Predigt

Predigt für den 2. Sonntag nach Epiphanias, 17. Januar 2010, von Bischof Hans-Jörg Voigt

Römer 12, (4-8) 9-16 4 Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, 5 so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, 6 und  haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß. 7 Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er.  8 Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er’s gern. 9 Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. 10Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. 11Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. 12 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. 13 Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.
14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht. 15 Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. 16 Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern halt
et euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.

Disposition:
Einleitung: Pastor Brümmerstedt aus Mecklenburg
1. der Leib als Bild für die Gemeinde
2. die Mahnungen des Apostels
3. Mahnungen und der Trost des Evangeliums

Liebe Gemeinde! In dem Roman “Möne .Markow, der neue Amerikafahrer“ wird ein Mecklenburger Dorf in der Zeit des 19. Jahrhunderts beschrieben, unter anderem auch der damalige lutherische Dorfpfarrer Brümmerstedt. Eine ganze Predigt ist da wiedergegeben und es geht hart zur Sache: Gegen die Trunksucht zieht der Brümmerstedt zu Felde. Er ermahnt die Jugend, die es nach Hamburg in die Großstadt zieht, gerade weil das Regierungsamt das zweite Tanzvergnügen im Jahr verboten hat, zum Gehorsam.
Und die Alten bekommen auch ihre Teil an Ermahnungen, so dass man unwillkürlich noch heute den Kopf einzieht und fragt: Kann man so hart mit einer Gemeinde umspringen? Doch dann vollzieht sich ein Wandel. Plötzlich steht ein anrührend sanfter Pastor Brümmerstedt auf der Kanzel und er predigt die große Freude des Evangeliums und den Trost der Vergebung.
Der Apostel Paulus beginnt hier in unserem Predigtabschnitt, die Gemeinde in Rom, die er noch nicht persönlich kannte, zum christlichen Leben zu mahnen. Auch aus unserem Alltag kennen wir Ermahnungen. die Ermahnungen der Eltern begleiten uns unser Leben lang: „Man niest nicht quer über den Tisch!“ oder „Man isst mit Messer und Gabel –wenigstens am Sonntag!“ Und heute weiß man das.
Wir wollen einzelne Ermahnungen des Apostels näher betrachten, weil sie wichtig sind für unser Leben.


1. Doch zuvor sagt Paulus etwas sehr Wichtiges:  „Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, 5 so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, 6 und  haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist.“ Der Apostel gebracht den Menschlichen Leib (swma) als  Bild für Gemeinde und Kirche. Wir alle, so wie wir heute hier in der Kirche sitzen, sind ein Leib mit vielen verschiedenen Gliedern und Organen und Christus ist das Haupt. So verschieden wie wir sind, gehören wir dennoch alle zu unserem Haupt Christus und sind mit ihm eng zusammengewachsen. Das macht unsere Gleichartigkeit und Verschiedenartigkeit aus.

2. Dann aber ermahnt Paulus diese Glieder der Gemeinde in Rom und wir wollen einige dieser Ermahnungen in der predigt hervorheben.
Da ist die „Herzliche Liebe, brüderliche Liebe gefragt. Hier in unserer Gemeinde mache ich immer wider die Erfahrung, wie schön es sein kann, das herzliche Miteinander zu erleben. Vielleicht fällt es mir leichter dies zu sehen, weil ich oft auch sonntags unterwegs bin.
Erst wenn die Liebe nicht erwidert wird, hat es die einseitige Bruderliebe schwer.
 „Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt!“ mahnt uns der Apostel. Jeden Morgen zwischen Weckerklingeln und Arbeitsbeginn, erweist sich diese Mahnung als hochaktuell. Es lohnt sich über „Trägheit“ nachzudenken.
Trägheit kann ja ganz verschiedene Ursachen haben: Mutlosigkeit, Frustration, Traurigkeit. Aber auch Angewohnheit, Lebenshaltungen oder falsche Leitbilder können innere Ursachen der Trägheit sein. Wie genau Paulus beobachtet, wenn er der Trägheit einen „brennenden Geist“ gegenüber stellt.
Jeder weiß, wie schwer Stimmungen zu beeinflussen sind, denn eigentlich müsste es ja darum gehen, den inneren Grundstimmungen und Prägungen des Herzens zu Leibe zu rücken.
Vielleicht hilft folgender Satz: Wenn du einfach regelmäßig tust, was du fühlen wolltest, beginnst du zu fühlen, was du tust.
Übertragen auf die Not der Trägheit könnte das heißen: Wenn du beginnst, dich unträge zu verhalten, bekommst du vielleicht nach und nach ein eifrigeres, ein brennenderes Herz.

 „Seid beharrlich im Gebet“ - Die Dozentin, Regisseurin und Autorin Christine Eichel schreibt in ihrem Buch „Warum ich wieder bete. Das Ende des Zynismus;“ „Das Unternehmen Selbsterfindung funktionierte perfekt.“ Beinahe zwanzig Jahre lang, „bis in mir etwas wach wurde, was ich so planvoll vergessen hatte: das Gebet.“ ... „Demut, Dankbarkeit, Freundlichkeit, Güte: Begriffe, die bis dahin verstaubt, spießig, muffig rochen, bekommen auf ein Mal einen ganz neuen Sinn.

.... „Das Gebet ist eine argumentationsberuhigte Zone, in der man nicht taktieren muss. Beten Sie einfach. Sie werden feststellen, dass sich Ihr Leben verändert.“ ...  „Seit ich wieder bete, habe ich wesentlich häufiger den Mut, mich zu revidieren“. (Buchtipp von Frau Michel-Schmidt /LuKi, Gütersloher Verlagshaus 2009).

Nehmt euch der Nöte der Heiligen an.“ Die Nöte der Heiligen liegen uns in diesen Tagen besonders nahe. Ich habe mit Marky Kessa, dem Präses der Lutherischen Kirche auf Haiti und mit seiner Frau Sydney Kessa im vergangenen Sommer noch zusammen an einer Tagung teilgenommen und wir haben zusammen gelacht, gearbeitet und gegessen. Erst gestern bekam ich die Nachricht, dass sie leben nach dem verheerenden Erdbeben.

Ich breche die Betrachtung der Ermahnungen an dieser Stelle ab.

3. Wenn ich solche Mahnungen höre, liebe Gemeinde, haben ich zuerst die Neigung, sie auf meine Mitmenschen zu beziehen: „Den anderen könnten ein bisschen mehr Liebe ganz gut tun!“  Wenn wir diese Mahnungen jedoch konsequent auf uns selbst beziehen, kann man nur noch in einen Satz des Dichters Dostojewski einstimmen: „Sehnsüchtig grüsst der, der ich bin, den, der ich sein könnte.“ 

Wenn wir beginnen, die Mahnungen als Maßstab an unseren Alltag anzulegen, werden wir allmählich still und mancher vielleicht sogar traurig über Misserfolge im Glaubenskampf.

Der klassische Dreischritt der Predigt: „1. Ihr seid Sünder! 2. Christus vergibt euch die Schuld! 3. So lasst uns nun in der Liebe leben....“ kann ja auch traurig machen, wenn man das permanente Scheitern der christlichen Liebe ganz ehrlich gegen die Realität des alltäglichen Zorns oder der Mutlosigkeit hält.

Liebe Gemeinde, Veränderung in unserem Leben geht nicht von Ermahnungen aus. Sie weisen nur die Richtung. Veränderung geht ausschließlich von Jesus Christus und von seiner Liebe aus. Er hat diese Ermahnungen, diesen Lebensstil der Liebe als einziger wirklich erfüllt.
-Jesu Liebe war allein ohne Falsch.
- Christus nahm sich der Nöte der Heiligen, unserer Nöte!, vollkommen an.
- Er segnete, als er verfolgt wurde und hat uns damit einen ganzen Himmel aufgeschlossen.
-Jesus Christus freut sich mit Fröhlichen und weint mit den Weinenden.

Schluss: Hier müssen wir noch einmal auf das Bild vom Leib zurückkommen: Er ist das Haupt, wir sind nur die Glieder. Aber wir hängen an ihm dran als Glieder seines Leibes. Er ist vollkommen und Heilig und wir sind vollkommen und heilig als Glieder seines Leibes und wir werden es immer wieder durch Versuch und Scheitern hindurch, durch ihn.  Amen.