Predigt
Predigt für Sonntag Invokavit, 21. Februar 2010, von Matthias Grünhagen
Predigt-Reihe II
Die Epistel für Sonntag Invokavit steht im Brief des Apostels Paulus an die Hebräer im 4. Kapitel (v. 14-16).
Christus der wahre Hohepriester
14 Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Him-mel durchschritten hat, so laßt uns festhalten an dem Bekenntnis.
15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der ver-sucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.
16 Darum laßt uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.
Liebe Gemeinde!
Einstieg: Worum es beim Glauben geht
Hilfe zu haben, wenn man sie braucht, das ist eines unserer menschlichen Grundbedürfnisse. Für Kinder ist das einfach: Sie rufen einfach nach der Mutter oder dem Vater. Die geben den Kleinen, was sie brauchen. Mit den verschiedensten Anliegen wenden wir uns jeweils dahin, wo wir Hilfe erwarten können: Mit einem kaputten Auto etwa, musste ich in der vergangenen Woche in die Autowerkstatt. Und – wie das so ist – ich rufe an. Ich lande erst einmal in der Warteschleife. Ich drücke noch ein paar Nummern. Doch endlich bekomme ich einen Termin. Der Meister kriegt alles wieder hin: Die Batterie war einfach verbraucht nichts ging mehr. Doch mit der neuen Batterie läuft das Auto wieder wie neu. Ähnlich geht es mir, wenn ich zum Arzt will. Da wende ich mich zunächst an die Sprechstundenhilfe, die mich dann einplant. Oder in der Werbung der Volksbank höre ich: „Wir machen den Weg frei“, wenn es etwa um finanzielle Belange geht. Und wenn es um das Leben im Ganzen geht oder sogar noch darüber hinaus? Da brauchen wir jemanden, der über die menschlichen Instanzen hinaus geht. Ich sehe z.B. unsere drei Konfirmandinnen, deren größtes geistliches Anliegen es ist, in den Himmel zu kommen. Genau das soll der Konfirmandenunterricht und die Konfirmation auch bringen, dass sie den Zugang dazu bekommen durch Jesus Christus, dass sie lernen, an dem Bekenntnis festzuhalten, an dem Bekenntnis zu Jesus Christus, und dass sie dazu den Heiligen Geist empfangen.
Genau so ist das auch mit dem Gottesdienst: Hier ist die Zeit und der Ort gleichsam der Termin, den wir bei unserem großen Helfer, unserem Vater im Himmel, haben. Die Aufforderungen aus dem Hebräerbrief, hinzu zu treten und fest zu halten am Bekenntnis ist lediglich eine Erinnerung daran, die Hilfe Gottes nicht ungenutzt zu lassen. Der erste Sonntag in der Fastenzeit erinnert uns daran, dass Jesus Christus uns diesen Raum für die Hilfe Gottes an uns Menschen überhaupt erst eröffnet hat, indem er sich auf den Weg zu uns gemacht hat bis hin zu seinem Leiden und Sterben. Besonders im Blick ist dabei, dass auch er der Versuchung durch das Böse und den Bösen. Der Sohn Gottes weiß also nur zu gut, wie es uns geht,
wenn an uns etwas herantritt,
lockt und zerrt,
das uns aus der Nähe Gottes reißen will.
Er, der es im Himmel so gut hatte, und der es nicht nötig hatte, der hat sich in die schmutzigen Niederungen des menschlichen Miteinanders begeben, und hat diese mit aller Härte erlitten. Auf diese Weise konnte er zu dem für uns Menschen werden, was ein Priester eigentlich ist, nämlich jemand, der für andere bei Gott eintritt. Deutlich wird das an der Aufgabe des Hohenpriesters im Alten Testament, der einmal im Jahr in das Innerste des Hauses Gottes gehen durfte, um für sich und das Volk die Vergebung der Sünden zu erbitten. Jesus Christus ist jedoch nicht irgend einer, sondern er ist der Hohepriester, der als Sohn Gottes sowieso Zugang zum himmlischen Vater hat, der aber durch seine Selbsthingabe und sein Opfer am Kreuz eine Versöhnung und einen Zugang für Menschen erreicht hat, die sonst nicht zu Gott kommen könnten. Was es bedeutet, dass Jesus Christus in dieser priesterlichen Weise für uns Menschen eintritt und uns auf diese Weise den Zugang zur Hilfe Gottes erschließt und tatsächlich als Vermittler für uns eintritt, habe ich in einer Geschichte aus dem Alten China veranschaulicht gefunden:
Ein Fürst, ein Mandarin, hatte zum Fest eingeladen. Der Tag war gekommen und von überall kamen Sänften, Wagen und Kutschen. Bald war das Haus voll Glanz und Erwartung, während es draußen in Strömen regnete. Da kam noch eine Kutsche und ihr entstieg unter den Regenschirmen der Diener ein alter, weißhaariger Fürst. Vorsichtig tastete er sich die Stufen der Kutsche hinab. Aber plötzlich blieb er mit dem Schuh hängen und – noch bevor ihn jemand stützen konnte – fiel er aus der Kutsche kopfüber genau in eine große Pfütze. Lähmendes Entsetzen bei der dabeistehenden Dienerschaft! Aber schon kurz darauf fängt es in den hinteren Reihen an zu kichern und zu prusten. Zu komisch sieht der nasse Tropf aus. Stumm sieht der Gefallene an seinem schlammigen Bart und dem durchnässten Gewand herunter. Langsam dreht er sich um und steigt wieder in seine Kutsche. Aber der Mandarin hat alles vom Fenster aus beobachtet. Als er das Lachen hört und sieht, dass sein Gast wieder einsteigt, eilt er hinunter und hält die Kutsche am Tor an. Mit aller Ehrerbietung und Herzlichkeit bittet er ihn, nicht fortzufahren, sondern zum Fest zu kommen. Aber er kann den traurigen Gast nicht umstimmen. Zu deutlich hatte er gehört, wie man über ihn lachte. Als alles Reden und Bitten nichts hilft, geschieht das Unfassbare: Der Mandarin geht zurück zu der Pfütze und legt sich selbst hinein – als er dann seinen Gast noch einmal bat – genauso schmutzig wie er – ließ sich dieser bewegen und blieb zum Fest.
Wir Menschen sind bei unserem Gott eingeladen. Doch es geht uns nicht selten wie diesem Gast, der in den Dreck gefallen ist. Das ist sogar unsere Grundsituation in unserer gottfernen Welt seit dem Sündenfall. Aber Jesus Christus hat die Sünde auf sich genommen, damit wir doch wieder zu Gott kommen können. Diesen Raum eröffnet der dreieinige Gott in der Taufe. Unser Taufbekenntnis ist dankbare Feststellung: Ja, es ist gut, dass ich durch Jesus Christus da-zugehören darf. Wenn der Hebräerbrief ermahnt: „Lasst uns festhalten am Bekenntnis“, dann ermutigt er die Christen dazu, den Schatz der Taufe festzuhalten, nicht aus der Hand zu geben und fort zu werfen. Vielmehr werden wir ermutigt, uns immer wieder auf den zu berufen, der für uns eingetreten ist: Jesus Christus. Gerade dann, wenn wir unsere eigene Schwachheit erleben und sie erleiden, dann soll dies unser Trost sein, dass Jesus Christus auch alle Schwachheiten dieser Welt auf sich genommen hat. NUR: Er ist ihnen nicht erlegen. Er ist daran – obwohl es ihm den Tod einbrachte – nicht zu Grunde gegangen, sondern er hat durch seine Auferstehung von den Toten den Weg frei gemacht, zu unserer Auferstehung und als Schlüssel für unseren Eingang in das Paradies in der himmlischen Welt Gottes. Aber das ist nicht erst eine ferne Zukunftsmusik, sondern schon jetzt haben wir den Zugang im Haus Gottes zum himmlischen Vater. Wir sind hier ganz räumlich bei ihm versammelt. Doch das Entscheidende ist dabei natürlich, dass uns der Sache nach nichts mehr von Gott trennt: Weil Jesus Christus die Sünde auf sich genommen hat, dürfen wir Gast und vielmehr noch Kinder des himmlischen Vater sein. Und, da wir schon einmal hier sind, so sind wir auch geladen, hinzu zu treten und an dem Gastmahl teilzunehmen am Tisch des Herrn und dabei die innigste Gemeinschaft mit unserem Gott zu erleben an Leib und Seele. Wer die Hilfe Gottes erhalten will, wenn er sie braucht, dem legt der Hebräerbrief dies nahe: Kommt herzu und haltet fest an Jesus Christus, der euch die Hilfe eures Gottes in priesterlicher Weise vermittelt – heute und alle Tage und in Ewigkeit. Diesen Segen gebe er euch auch besonders in dieser Passionszeit, damit sie euch eine Segenszeit sei. Amen.