Predigt
Predigt für den letzten Sonntag nach Epiphanias, 24. Januar 2010 von Bischof Hans-Jörg Voigt
Predigt-Reihe II
Römer 1, 14-17
14 Ich bin ein Schuldner der Griechen und der Nichtgriechen, der Weisen und der Nichtweisen;
15 darum, soviel an mir liegt, bin ich willens, auch euch in Rom das Evangelium zu predigen.
Das Evangelium als Kraft Gottes
16 Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen.
17 Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben;wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«
1. St. Paulus begründet seinen Brief und seinen Reisewunsch
2. Das Evangelium ist die alles bewegende Kraft
3. Aus Glauben in Glauben - wider das neue Gesetz des Glaubens
Liebe Gemeinde!
Man schreibt vermutlich das Jahr 55/56 nach Christi Geburt. Auch in der Mittelmeerhafenstadt Korinth ist Winter. Längst haben die Stürme die Schifffahrt im Mittelmeer zum Erliegen gebracht. Das aber ist die Zeit, um Reisepläne zu schmieden, denn gelungene Reisen wollen von langer Hand vorbereitet werden.
In Korinth geht der Apostel Paulus in seiner Wohnung unruhig auf und ab. Am Tisch sitzt ein Mann, dessen Namen wir genau kennen: Tertius, denn am Schluss des Briefes grüßt er persönlich: „Ich, Tertius, der ich diesen Brief geschrieben habe.“
Er, der Schreiber, hält die Gänsefeder in der Hand, die er gerade frisch angeschnitten hat. Das Tintenfass steht in Reichweite. Reisepläne sind es, die der Apostel geschmiedet hat. Sobald die Witterung es wieder zulässt, will er nach. Jerusalem reisen., um die Kollekte abzuliefern, die er für die notleidende Gemeinde dort gesammelt hat. Danach aber will der Apostel nach Spanien, um dort zu predigen. Er wendet sich damit vom Osten zum Westen des römischen Reiches. Und weil solch eine Expedition gut ausgerüstet werden muss, braucht Paulus den Rückhalt der großen Gemeinde, der Gemeinden in Rom, so kann man aus den Zusammenhängen vermuten.
Nun hat aber Paulus diese große und wichtige Gemeinde nicht gegründet. Er muss also in einem ausführlichen Brief seinen theologischen Werdegang, das Evangelium von Jesus Christus
vorstellen. Paulus diktiert, Tertius schreibt. So haben wir mit dem Römerbrief eine ungeheuer wichtige Grundsatzerklärung vor uns. Wir können die Bedeutung dieser Epistel erahnen, wenn Luther reichlich 1500 Jahre später gerade über unseren Predigtabschnitt schreibt: “So ist mir diese Paulusstelle wahrhaftig das Tor zum Paradies gewesen...“
Zu 1.
In den ersten beiden Versen begründet St. Paulus seinen Brief und seinen Reisewunsch. Ein wenig davon ist ja schon angeklungen. Paulus diktiert dem Tertius: “Ich bin ein Schuldner der Griechen und der Nichtgriechen, der Weisen und der Nichtweisen, darum, soviel an mir liegt, bin ich willens, auch euch in Rom das Evangelium zu predigen“ Daß Paulus nach Spanien reisen will, und dass er dafür vielleicht die Unterstützung der Hauptstadtgemeinde braucht, ist ja nur vordergründig betrachtet. Er sagt von sich “Ich bin Schuldner..“.
Nun, ein Schuldner hat etwas empfangen, das ihm nicht gehört, das er zurückgeben muss. Paulus hat von Gott den Reichtum der guten Nachricht von Jesus Christus unverdient empfangen. Nun ist er schuldig, dies empfangene weiterzugeben. Wenn ich zum Beluspiel von meinem Bruder Geld geborgt habe, dann könnte er zu mir sagen: gib den Betrag dann gleich an den Kassierer, der bekommt auch noch von mir.
Gott hat uns mit dem ewigen Leben beschenkt und wir sind nun wie Paulus schuldig, weiterzugeben - den Griechen, das waren die Gebildeten, die Demokraten. Weitergeben das Evangelium auch den “Nichtgriechen“. Das sind laut Urtext die “Barbaren“. Sprachgeschichtlich sind die Barbaren die, die immer nur Babababa sagen können, also die Fremdsprachigen, sagen wir etwas weniger abschätzig. Griechen und Barbaren, das Evangelium gilt dem Universitätsprofessor genauso, wie dem Einwanderer aus Togo.
Schließlich weiß der Apostel ja nicht, wer zur Kirche in der großen Reichshauptstadt Rom gehört deshalb zählt er alle auf, die er ansprechen will.
Zu 2.
St. Paulus schämt sich des Evangeliums nicht, „denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben.... Darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.“, so schreibt er den Römern weiter. Nachdem er also begründet hat, warum er einer fremden Gemeinde einen Brief schreibt, beginnt er mit der Botschaft des Evangeliums. Evangelium, wir wissen, was Paulus damit meint, das ist die gute Nachricht von Leiden, Sterben und Auferstehen Christi. Das haben wir schon gehört, nicht wahr? Das kennen wir schon so gut aus vielen Predigten, nicht wahr?
Ich muss an dieser Stelle eine Geschichte erzählen, die die ganze Welt verändert hat. Sie hat sich irgendwann zwischen 1513 und 1517 zugetragen, vermutlich im Frühjahr 1513. Ganz einig sind
sich die Wissenschaftler darüber nicht.
Ein junger Mann mit geschorener Glatze sitzt in Wittenberg in seiner Studierstube und übersetzt den Römerbrief für seine wissenschaftlichen Studien.
Gleich zu Beginn kommt er an unsere Stelle und liest: „Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen.
17 Denn darin wird offenbart Gottes Gerechtigkeit...“ Dieser Mann, ganz klar, es ist Luther, bleibt an diesem 17 Vers hängen und fragt sich: Wieso offenbart das Evangelium, also die gute Nachricht! die Gerechtigkeit Gottes?
Er kannte Gottes Gerechtigkeit als eine unbedingte und gnadenlose. Alle Regungen des menschlichen Herzens sind der Gerechtigkeit Gottes bekannt. Alle Gedanken, kennt der gerechte Richter der Welt. Der junge Mönch und Professor beginnt diesen Richter Gott und seine Gerechtigkeit zu hassen. Er schreibt über sein Studium unseres Predigtwortes: “Ich hasste den gerechten und die Sünder strafenden Gott und war im stillen.., mit ungeheurem Murren empört über Gott.“
Doch dann stößt Luther auf ein sprachliches Problem. Es gibt im
Griechischen verschiedene Arten den Genitiv zu übersetzen. Und mit einem Mal wird es richtig hell im Zimmer und sein Herz geht auf: hier ist nicht Gottes Gerechtigkeit gemeint, sondern die Gerechtigkeit eines anderen vor Gott. Und Luther schreibt und übersetzt mit zitternder, erregter Hand: im Evangelium wird „offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.“ also die Gerechtigkeit, die Christus für uns erkauft und erworben hat.
Durch den Glauben an das Evangelium sind wir vor Gott gerechte, heilige, makellose Menschen, hell und gesund an unseren Seelen. Es geht hier nicht um Gottes Gerechtigkeit sonder sprachlich völlig korrekt um die Gerechtigkeit eines anderen: Christus hat diese Gerechtigkeit für uns erkauft. Für Luther war das sein Berg der Verklärung. An diesem 17 Vers im ersten Römerkapitel hing seine große Geistgewirkte Entdeckung: “So ist mir diese Paulusstelle wahrhaftig das Tor zum Paradies gewesen...“
Zu 3.
An dieser Stelle hat sich in die Kirchen der Reformation ein furchtbares Missverständnis eingeschlichen, das so weit verbreitet ist, dass man ganz mutlos werden könnte. Die Evangelische Christenheit allgemein kann man schon formulieren- missversteht St. Paulus und Luther, wenn sie meint, der Glaube sei die einzige Bedingung zum Heil. Wenn Paulus schreibt: „Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben“ dann ist der Glaube nicht unser Anteil,
sondern Gottes Geschenk! Das ist der Grundgedanke des ganzen Römerbriefes: Glauben heißt nichts anderes als durch Christus versetzt sein aus dem Tod ins Leben. Glauben heißt: Getauft sein! Glaube ist Geschenk und Gabe Gottes. Wie könnte das Evangelium eine Kraft Gottes sein, eine umwerfende Dynamis, wenn es dann doch an uns hängt? Gerechtigkeit, schreibt Paulus kommt aus Glauben, nämlich aus dem durch die Kraft des Evangeliums geschenkten Glauben und führt wieder zum Glauben. “aus Glauben zum Glauben" und alles aus Gott. Das ist so tröstlich für dich, Du brauchst den Glauben nicht selbst hervorzubringen, sondern dein Taufglaube wird immer wieder neu entfacht durch Gott selbst.
Schluss: Wenn du Dir heute hier in der Kirche auf Deine Hände siehst und dich selbst anschaust, dann siehst du einen Menschen von dem du weißt, dass er morgen wieder sündigen wird und du selbst kennst dich recht gut. Gerechtigkeit? Ist nicht so weit her.
Wenn wir jetzt mal nach oben sehen, dann ist da nur scheinbar ein Kirchendach drauf, denn wenn Gott durch dieses Kirchendach guckt, weißt Du was er sieht: lauter Christusse in der Bank hocken. Gott hat einen verklärten Blick. Er hat eine Brille auf, auf der steht Taufbrille oder Kreuzbrille und mit dieser Brille sieht er nur noch seinen Sohn. Er sieht nur noch seinen Sohn und die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Amen.