Ansprache zur Passionsandacht am 17. März 2010, Bischof Hans-Jörg Voigt

Johannes 13,36-38 und Johannes 18,12-27

Disposition

  1. Die Gratwanderung zwischen Zuversicht, Mut und Selbstüberschätzung
  2. Die Verleugnung
  3. Die Reue

Liebe Gemeinde!
Diese Petrusgeschichte ist es wert, dass wir sie uns übers Bett hängen, an den Zahnputzbecher kleben oder auf anderem Wege ganz fest in unserer Erinnerung verankern: weil sie typisch ist für unsere christliche Existenz.

1. Das erste Kapitel dieser Geschichte lautet: Die Gratwanderung zwischen Zuversicht, Mut und Selbstüberschätzung.
Dieser Petrus ist ja auch eine beeindruckende Gestalt und es lohnt sich auch, seine Stärken in den Blick zu nehmen. Er ist ein Mann von echtem Schrot und Korn mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. Der Maler Otto Dix hat diesen Petrus 1957 in Öl gemalt und eine Kopie liegt in den Bänken aus. Derbe große Fischerhände sind da zu sehen. Der Mann brauchte in seinem Leben keinen Handwerker – er war selbst einer. Und wir sollten ihn nicht vorschnell verdammen und vom Ende der Geschichte her urteilen. Wenn er hier zu Jesus Christus sagt: „Herr, wo gehst du hin? Jesus antwortete ihm: Wo ich hingehe, kannst du mir diesmal nicht folgen; aber du wirst mir später folgen. Petrus spricht zu ihm: Herr, warum kann ich dir diesmal nicht folgen? Ich will mein Leben für dich lassen.“ dann sind das starke und mutige Sätze. Das kommt bei ihm ja aus ehrlichem Herzen und war nicht geheuchelt. Liebe Gemeinde, es braucht solchen Glaubensmut, solche ungebremste Zuversicht auch in unseren Tagen. „Herr, wir packen das an mit der Hausrenovierung!“ Ich bin in Gedanken immer noch bei unserer Gemeindeversammlung. „Herr, ich will mit meinem Leben für dich da sein!“ Wunderbar, wenn Menschen auch heute noch zu solcher Petrussätzen finden. Menschen mit Glaubensmut und Zuversicht tun der Kirche gut. „Ich will mein Leben für dich lassen.“ Wenn sich solche Sätze aber allein auf die eigene Kraft verlassen, werden sie zur Selbstüberschätzung. Deshalb sagt Jesus hier: „Du willst dein Leben für mich lassen? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Der Hahn wird nicht krähen, bis du mich dreimal verleugnet hast.“

2. Das zweite Kapitel dieser Petrusgeschichte: die Verleugnung.
O, wie ich mit dem Petrus nachempfinden kann. Da sitze ich in einem Bahnabteil. Im Abteil sitzt ein Mann im mittleren Alter, zittrige Hände, gerötete aber sehr sensible Gesichtszüge, ein wenig verwahrlost mit einer Dose Bier in der Hand – offensichtlich ein Alkoholiker. Eine junge attraktive Studentin und ein Mensch mit Migrationshintergrund, wie sich herausstellt ein Moslem. Und ich sitze da im Pfarrerhemd für alle als Kirchenmann erkennbar. Da fragt mich der Moslem: „Was sagt eigentlich Kirche zu Alkohol?“ Plötzlich ist es still im Abteil und der Mann mit den zittrigen Händen hat seine Bierdose abgesetzt. Und ich überlege: Ob ich jetzt dem Fragesteller antworte, der meine Antwort vielleicht gar nicht braucht oder antworte ich dem Alkoholiker, der da verschüchtert in der Eckes sitzt oder antworte ich der Studentin, die kritisch distanziert so tat als läse sie in ihrem schlauen Buch. Ich weiß nicht mehr im Einzelnen, was ich geantwortet habe. Aber ich habe mich gefühlt wie Petrus. „Da sprach die Magd, die Türhüterin, zu Petrus: Bist du nicht auch einer von den Jüngern dieses Menschen? Er sprach: Ich bin's nicht.“ So hat sich das der Petrus mit dem Sterben für seinen Herrn nämlich nicht vorgestellt, dass es mit einer womöglich attraktiven jungen Frau anfängt, die ihn bloß stellt. So hatte ich mir das mit dem Zeugnis für Jesus Christus auch nicht vorgestellt, in einem Zugabteil mit einer Studentin, einem Moslem und einem Alkoholiker. Ich hatte mehr so an den Vortragsabend gedacht, gut vorbereitet, alle aus einer Gemeinde, intellektuell anspruchsvoll. Aber so, im Zugabteil?  - „Er sprach: Ich bin's nicht.“ Liebe Gemeinde, wenn wir uns in solchen Situationen der Anfechtung allein auf unseren Mut, auf unseren Verstand verlassen, dann ist Scheitern vorprogrammiert. Der Apostel Paulus schreibt zu diesem Thema in seinem 7. Kapitel des Römerbriefs einen entlarvenden Satz: „Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“

3. Das dritte Kapitel: die Reue.
„Da leugnete Petrus abermals, und alsbald krähte der Hahn.“ Der Hahn spielt eine wichtige Rolle. Auf dem Bild von Otto Dix kräht er selbstbewusst ohne einen leisen Zweifel an seiner Bestimmung in Morgen hinaus. Fast Hartes und Vernichtendes liegt in den Zügen des Hahnes. Der Hahn, der das Ende der Finsternis ankündigt, führt hier bei Petrus zur Schuldeinsicht. Und Petrus versinkt vor Scham in der Erde. Der Künstler hat das anschaulich ins Bild gesetzt: Vor Scham in die Erde versinken!  Da kommt kein Licht mehr hin, ob die Sonne auch noch so hell scheint. Die Tränen fließen wie Vorhänge und die derben Fischerhände versuchen, das Gesicht zu bedecken. Diese Momente kennt jeder von uns – nicht nur aus der Zeitung, sondern aus dem eigenen Leben. Liebe Gemeinde, dass dem Petrus hier die Reue geschenkt wird, dass er Tränen weinen kann, macht diesen Moment letztendlich zu einer Sternstunde seines Lebens. Die Normale Reaktion eines erwachsenen Mannes, einer erwachsenen Frau ist nämlich: „Ich alter Zausel sollte keine solchen Fehler mehr machen! Dumm gelaufen! Andere sind auch nicht besser! Was musste diese Magd da auch gerade herumlaufen und  mich erkennen?“ Petrus weint und erkennt. Diese ihm geschenkte Reue ist die größte Stärke, die ein Mensch haben kann. Wenn ein Handwerker, wie Petrus, Stück fertigt, zum Beispiel sein Fischerboot, dann muss er immer wieder prüfen und das Maß korrigieren. Alles Messen des Menschen setzt die Möglichkeit zur Korrektur voraus. Unser ganzes menschliches Leben besteht aus Einsicht, Korrektur, Vergebung. Otto Dix hat dieses Bild 1957 gemalt, eine Zeit in Deutschland, in der die Scham über deutsche Geschichte und die irrationalen Verbrechen unseres Volkes nicht mehr zu übersehen waren. Es gibt Leute, die sagen, dass irgendwann doch mal Schluss sein müsse, über die maßlose Schuld unseres Volkes zu reden. Ich behaupte, dass diese Erinnerung, diese Korrekturbereitschaft unsere größte Stärke auch als Volk ist. Ich weiß, die Tränen des Petrus werden von anderen schnell als Zeichen der Schwäche ausgelegt. In Wahrheit ist dies wohl der schwächste und stärkste Moment in seinem Leben.

Schluss:
Dies alles aber hat noch eine andere Ebene. Reue ist immer eine Beziehungsfrage. Ich bereue etwas im Bezug auf einen Menschen, dem ich Unrecht getan habe. Petrus bereut im Bezug auf seinen Heiland Jesus Christus, dem hat er Unrecht getan. Und er ahnt in der Tiefe seines Herzens schon, dass diese Liebe ihn trägt. Wenn wir noch einmal auf das Bild sehen: Mit diesem Jesus Christus wird er aus dem Grab seiner Scham und Reue auferstehen. Die Ostersonne kündigt dies schon an. Nach Ostern wird der Auferstandene Petrus fragen: „Hast du mich lieb?“ Und in dieser Frage liegt die ganze aufgeopferte Liebe Jesu, liegt die ganze Vergebung. Es ist die gleiche Liebe, die uns fragt: „Glaubst du, dass die Vergebung, die ich dir zuspreche, Gottes Vergebung ist? Hast Du mich lieb?“ „Ja, Herr!“ Und Jesus lässt dir ausrichten: Dir sind deine Sünden vergeben. Amen.