Predigt für den 8. Sonntag nach Trinitatis, 14. August 2011
von Pastor i. R. Johannes Junker
Predigt für den 8. Sonntag nach Trinitatis, 14. August 2011
Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung, dass ich hineingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist, und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott. Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist. Psalm 43, 3-5 (Intr.)
Liebe Gemeinde!
Der Anfang des vorhin gesungenen Introitus hat mich dazu bewogen, heute Psalm 43 als Grundlage für meine Predigt zu nehmen. Wenn ein Pastor, wie der eurige, „in den besten Jahren“ seines Wirkens gerade eben von Gott heimgerufen wurde, ist das für alle, die zurück bleiben, ein erschütterndes, eben ein bewegendes Ereignis, das den für diesen Sonntag vorgesehenen Stücken des Gottesdienstes eine andere Klangfarbe verleiht, auch gerade dann, wenn kein Beerdigungsgottesdienst vorweg genommen werden kann und soll. Es wäre denkbar, dass dieser Psalm auch als Gebet eines Pastors am Ende seines Amtslebens Verwendung findet: „Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung, dass ich hineingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist, und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott. Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.“ Bei dem Amtsverständnis eures ehemaligen Seelsorgers läge dieses Gebet ganz auf seiner Linie. Aber, liebe Gemeinde, dieses Wort soll uns heute als Gemeinde dazu helfen, mit dieser doch für Alle bewegenden Situation umzugehen. Der Psalm ist ja auch ausgewiesen als Lied der „Söhne Korachs“, einer Sängerfamilie, die für den Kantoreidienst im Gottesdienst zuständig war. In den Gesang dieser alttestamentlichen Kantorei wollen wir heute mit einstimmen, dass Gottes Licht und Wahrheit uns geleite
1. Zum Haus Gottes
2. Zum Tisch der Herrn
3. Zum Stillesein in Gott
1.Licht und Wahrheit geleitet uns zum Haus Gottes: Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung.
Gewiss ist Gottes heiliger Berg und seine Wohnung zunächst der heilige Berg Zion, der Tempel, für uns heute die Kirche, das „Gotteshaus“ wie wir es auch nennen, obwohl wir auch wissen, dass Gott gerade auch außerhalb dieser Mauern wirkt. Aber hier in seiner Wohnung ist er in besonderer Weise gegenwärtig. Zwei Dinge werden hier genannt: Gottes Licht und Gottes Wahrheit.
• Gottes Licht. In stockdunkler Nacht, in einem fremden Haus wäre es beängstigend und hoffnungslos nach einer Kerze oder einem Lichtschalter zu suchen. Auch der Tod und das Sterben mutet uns wie eine so stockdunkle Nacht an, nicht, weil nun eben schwarz auch als Trauerfarbe angesehen wird, sondern weil wir noch keine eigenen Erfahrungen damit gemacht haben und der Tod eben noch wie ein unbekanntes vor uns liegendes dunkles, finsteres Tor erscheint. Aber weil uns Gottes Licht leuchtet, uns auch „sein Angesicht erleuchtet“ und der strahlt, der von sich gesagt hat: „Ich bin das Licht der Welt“, von dem wir in der dunklen Osternacht bezeugen: „Christus ist das Licht“ müssen alle Dunkelheitsängste weichen. Aber es gehört auch
• Gottes Wahrheit zum Geleit in Gottes geborgene Arme. Jesus sagt selbst: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater, denn durch mich“(J 14,6) und noch genauer in seinem hohepriesterlichen Gebet für seine Jünger: „Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit“(J 17,17). Ja, es kann eben immer nur eine Wahrheit geben, sicher nicht verschiedene sich widersprechende Wahrheiten. Das würde zwar unsere persönliche aber auch kirchlichen Wege einfacher machen, ginge dann aber auch haarscharf an Gott vorbei. Auch Unpopuläres, Unbequemes, Unbeliebtes Wort Gottes ist Gottes Wahrheit, die uns in alle Wahrheit, in die ewige Wahrheit leitet und so, dass auch wir uns immer in Gottes Hause geborgen wissen.
2. Gottes Licht und Wahrheit geleitet uns zum Tisch des Herrn: Dass ich hineingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist, und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.
Das Heilige Abendmahl, das wir auch jeden Sonntag feiern, schließt uns Lebende mit unseren Toten zusammen, natürlich auch gerade mit unserem heimgegangenen Pastor, für den es ohnehin ein Herzensbedürfnis war. Daher beten wir auch im großen eucharistischen Dankgebet jedes Mal vor dem Abendmahl: „…Durch ihn loben deine Majestät die Engel, beten dich an die Gewalten, fürchten dich die Mächte; die Himmel und aller Himmel Kräfte samt den seligen Seraphim preisen dich mit einhelligem Jubel. Mit ihnen lass auch unsre Stimmen uns vereinen…“. Da feiern wir eben auch heute mit all denen zusammen, die uns vorausgegangen sind. Das finden wir auch bei Wilhelm Löhe in einem Kirchenlied ausgedrückt, das wir heute noch als Schlusslied singen wollen:
Unsichtbar stehn um ihn die Cherubim, verhüllt das Angesicht,
und alle Heilgen neigen sich vor ihm, entflammt von seinem Licht;
auf ewig ist entschwunden, was Erd und Himmel trennt,
denn Gott hat sie verbunden im heilgen Sakrament (ELKG 476,3).
So bleiben wir im heiligen Sakrament fest verbunden mit allen Heiligen, mit Martin Luther, Louis Harms unseren frommen Vorfahren und auch mit Pastor Grünhagen, "denn Gott hat uns verbunden im heilgen Sakrament." Ist das nicht ein wirklich schöner Trost, nicht nur an einem solchen Tag, wie diesem?
3. Gottes Licht und Wahrheit geleiten uns zum Stillesein in Gott.
Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.
Das ist ein Refrain, ein Kehr-Vers, der in dem Lied drei Mal wiederholt wird. Sicher sind auch wir heute mehrfach der Betrübnis ausgesetzt. Bis ins Innerste sind wir erschüttert. Hätte Gott nicht stattdessen lieber einen ganz alten Pastor nach Hause holen können? Mich zum Beispiel? Was wird nun aus uns, aus unserer Gemeinde hier und in Hildesheim? Werden wir einen geeigneten neuen Hirten finden und berufen können? Und wird der dann überhaupt zu uns hierher nach Hannover kommen können und wollen? „Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?“ Die Angehörigen sind in ganz anderer Weise betrübt und unruhig. Besonders die Witwe und das kleine Kind. Wie soll alles nun weitergehen? Wo sollten wir Wohnung suchen? Was kann ich arbeiten, was wie und wo etwas dazuverdienen?- Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Fragen über Fragen aus der Betrübnis heraus! Aber am Schluss heute und an allen anderen betrüblichen Situationen unseres Lebens steht keine Frage, sondern eine ganz feste Zusage: „Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.“ „Harren“,- ein poetischer Ausdruck in Liedern vorkommend – bedeutet „treu und geduldig warten“, eben ausharren. Warten worauf? Auf Gott. Er wird die vielen ungelösten Fragen schon beantworten zu seiner Zeit, vielleicht nicht heute, sondern zu seiner Zeit eben. Das ist für uns, für Gemeinde und Angehörige, kein billiger Trost. Manche von uns – auch ich – haben das ja schon selbst in ihrem Gottesverhältnis erlebt und erfahren. Solch geduldiges Warten ist niemals vergeblich. Manchmal fällt es schwer. Oft werden wir ungeduldig. Aber nie ist es vergeblich. Auch der leidgeprüfte Paul Gerhardt singt:
Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt
der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn,
der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann. (ELKG 294,1)
Zum allerletzten Schluss steht da noch etwas vom "Gott danken". Das ist heute vielleicht schwer. Das war es auch den Psalmsängern. Sie können das offenbar auch nicht jetzt, sofort, aber sie behalten es sich für die Zukunft vor, denn sie singen: „…denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.“ In hoffentlich nicht zu ferner Zukunft soll uns als Gemeinde und den Angehörigen das wieder möglich sein: „…denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist."
Dass Jesu Licht und Wahrheit uns in diesen bewegenden Tagen geleite - also auch leite - und unsere zukünftigen Wege gestalte war, ist uns bleibt unser Thema. Daher schließen wir:
„Zuletzt hilf uns zur heilgen Stadt,
die weder Nacht noch Tage hat,
da du, Gott, strahlst voll Herrlichkeit,
du schönstes Licht in Ewigkeit.“ (ELKG 337.7)
Amen.