! / Um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen:“ Amen.